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Es ist keineswegs die Intention der Autoren, die katholische Kirche zu kritisieren oder dieser zu schaden, wie die Diskussionsbeiträge nahelegen könnten . In der Studie ging es vielmehr um die sachliche Beschreibung von sexuellen Missbrauchstaten, die von katholischen Priestern begangen wurden oder deren sie verdächtigt worden sind und die von Verantwortlichen in der katholischen Kirche inadäquat behandelt und teilweise systematisch vertuscht worden sind (1). Es sind diese immer noch nicht im Detail aufgedeckten und aufgeklärten kircheninternen Vorgänge, die der Glaubwürdigkeit der katholischen Kirche massiv schaden, und nicht etwa die Publikation von Studienergebnissen. Auf die Möglichkeiten der Studie aber auch die methodischen Limitationen, die teilweise den Autoren von der Kirche selbst vorgegeben wurden, geht die Arbeit detailliert ein.

In der Tat bleibt eine Reihe von Fragen offen. Auf den weiteren Forschungsbedarf verweist die Arbeit jedoch explizit. Auch die Thematik möglicher Falschbeschuldigungen wird in der Arbeit diskutiert, wobei es bei den Autoren der Studie Bedenken auslöst, wenn die Annahme geäußert wird, dass die Zahlung von 5 000 Euro im Rahmen des Verfahrens zu „Leistungen in Anerkennung des Leids, das Opfern sexuellen Missbrauchs zugefügt wurde“ ein wesentlicher Anreiz für mögliche Falschbeschuldigungen sein könnte. Dieses Verfahren wurde im Rahmen der MHG-Studie ausführlich analysiert (2). Dabei zeigte sich, dass sich viele Betroffene durch dieses Verfahren erneut nicht ernstgenommen fühlten und die Höhe der ausgezahlten Summen als demütigend empfanden. In einer aktuellen Übersichtsarbeit zum Thema der Glaubwürdigkeit von Opfern sexuellen Missbrauchs wird betont, dass die weit überwiegende Zahl von Beschuldigungen der Wahrheit entspricht (3). Hinzu kommt, dass eine aktuelle Dunkelfeldstudie mit bis zu 114 000 Betroffenen noch deutlich höhere Prävalenzen der sexuellen Viktimisierung von Kindern durch katholische Kleriker errechnet (4). Legt man diesen Befund zugrunde, so ist davon auszugehen, dass es neben einer sehr kleinen Zahl von möglichen Falschbeschuldigungen eine wesentlich höhere Zahl von Betroffenen gibt, die sich bisher noch gar nicht offenbart haben.

Es trifft zu, dass ähnliche Untersuchungen in anderen Institutionen bisher ausstehen und dringend notwendig wären. Die evangelische Kirche befasst sich derzeit mit der Planung einer solchen Studie. Allerdings hat die katholische Kirche die in der vorliegenden Arbeit in Ausschnitten vorgestellte MHG-Studie auch erst auf massiven öffentlichen Druck hin ausgeschrieben. Es gibt keine Institution mit ähnlich hoher moralischer Fallhöhe wie die katholische Kirche. Insoweit verbietet sich der Fingerzeig auf andere Institutionen. Die Autoren stimmen den Ausführungen von Prof. Briken im Editorial zu der Arbeit ausdrücklich zu, dass sich die Ärzteschaft mit den Ergebnissen der MHG-Studie befassen sollte (5).

DOI: 10.3238/arztebl.2019.0680

Für die Autoren

Prof. Dr. med. Harald Dreßing

Zentralinstitut für Seelische Gesundheit, Medizinische Fakultät Mannheim

Universität Heidelberg

harald.dressing@zi-mannheim.de

Interessenkonflikt

Alle Autoren der Studie bekamen Studienunterstützung und Reisekostenerstattung vom Verband der Diözesen Deutschlands und der Deutschen Bischofskonferenz.

1.
Dreßing H, Dölling D, Hermann D, et al.: Sexual abuse at the hands of Catholic clergy—a retrospective cohort study of its extent and health consequences for affeced minors (The MHG Study). Dtsch Arztebl Int 2019; 116: 389–96 VOLLTEXT
2.
MHG Forschungsprojekt: Sexueller Missbrauch an Minderjährigen durch katholische Priester, Diakone und männliche Ordensangehörige im Bereich der Deutschen Bischofskonferenz (2018). Online verfügbar unter www.zi-mannheim.de/fileadmin/user_upload/downloads/forschung/forschungsverbuende/MHG-Studie-gesamt.pdf. (last accessed on 8 July 2019).
3.
O´Donohue W, Cummings C, Willis B: The frequency of false allegations of child sexual abuse: a critical review. J Child Sex Abus 2018; 27: 459–75 CrossRef MEDLINE
4.
Bosen R: Neue Studie zu sexuellem Missbrauch. Fegert: „Das Problem ist nicht nur der Zölibat. www.dw.com/de/fegert-das-problem-ist-nicht-nur-der-zölibat/a-47890675 (last accessed on 8 July 2019).
5.
Briken P: The long road of inquiry following sex abuse by clergy. Dtsch Arztebl Int 2019; 116: 387–8 VOLLTEXT
1.Dreßing H, Dölling D, Hermann D, et al.: Sexual abuse at the hands of Catholic clergy—a retrospective cohort study of its extent and health consequences for affeced minors (The MHG Study). Dtsch Arztebl Int 2019; 116: 389–96 VOLLTEXT
2.MHG Forschungsprojekt: Sexueller Missbrauch an Minderjährigen durch katholische Priester, Diakone und männliche Ordensangehörige im Bereich der Deutschen Bischofskonferenz (2018). Online verfügbar unter www.zi-mannheim.de/fileadmin/user_upload/downloads/forschung/forschungsverbuende/MHG-Studie-gesamt.pdf. (last accessed on 8 July 2019).
3.O´Donohue W, Cummings C, Willis B: The frequency of false allegations of child sexual abuse: a critical review. J Child Sex Abus 2018; 27: 459–75 CrossRef MEDLINE
4.Bosen R: Neue Studie zu sexuellem Missbrauch. Fegert: „Das Problem ist nicht nur der Zölibat. www.dw.com/de/fegert-das-problem-ist-nicht-nur-der-zölibat/a-47890675 (last accessed on 8 July 2019).
5.Briken P: The long road of inquiry following sex abuse by clergy. Dtsch Arztebl Int 2019; 116: 387–8 VOLLTEXT

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