ArchivDeutsches Ärzteblatt40/2019Terminservice: Kaltes Sozialklima
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Herr Ge­sund­heits­mi­nis­ter Spahn erlässt ein Gesetz, wonach wir Ärzte verpflichtet werden, mehr zu arbeiten und mehr Patienten in unsere Klientel aufzunehmen. Indirekt unterstellt er damit, dass alle Ärzte nicht ausgelastet sind und mehr arbeiten und leisten sollen. Der zynische Kommentar von SPD-Mann Lauterbach, dass Ärzte eben weniger Golfspielen gehen sollen, unterstreicht die parteiübergreifende Ignoranz.

Sie ignorieren damit unsere Leistungsfähigkeit und unsere Grenzen. Seit über 2 000 Jahren gilt im Rechtswesen der Grundsatz, dass niemand über seine Möglichkeiten hinaus in Pflicht genommen werden darf (ultra posse nemo obligatur).

Ich selbst und die allermeisten Ärztinnen und Ärzte üben unseren Beruf sehr gerne aus. Aber sehr viele sind an der Grenze ihrer Leistungsfähigkeit angekommen – oftmals auch altersbedingt.

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Will Herr Minister Spahn uns jetzt bis zur Fahrlässigkeit in unsere Arbeit zwingen? Wir können bei Überlastung und fehlenden Kapazitäten nicht für viele Millionen Euro externe Hilfskräfte anheuern – wie das Ministerien der Regierung vielfältig tun.

Als niedergelassener Arzt bin ich selbstständiger Unternehmer, eigenverantwortlich und selbst haftend für mein Tun und meinen Betrieb. Deshalb empfinde ich das übergriffige Handeln von Herrn Spahn als arrogant. Opfer werden zu Tätern umgemünzt mit lautstarken Vorwürfen. Mit solchem ineffektiven Aktionismus verschleiert Herr Spahn nämlich, dass die verantwortlichen Politiker in unserem Gesundheitswesen und in der Sozialpolitik jahrelang die Berufe in Sozialeinrichtungen sträflich unterbewertet und sich nicht um Nachwuchs und Verdienste gekümmert haben.

Bei Erzieherinnen und Erziehern, Pflegekräften in Krankenhäusern und Alteneinrichtungen, Ärzten, Lehrern: überall besteht Mangel an Nachwuchs. Diese Entwicklung ist schon seit vielen Jahren bekannt und wird unfähig beobachtet. Es hilft nicht, wenn Herr Spahn bessere Personalschlüssel in Einrichtungen per Gesetz dekretiert, wenn das Fachpersonal erst gar nicht vorhanden ist. Im Gegenteil bewirkt es Reduzieren von Bettenzahl und Erhöhung der Pflegekosten.

Das soziale Klima in unserem Land ist kalt geworden und die Bedingungen sind zu sehr an Ökonomie orientiert. Das ist sehr traurig und gefährlich für menschliche Werte und den Zusammenhalt unserer Gesellschaft.

Dr. med. Bernhard Saur, 74564 Crailsheim

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