ArchivDeutsches Ärzteblatt40/2019Arzneiverordnungs-Report 2019: Patentarzneien als Kostentreiber

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Arzneiverordnungs-Report 2019: Patentarzneien als Kostentreiber

Dtsch Arztebl 2019; 116(40): A-1760 / B-1454 / C-1426

Korzilius, Heike

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Experten haben erneut die Hochpreispolitik der Pharmaindustrie kritisiert. Therapien mit Kosten von mehr als einer Million Euro führten das Gesundheitssystem an seine Grenzen.

Neue Gentherapeutika: Hoffnung für schwerkranke Patienten, Risiko für die solidarische Kran­ken­ver­siche­rung. Foto: beerkoff/stock.adobe.com
Neue Gentherapeutika: Hoffnung für schwerkranke Patienten, Risiko für die solidarische Kran­ken­ver­siche­rung. Foto: beerkoff/stock.adobe.com

Es ist fast so etwas wie ein Ritual. Jedes Jahr im Herbst erscheint eine neue Ausgabe des Arzneiverordnungs-Reports (AVR), der die Verordnungs- und Marktentwicklung analysiert, Einsparpotenziale benennt und sich in der Regel kritisch mit der Preispolitik der Pharmaindustrie auseinandersetzt. Die Analysen der Wissenschaftler basieren auf den Verordnungsdaten des GKV-Arzneimittelindex. Das Wissenschaftliche Institut der AOK wertet dafür die Arzneimittelrezepte der gesetzlich krankenversicherten Patienten aus.

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„Unsere Verordnungsanalysen zeigen seit vielen Jahren, dass Patentarzneimittel die wesentlichen Kostentreiber sind“, sagte der Mitherausgeber des AVR, Prof. em. Dr. med. Ulrich Schwabe, bei der Vorstellung der neuen Ausgabe am 24. September in Berlin. Danach sind die Arzneimittelausgaben der gesetzlichen Kran­ken­ver­siche­rung (GKV) im vergangenen Jahr zwar relativ moderat um 3,2 Prozent auf gut 41 Milliarden Euro gestiegen. Mit 18,8 Milliarden Euro geht jedoch fast die Hälfte der Ausgaben auf das Konto patentgeschützter Arzneimittel, die aber nur 6,4 Prozent aller Arzneimittelpackungen ausmachen.

Dass der Ausgabenzuwachs nicht höher ausgefallen ist, liegt Schwabe zufolge daran, dass die gesetzlichen Einsparmaßnahmen insbesondere bei Generika Wirkung zeigen. Die größten Einsparungen hätten im vergangenen Jahr mit 8,2 Milliarden Euro die Festbeträge erzielt, gefolgt von den Rabattverträgen mit 4,5 Milliarden Euro. Die Einsparungen, die im Zuge der Preisverhandlungen zwischen Krankenkassen und Pharmaunternehmen auf Basis der frühen Nutzenbewertung neuer Arzneimittel erzielt wurden, bezifferte der Pharmakologe mit 2,65 Milliarden Euro.

Kostenproblem für die Kassen

Umsatzstärkste Indikationsgruppe waren dem AVR zufolge im vergangenen Jahr die Onkologika mit sieben Milliarden Euro und einem überdurchschnittlichen Kostenanstieg von 8,3 Prozent im Vergleich zum Vorjahr (siehe Tabelle). Eine noch höhere Steigerungsrate wiesen mit knapp elf Prozent die Antithrombotika auf. Die Ausgaben beliefen sich 2018 auf 2,3 Milliarden Euro im Vergleich zu 284 Millionen Euro im Jahr 2011. Der Grund: Die traditionellen Vitamin-K-Antagonisten seien durch die neuen direkten oralen Antikoagulantien (NOAK) verdrängt worden. „Nach internationalen Leitlinien sind die NOAKs aber nur unter speziellen Bedingungen eine zu bevorzugende Therapieoption“, sagte Schwabe.

Umsatzstärkste Arzneimittelgruppen 2018
Umsatzstärkste Arzneimittelgruppen 2018
Tabelle
Umsatzstärkste Arzneimittelgruppen 2018

Der AVR-Autor warnte zudem vor den weiteren Entwicklungen. So kosteten die 30 nutzenbewerteten Arzneimittel des Jahres 2018 bis auf zwei Präparate mehr als 2 500 Euro jährlich. Spitzenreiter sei Vestronidase alfa, ein Orphan-Arzneimittel zur Behandlung einer lysosomalen Speicherkrankheit, mit Jahrestherapiekosten von 1,1 Millionen Euro. Während in diesem Fall nur wenige Patienten betroffen seien, stelle sich das Kostenproblem bei Aimovig völlig anders dar. Das neue Biologikum zur Migräneprophylaxe komme für die Behandlung von 2,4 Millionen Patienten infrage und verursache damit rechnerische Gesamtkosten von rund 30 Milliarden Euro zulasten der GKV. Das Präparat sei jedoch nur gegen Placebo und nicht gegen die zweckmäßige Vergleichstherapie getestet worden, kritisierte Schwabe. Daher sei ein Zusatznutzen nur bei 14 500 Patienten belegt, die auf keines der verfügbaren Migräneprophylaktika ansprechen. Allerdings habe der Gemeinsame Bundes­aus­schuss (G-BA) keine Verordnungseinschränkung beschlossen. „Wir dürfen gespannt sein, wie dieses Kostenproblem von der GKV gelöst wird“, erklärte Schwabe.

Eine weitere Fehlentwicklung im Arzneimittelmarkt zeigt sich für Prof. Dr. med. Wolf-Dieter Ludwig im Umgang mit Arzneimitteln zur Behandlung seltener Erkrankungen. Der Präsident der Arznei­mittel­kommission der deutschen Ärzteschaft (AkdÄ) und Mitherausgeber des AVR erklärte, von den 37 Arzneimitteln, die 2018 in Deutschland neu auf den Markt kamen, seien mehr als ein Drittel als Orphan-Präparate zugelassen worden, darunter sechs im Rahmen beschleunigter Zulassungsverfahren. Vielfach sei bei diesen Präparaten das Wissen über Nutzen und Risiko gering. Es überrasche deshalb nicht, dass der G-BA bei mehr als der Hälfte der seit 2011 im Rahmen der frühen Nutzenbewertung beurteilten Orphan-Arzneimittel den Zusatznutzen als nicht quantifizierbar dargestellt habe. Nach Ansicht von Ludwig setzt das derzeitige Fördersystem für die Forschung und Entwicklung von Arzneimitteln für seltene Erkrankungen falsche Anreize. Man müsse neben den geltenden Prävalenzkriterien sowie der Dauer der Marktexklusivität – zurzeit zehn Jahre – auch die genaue Definition von Begriffen wie „ungedeckter medizinischer Bedarf“ oder „signifikanter Nutzen“ überprüfen. Gegebenenfalls müsse bei ökonomisch sehr erfolgreichen Orphan-Arzneimitteln die Rückzahlung der den Pharmaunternehmen gewährten ökonomischen Anreize erwogen werden. Denn zum Beispiel würden in der Onkologie mit einigen Wirkstoffen mehr als fünf Milliarden US-Dollar jährlich umgesetzt.

Mehr Biosimilars verordnet

Positiv hob Ludwig hervor, dass Ärztinnen und Ärzte im vergangenen Jahr deutlich häufiger Biosimilars verordneten. „Dadurch konnten Einsparungen in Höhe von 227 Millionen Euro erreicht werden“, sagte Ludwig. „Bei konsequenter Verordnung des günstigsten Biosimilars anstelle des Originals wären allerdings zusätzliche Einsparungen in Höhe von 538 Millionen Euro möglich gewesen – und das ohne die Qualität und Sicherheit der medikamentösen Therapie zu gefährden.“

Angesichts der Preisentwicklung im Markt patentgeschützter Präparate erklärte Sabine Richard vom AOK-Bundesverband, die Pharmafirmen testeten die Zahlungsbereitschaft der gesetzlichen Krankenkassen für neue Arzneimittel immer weiter aus. „Wir brauchen eine gesamtgesellschaftliche Diskussion, wie die Solidargemeinschaft dauerhaft vor einer Überforderung geschützt werden kann“, forderte die Geschäftsführerin der Geschäftsführungseinheit Versorgung. Erfolgsabhängige Vergütungsmodelle, bei denen die Firmen Abschläge für die Patienten in Aussicht stellten, bei denen eine Behandlung nicht den versprochenen Erfolg bringe, erteilte sie eine Absage. Diese Modelle seien keine „Systemlösung“. Denn sie änderten letztlich nichts an den immer höheren Mondpreisen, die von der Solidargemeinschaft erst einmal vorfinanziert werden müssten.

Für eine kurzfristige Kostenkontrolle habe der Gesetzgeber mit dem Gesetz für mehr Sicherheit in der Arzneimittelversorgung schon die richtige Richtung eingeschlagen, meinte Richard. Das Gesetz ermächtige den G-BA, die Verordnung von Arzneimitteln mit noch unzureichender Evidenz auf Ärzte und Krankenhäuser zu beschränkten, die an einer begleitenden Datenerhebung teilnehmen. Im Übrigen bleibe die AOK bei ihrer Forderung, dass der im Rahmen der frühen Nutzenbewertung verhandelte Erstattungsbetrag rückwirkend am ersten Tag des Markteintritts eines neuen Medikaments gelten soll. Noch könnten die Firmen in den ersten zwölf Monaten ihre Preise selbst festlegen.

Industrie sieht keine Auffälligkeit

Fast so etwas wie ein Ritual war auch die Reaktion der Pharmaindustrie auf den AVR. Auffälligkeiten bei der Kostenentwicklung könne man nicht erkennen, erklärte der Verband forschender Arzneimittelhersteller. In den letzten zehn Jahren habe die Ausgabensteigerung bei Arzneimitteln jährlich im Mittel bei 3,1 Prozent gelegen und damit im Vergleich zu den anderen Leistungsbereichen wie ambulante Versorgung oder Krankenhaus am niedrigsten. Zu dieser insgesamt moderaten Entwicklung hätten insbesondere die Preisverhandlungen bei neuen Arzneimitteln beigetragen, die Einsparungen von 2,6 Millionen Euro generiert hätten. Auch der Bundesverband der Pharmazeutischen Industrie erklärte, von ausufernden Arzneimittelausgaben könne keine Rede sein. „Wenn wir in Deutschland eine Versorgung auf Topniveau haben wollen, sollten wir moderat ansteigende Arzneimittelkosten endlich als das begreifen, was sie sind: eine wünschenswerte Investition in Gesundheit und Lebensqualität von Millionen Patienten“, hieß es dort. Heike Korzilius

Umsatzstärkste Arzneimittelgruppen 2018
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Tabelle
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