ArchivDeutsches Ärzteblatt40/2019Arzneimittel-Lieferengpässe: Sparen heilt nicht

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Arzneimittel-Lieferengpässe: Sparen heilt nicht

Maibach-Nagel, Egbert

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Egbert Maibach-Nagel, Chefredakteur
Egbert Maibach-Nagel, Chefredakteur

Zuerst war es ein Blutdrucksenker aus der Gruppe der Sartane, der in größerem Stil und über Monate auf dem deutschen Arzneimittelmarkt nicht mehr erhältlich war. Inzwischen sind – neben Valsartan – beim Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) 239 Meldungen über Lieferengpässe gelistet, darunter auch Lieferengpässe für lebenswichtige Zytostatika.

„Ausreichend, zweckmäßig und wirtschaftlich“ soll laut Sozialgesetzbuch V die Versorgung im deutschen Gesundheitswesen erfolgen. Über „zweckmäßig und wirtschaftlich“ wird diskutiert, von „ausreichend“ kann angesichts der Mängel inzwischen nicht mehr umfassend die Rede sein. Die Bundesärztekammer (BÄK) hat deshalb an den Gesetzgeber appelliert, durch „eine nationale Arzneimittelreserve für versorgungsrelevante Medikamente“ Abhilfe zu schaffen. Die Gesundheitspolitiker der Union haben diese Aufforderung in ein Positionspapier der Unionsfraktion aufgenommen.

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Grund für die Lieferschwierigkeiten der Pharma-
industrie, so betonte BÄK-Vizepräsidentin Dr. med. Ellen Lundershausen Ende September, sei die Verlagerung der nur noch auf wenige Standorte konzentrierten Pharmaproduktion in außereuropäische Länder: „Wenn die Produktion an einer Stelle stockt oder die Qualität nicht stimmt, ist die ganze Versorgung infrage gestellt“, warnte die BÄK-Vizepräsidentin.

Mit dem Gesetz für mehr Sicherheit in der Arzneimittelversorgung hatte der Gesetzgeber Anfang dieses Jahres die Meldepflichten verschärft und die Kompetenzen des BfArM erweitert. An den durch Spar-Appelle ausgelagerten Produktionsstandorten kann das aber wenig ändern. „Wirtschaftlich“? Vielleicht, aber „ausreichend“ wohl kaum. Deshalb der Impetus der BÄK, durch Vorratslagerung die größten Schwierigkeiten abzupuffern. Mehr noch: Die BÄK fordert Maßnahmen wie ein internationales Arzneimittelregister, damit „wir wissen, welche Medikamente wo und unter welchen Bedingungen produziert werden“.

In der Unionsfraktion des Bundestages werden diese Forderungen zumindest erwogen. Für einen Bundesgesundheitsminister, der Gesetze im „Akkord“ produziert, wäre das Ansporn für wohl überfällige Korrekturen. Immerhin geht es in spezifischen Fällen für manchen Patienten um durchaus mehr, als in der Apotheke durch Rücksprache mit dem Arzt auf eine Alternative auszuweichen. Ein Lieferengpass für Zytostatika ist lebensgefährdend.

„Hauptsache gesund.“ Der Ex-Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD) zugeschriebene Wunsch an die Bundesbürger erhält in diesem Zusammenhang einen bitteren Beigeschmack, weil er in der Gesundheitsversorgung eines der prosperierendsten Industriestaaten dieser Welt nicht mehr nachhaltig verfolgt werden kann.

Aus mittel- bis langfristiger Warte ist zu hinterfragen, ob der immer wieder größtmöglicher Wirtschaftlichkeit geschuldete Druck der Krankenkassen auf die Pharmaindustrie letztlich nicht ins Gegenteil umschlagen kann. Auffangpositionen, wie sie jetzt im Gedankengut der CDU/CSU-Bundestagsfraktion verankert sind, müssen dringend umgesetzt werden, hoffentlich noch so schnell, dass eine bittere Erkenntnis unterbleibt: Sparen heilt nicht.

Egbert Maibach-Nagel
Chefredakteur

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