ArchivDeutsches Ärzteblatt40/2019Organspende: Weg der Reform noch ungewiss

POLITIK

Organspende: Weg der Reform noch ungewiss

Dtsch Arztebl 2019; 116(40): A-1759 / B-1453 / C-1425

Richter-Kuhlmann, Eva

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Noch in diesem Jahr soll das Parlament zwischen dem Entwurf eines „Gesetzes zur Regelung der doppelten Widerspruchslösung“ und dem Entwurf eines „Gesetzes zur Stärkung der Entscheidungsfreiheit“ entscheiden. Eine Präferenz zeichnet sich noch nicht ab.

Die Zahl der Organspender in Deutschland war von fast 1 300 im Jahr 2010 auf knapp 800 im Jahr 2017 zurückgegangen. 2018 gab es 955 Organspender. Foto: Your Photo Today
Die Zahl der Organspender in Deutschland war von fast 1 300 im Jahr 2010 auf knapp 800 im Jahr 2017 zurückgegangen. 2018 gab es 955 Organspender. Foto: Your Photo Today

Es lässt sich lediglich spekulieren, für welchen Reformweg bei der Organspende sich der Deutsche Bundestag Ende des Jahres entscheiden wird. Gilt in Deutschland künftig eine Widerspruchslösung oder eine Entscheidungslösung? Wie bereits bei der ersten Lesung der beiden konkurrierenden Gesetzentwürfe im Sommer herrscht auch jetzt im Parlament eine Pattsituation: Die Anzahl der Unterstützer der beiden Entwürfe sowie auch die der Unentschlossenen unter den Abgeordneten sind in etwa gleich.

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Wie umstritten es auch unter Experten ist, auf welchem Weg die Zahl der Organspenden in Deutschland gesteigert werden könnte, zeigte sich jetzt bei Anhörung im Gesundheitsausschuss des Bundestags, bei der die beiden fraktionsübergreifenden Gesetzentwürfe und ein Antrag der AfD-Fraktion zur Organspende zur Debatte standen.

Einige der geladenen Organisationen und Sachverständigen sprachen sich deutlich für die Einführung einer „doppelten Widerspruchslösung“ aus, die eine interfraktionelle Abgeordnetengruppe um Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Jens Spahn (CDU) anstrebt.

„Kultur pro Organspende“

Der Entwurf seiner Gruppe sieht vor, dass jeder volljährige Mensch in Deutschland als Organspender gilt – es sei denn, er widerspricht. Alle Personen ab 16 Jahren sollen informiert und als Spender bundesweit registriert werden, sofern sie dem nicht widersprechen.

Für diesen Reformweg plädierte bei der Anhörung auch der Präsident der Bundes­ärzte­kammer, Dr. med (I) Klaus Reinhardt. Die Einführung der Widerspruchslösung sei gerechtfertigt, notwendig sowie ethisch zulässig, sagte er. Es sei den Menschen zumutbar, sich mit dem Thema zu befassen und sich für oder gegen eine Spende zu entscheiden. „Die Zustimmungslösung hat nicht den erwarteten Effekt gebracht“, konstatierte Reinhardt.

Deutlich für die Widerspruchslösung votierte auch Prof. Dr. med. Bernhard Banas, Präsident der Deutschen Transplantationsgesellschaft. Derzeit könne die Transplantationsmedizin nur 25 Prozent der Patienten versorgen. „Das ist eine humanitäre Katastrophe“, sagte er. Die Einführung der Widerspruchslösung könne für „Kultur pro Organspende“ in der Gesellschaft sorgen.

Der Hamburger Rechtswissenschaftler Prof. Dr. jur. Reinhard Merkel hält die Widerspruchslösung einer Entscheidungslösung „moralisch deutlich überlegen“. Es sei eine ethisch wohlbegründete Pflicht der Bürger, eine Entscheidung zu treffen.

Dies sehen die beiden Kirchen anders. Sie unterstützen den Gesetzentwurf einer interfraktionellen Gruppe um Grünen-Chefin Annalena Baerbock. Diese möchte die bisherige Zustimmungslösung beibehalten, aber Aufklärung und Information verbessern, um eine bewusste und freiwillige Entscheidung der Menschen zur Organspende herbeizuführen.

Vertrauen und neue Strukturen

„Die Widerspruchslösung setzt dagegen auf die Trägheit der Menschen“, betonte der Leiter des Kommissariats der deutschen Bischöfe, Prälat Dr. theol. Karl Jüsten, bei der Anhörung im Bundestag. Dies zerstöre Vertrauen und löse kein einziges Problem. Vorrangigen Handlungsbedarf sehen die Kirchen bei den Strukturen in der Transplantationsmedizin. Sie setzen deshalb auf die Wirkung des im April verabschiedeten Gesetzes zur Verbesserung der Zusammenarbeit und der Strukturen bei der Organspende. Auch der Nephrologe Prof. Dr. med. Ulrich Kunzendorf vom Universitätsklinikum Schleswig-Holstein, Campus Kiel, betonte die Wichtigkeit der strukturellen Veränderungen. Studien bewiesen, dass sich dadurch die Anzahl der Organspenden deutlich steigern ließe.

Strikt gegen eine Widerspruchslösung sprach sich der Theologe Prof. Dr. theol. Peter Dabrock aus. Den Gesetzentwurf zur „doppelten Widerspruchslösung“ nannte er einen „doppelten Etikettenschwindel“. Er sei ethisch problematisch und unverhältnismäßig.

Dr. med. Eva Richter-Kuhlmann

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Wuerde!
am Freitag, 4. Oktober 2019, 22:32

Organspende

Organspende
Denkt denn niemand an Behinderte, Flüchtlinge, Obdachlose, sonstige Kranke, junge Menschen, die sich mit dem Thema noch nicht befassen können oder mögen. Auf diese Weise werden die Schwächsten der Gesellschaft automatisch zur staatlichen Bioverfügungsmasse.

Jeder Mensch besitzt eine weitere Bewußtseinsebene. Auch wenn die erste Ebene ausgeschaltet sein sollte und damit keine Spur sichtbare Kommunikation möglich ist, nimmt der Mensch noch einiges wahr und damit auch Schmerzen.
Davon abgesehen ist der Hirntod nach der derzeitigen Methode nicht feststellbar. Es sind lediglich Prognosen erkennbar.

Es ist unvorstellbar in diesem Sterbervorgang derart brutal einzugreifen.
Man hat die Hinrichtung abgeschafft und doch wieder etwas Schreckliches erschaffen. Nachfolgende Generationen werden uns als Barbaren beschimpfen.
Wer vor dem Sterben keine Achtung hat, hat auch keinen Respekt vor dem Leben.
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