ArchivDeutsches Ärzteblatt40/2019Datenschutz: Zeit der Übertreibungen

THEMEN DER ZEIT: Kommentar

Datenschutz: Zeit der Übertreibungen

Dtsch Arztebl 2019; 116(40): A-1771 / B-1464 / C-1436

Costa, Serban-Dan

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Im Jahre 2019 erleben wir den Sieg des Datenschutzes in allen Bereichen, nicht zuletzt in unserem Gesundheitssystem. Es vergeht keine Stunde, ohne dass man irgendetwas unterschreibt, was mit Datenschutz zu tun hat.

Prof. Dr. med. Serban-Dan Costa, Universitäts-Frauenklinik Magdeburg
Prof. Dr. med. Serban-Dan Costa, Universitäts-Frauenklinik Magdeburg

Selbstverständlich unterschreiben wir alle, Patienten wie Ärzte, unentwegt Texte, ohne diese zu lesen. Das hat mit unserer Lebenserwartung zu tun, man müsste sie verdoppeln, um all diese Datenschutzbestimmungen lesen zu können. Die Medizin ist noch nicht so weit, unser Leben ist noch zu kurz, wir arbeiten dran …

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Aber Datenschutz ist eine Erfolgsgeschichte. Der Erfolg ist die Angst vor Überwachung, Datenweitergabe, Manipulation. Während wir „AGBs“ im Internet unterschreiben, lassen sich andere in den sozialen Medien nackt fotografieren, verschicken Bilder aus Urlauben, von dargebotenen Speisen, neuen Kleidern, Besäufnissen, Katzen, Babys et cetera. Das alles wird in Sekunden verarbeitet und an Warenverkäufer weitergeleitet. Die Menge an Daten steigt unablässig. Es ist eher wahrscheinlich, dass die Server zugemüllt werden, als dass die „Bergbau-Programme“ (Data Mining) relevante Daten finden.

In der Medizin erleben wir jeden Tag neu, was man unternimmt, um Ärzte und Pflegende von der eigentlichen Arbeit am Patienten abzuhalten. Hieß es noch vor wenigen Jahren, dass 40 bis 50 Prozent der Arbeitszeit im Krankenhaus für die Dokumentation verwendet werden, verbringen Ärztinnen und Ärzte heute wahrscheinlich 60 bis 70 Prozent ihrer Zeit am PC. Die Patienten sind längst Störfaktor. Das ideale Krankenhaus hat keine Patienten mehr. Dort kann man dokumentieren, bis der Arzt kommt.

Ein Beispiel aus dem Klinikalltag für eine bahnbrechende Erneuerung? Blutröhrchen unserer Patientinnen sollen jetzt auf dem Weg von der Station ins Labor in undurchsichtige Tücher eingewickelt werden. Damit keiner sieht, von wem das Blut stammt. Anstelle des Namens könnte man eine Ziffer verwenden, aber auch das dürfte „der Chinese“ oder „die NSA“ durch Algorithmen oder anders geartete künstliche Intelligenz schnell herausfinden. Nicht auszumalen, wenn NSA und Chinesen erfahren, dass wir Frau Mustermann Blut abgenommen haben. Weil das Hacken der Laborautomaten für Profis ein Kinderspiel ist, wüssten Feinde der Freiheit schnell, wie der Hb- oder HK-Wert von Frau Mustermann ist. Sie könnten in Nullkommanichts herausfinden, dass ihr Hb-Wert heute niedriger ist als noch vor 23 Jahren. Algorithmen berechnen die Wahrscheinlichkeit, ob Frau M noch ihre Periode oder gar Myome entwickelt hat. Rückschlüsse auf die Pilleneinnahme über die letzten Jahre sind kinderleicht und „die Systeme“ können berechnen, welche Medikamente Frau M in den nächsten Jahren wahrscheinlich einnehmen muss. Die Info wird an Pharmafirmen verkauft, die ihre Produktion an Statinen, Eisenpräparaten, Blutdrucksenkern et cetera anpassen können. Das Gefahrenpotenzial ist, man kann es unschwer erkennen, immens.

Aber das Einwickeln von Blutröhrchen in Tücher reicht nicht, um diese Daten zu schützen. Die Transporteure sollten niemals vorher wissen, was sie wohin transportieren, erst bei Materialübergabe. Die Transportwege müssten jedes Mal anders sein, damit es keine Überfälle durch Datendiebe gibt. Security sichert den Transport ab, begleitende Hubschrauber sind selbstverständlich. Man sieht, Datenschutz schafft Arbeitsplätze.

Ein kleines Problem ist noch nicht gelöst. Deutschland ist eines der wenigen Länder, in denen es keine medizinischen Daten zur Häufigkeit von Krankheiten, also Inzidenzen und Prävalenzen gibt. Niemand kann sagen, ob es 75 000, 80 000 oder 100 000 Neuerkrankungen beim Brustkrebs gibt, ob hier oder da mehr oder weniger Menschen an Lungenkrebs oder Kreislauferkrankungen leiden, weil Register nicht funktionieren oder es gar keine gibt. Warum? Unter anderem wegen des Datenschutzes.

Mit anderen Worten: Wir haben einen traumhaften Datenschutz, aber keine Daten. Was schützt der Datenschutz, wenn es keine Daten gibt? Ich weiß es nicht, aber ich möchte nicht in China leben, wo alles kontrolliert wird. Oder in Ländern wie Dänemark oder den Niederlanden, in denen alle möglichen hervorragend funktionierenden Register vorhanden sind. Lieber arbeite ich in Deutschland, darf die einfachsten Dinge über Krankheiten nicht wissen, auch nicht, dass wir Morgen Frau Mustermann operieren wollen und dafür einen Hb-Wert brauchen.

Immer wieder wird kolportiert, dass wir in Deutschland wenig Humor besitzen. Mag sein, aber sicher ist: Wir machen uns immer mehr lächerlich.

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Avatar #791083
Datavise
am Mittwoch, 9. Oktober 2019, 16:46

Ein effektiver und praktikabler Datenschutz ist mit Sicherheit bei äußerst sensiblen Gesundheitsdaten weder übertrieben und schon gar nicht lächerlich!

Wenn auf Servern Millionen von Patientendaten, wie z. B. Brustkrebsscreenings, Wirbelsäulenbilder und Röntgenaufnahmen, offen zugänglich sind, wenn ein Blutspendedienst wochenlang Informationen über HIV- bzw. Hepatitis-Infektionen und Schwangerschaftsabbrüchen an Facebook unbemerkt überträgt und sich selbst auf Webseiten einiger deutscher Kliniken mehr als zehn verschiedene Werbe-Trackingtools von Drittanbietern finden lassen, dann sind wir von einem Sieg des Datenschutzes in Deutschland leider noch sehr, sehr weit entfernt!

Da sich auch in der Gesundheitsbranche die digitale Transformation und der Einsatz von künstlicher Intelligenz massiv weiterentwickelt, kommt dem Datenschutz von sensiblen Patientendaten zukünftig eher noch eine größere Bedeutung zu.
Dies schließt im übrigen eine damit parallel einhergehende bessere Absicherung der IT-Infrastruktur mit ein, denn auch in Deutschland wurden schon Kliniken durch Cyberangriffe zumindest teilweise erheblich in deren Abläufen beeinträchtigt.

Sarkasmus ist also bei diesem in Zukunft immer wichtiger werdenden Thema sicherlich nicht zielführend, sondern ein von Profis praktikabler und mit Augenmaß umgesetzter Datenschutz.

Ein Patient muss sich jederzeit absolut darauf verlassen können, dass seine persönlichen und sensiblen Gesundheitsdaten in sicheren Händen sind, ansonsten „krankt“ es am Datenschutz im Gesundheitswesen!

Mit freundlichen Grüßen (von einem der sich damit ernsthaft beschäftigt)
Martin Büsing
Datavise Datenschutz
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