ArchivDeutsches Ärzteblatt5/2000Patienten sind keine Kunden

POLITIK: Kommentar

Patienten sind keine Kunden

Dtsch Arztebl 2000; 97(5): A-229 / B-181 / C-169

Kloiber, Otmar

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LNSLNS Gerade in Zeiten, in denen Höflichkeit und Zuvorkommen aussterbende Tugenden sind, werden Kunden gerne zu "Königen" ernannt. Doch der Könige gibt es viele, und am Ende stehen wir wieder in der Kassenschlange, die nie enden will. So lernen wir, dass mehr noch als unser Staat unsere Wirtschaft entfeudalisiert ist - zumindest was "Könige" angeht. Zu dieser Art von "Königen" aber sollen nun unsere Patienten gemacht werden. Auf jener Insel in der Nordsee, die sich selbst niemals zum Kontinent Europa zählte, ist ein Streit darüber entbrannt, ob Patienten (patiens = leidend) denn noch Patienten sind oder aber ob sie nicht besser "service user", "clients" oder "customers" heißen sollten. Und auch in Deutschland gefallen sich immer mehr Ärzte darin, "Kunden" zu haben. Ein schwerer Irrtum - zumindest wenn man die Medizin mit Fürsorge, Nächstenliebe und sozialer Verantwortung zusammenbringt. Altmodisch?
Für einen Moment soll noch einmal davon ausgegangen werden, dass es diese Werte noch gibt, so wie sie als "Misericordia" und "Caritas" seit 2 000 Jahren mit dem Beruf des Arztes verbunden sind. Freilich, wer bereit ist, seine Praxis in ein "Profit-Center" zu verwandeln, Patienten nicht als (zumindest primär) schutzbedürftige Individuen anzusehen, sondern als "Kunden", der kann auch das mit ihnen machen, was mit Kunden üblicherweise gemacht wird: Wertschöpfung!
Im Geschäftsleben sind Bindungen meist flüchtig. Wir tauschen Waren oder Dienstleistungen gegen Geld, und beide Verkäufer beziehungsweise Dienstleister und Kunde hoffen auf ein gutes Geschäft. Und im Nachhinein wird klar: Das Lächeln, die Höflichkeit, die "Kundenorientierung" waren nur Werkzeug, um an unser Geld heranzukommen. In der Beziehung zwischen Kunde und Verkäufer gilt immer noch "caveat emptor!" (es hüte sich der Käufer), und darüber täuscht auch kein Verbraucherschutz hinweg. Wer sein Geld ausgibt, ist zunächst einmal selber schuld, wenn er danebengegriffen hat. Ist der Kunde unzufrieden, sei es mit Leistung oder Preis, kauft er das nächste Mal woanders ein. Dies ist gut so, und es hat uns eine satte Prosperität beschert. Doch immer mehr hat der Gesetzgeber die Grenzen des freien Handelns erkannt: Garantiefristen, Handlungs- und Minderungsrechte, Nachbesserungsansprüche und Rücktrittsrechte sind nur einige Indikatoren, die zeigen, dass die Souveränität des Käufers enge Grenzen hat. Der Staat muss den Kunden mehr und mehr schützen, damit er nicht über den Tisch gezogen wird. Die Autonomie eines Kunden ist dabei, zumindest theoretisch, ausgesprochen hoch: Mein Sparschwein kann ich schlachten oder mästen. Ich kann mir (vorausgesetzt, das Geld reicht) einen Fernseher kaufen oder eine Stereoanlage, den günstigsten Händler aussuchen oder stattdessen von meinem Geld in Urlaub fahren.

Aber was ist mit der Souveränität eines 40-Jährigen mit Herzinfarkt, eines 70-Jährigen mit Oberschenkelhalsbruch, eines juvenilen Diabetikers, eines Sportlers mit Meniskusabriss? Welche Souveränität hat ein Kind, das an den physischen und seelischen Wunden einer Misshandlung leidet? Welche "Kunden"Souveränität hat ein Suchtkranker? Und wo ist die "Kundenrolle" beim lebenslustigen Mittdreißiger, dem wir die Diagnose HIV-positiv vermitteln müssen? Thomas Gießen, seines Zeichens sächsischer Datenschutzbeauftragter, brachte es auf dem 101. Deutschen Ärztetag 1998 auf den Punkt: "Der Patient ist nicht mündig, sondern der Patient ist krank." Diese Aussage ist zwar nicht "p. c." (political correct), dafür aber wahr. Der Patient ist also krank, und günstigstenfalls wird er durch die Fürsorge, die Beratung und manchmal sogar erst durch die Therapie mündig und gerät dann in die Lage, über sich und seine Krankheit zu entscheiden. Diese Entscheidungen überlassen viele Patienten ihren behandelnden Ärzten - nicht weil sie unmündig sind, sondern weil sie eben krank sind und auf ärztliche Professionalität und Fürsorge vertrauen.


Die Souveränität als Kunde ist beim Patienten eben nur eingeschränkt oder gar nicht vorhanden. Könnte man sie umgekehrt per se unterstellen, wäre zumindest die Verschreibungspflicht von Arzneimitteln sofort aufzuheben. Letztendlich dient das Gerede um den "Kunden" im Gesundheitswesen zu nichts anderem, als ihn zum Objekt eines Geschäftsprozesses zu machen. Dahinter darf man auch das Be-streben vermuten, Rationierung von Gesundheitsleistungen als "Marktgeschehen" schönzureden oder zu camouflieren. Die Be-ziehung Patient-Arzt ist aber keine Geschäftsbeziehung. Der Arzt hat dem Patienten beizustehen, auch wenn dies seinen wirtschaftlichen Interessen entgegensteht. Dort wo Kollegen versuchen, Patienten als Kunden zu sehen, wird aus der ärztlichen Tätigkeit ein Gewerbe, und dort werden natürlich auch Verbraucherschützer ein dankbares und berechtigtes Feld der Aktivität finden. Wir sollten uns weder durch eine Kommerzialisierungs- noch durch eine Autonomiedebatte beirren lassen: Patienten sind keine Objekte, an denen Wertschöpfung exekutiert wird, sondern Subjekte, die mit ihren Leiden, Sorgen und Nöten den Rat und Hilfe ihres Arztes benötigen. Und nicht selten benötigen Patienten Schutz durch ihren Arzt: Schutz vor einem Staat, der die gesundheitliche Versorgung in immer stärkerem Maße bedroht, Schutz manchmal auch vor ihren Eltern, die sie misshandeln, Schutz vor ihren Erben, die nicht schnell genug an das Vermögen kommen, und hin und wieder brauchen Patienten auch Schutz vor sich selbst. All das ist mit einer Rolle als "Kunde" nicht vereinbar.
Patienten sind keine Kunden, sie wie Könige zu behandeln ist uns nicht verboten. Dr. med. Otmar Kloiber

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