ArchivDeutsches Ärzteblatt PP10/2019Psychosomatische Kliniken: Das Primat der Ökonomie

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Psychosomatische Kliniken: Das Primat der Ökonomie

PP 18, Ausgabe Oktober 2019, Seite 453

Streeck, Ulrich

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In vielen psychosomatischen Kliniken hat sich eine Komfort- und Wohlfühlkultur ausgebreitet, hinter der die medizinisch-therapeutischen Leistungen zurückstehen. Qualifizierte Psychotherapie verlangt aber mehr als Wohlfühlen und ist ohne Versagung nicht zu haben.

Prof. Dr. med. Ulrich Streeck, Facharzt für Psychiatrie, Psychosomatische Medizin und Psychotherapie
Prof. Dr. med. Ulrich Streeck, Facharzt für Psychiatrie, Psychosomatische Medizin und Psychotherapie

Die materiellen Objekte in einer psychosomatischen Klinik sind nicht neutrale Umgebung, sondern tragen zur Definition dessen bei, was dort Psychotherapie ist. Sie bringen zum Ausdruck, wie über das gedacht wird, was innerhalb der Klinik als Psychotherapie geschieht. Die Baulichkeit, die Gestaltung der Eintrittszone in die Klinik, die Flure, das Mobiliar, das Bett, die Essensräume haben ein Resonanzpotenzial. Sie können entgegenkommend sein oder abweisend, Zuversicht wecken oder Hoffnungslosigkeit verstärken.

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In einem großen Allgemeinkrankenhaus mögen die Objekte manchem Patienten kalt und allzu nüchtern erscheinen, ängstliche Resonanz wecken oder gar bedrohlich wirken, scheinen sie doch Unterwerfung zu verlangen und dazu aufzufordern, die Verfügung über den eigenen Körper abzugeben. Für einen psychosomatisch kranken Patienten können sie dagegen durchaus Funktionalität und instrumentelle Kompetenz verheißen: Der unübersehbare Zugang zur Notaufnahme verspricht rasche Hilfe im Falle einer befürchteten körperlichen Krise; das medizinische Personal in weißen Kitteln lässt auf Wissen und Fachlichkeit schließen; das Intensivpflegebett bekräftigt die Schwere des Leidens. Angesprochen von den Stimmen materieller Objekte, die Teil der Organmedizin sind, mag der Patient im nächsten Schritt erstmals Zugang zur Psychotherapie finden.

Dazu im Kontrast die Objektwelt in einer psychotherapeutischen Klinik, die im Internet oder in Hochglanzbroschüren präsentiert wird: ein repräsentativer Bau, eine imposante Empfangshalle, ein Kamin und wuchtige Sessel, davor Wiese, Bäume, ein Schwimmbad mit Sauna, Liegestühle, Blick auf den See; jedes Zimmer mit großzügigem Bad und Flachbildschirm, Blumenschmuck, lächelnde Menschen, ein reichhaltiges Buffet. Eine Klinik wie ein Komforthotel. Hier versprechen die Dinge Versorgung und Bedürfnisbefriedigung, Komfort und Rundumservice, Großzügigkeit und Genuss und laden zu regressiver Passivität ein. Dazu eine lange Liste mit Therapieangeboten: traditionelle chinesische Medizin, Genusstraining, psychosomatische Energetik, Bonding-Therapie bis hin zu Verhaltenstherapie und tiefenpsychologischer Psychotherapie, „ganzheitlich und integriert“, neuerdings hier und da ergänzt durch ein Bild von einem Gehirn. „Achtsamkeit“ verspricht unsere Leistungsfähigkeit und psychisch gesunde Arbeitskraft zu erhalten; Wege zur „eigenen Mitte“ werden in Aussicht gestellt, zum „wahren Selbst“, zu „Lebensfreude“ und „Glückserleben“ ebenso wie das Versprechen, innerhalb von drei Wochen „ungünstige Erlebens- und Verhaltensmuster zu ersetzen“. Psychotherapie scheint hier den Charakter einer Selbstoptimierungsaktivität angenommen zu haben, weit über das Selbstverständnis eines Faches hinaus, das sich mit psychischen Erkrankungen befasst.

Wie ist es dazu gekommen? Seit Mitte der 1970er-Jahre der Markt zum Organisationsprinzip von Staat und Gesellschaft geworden ist, sind auch Medizin und Gesundheit der Regulierung durch das Marktgeschehen überlassen. Mit dem Selbstkostendeckungsprinzip sind Krankenhäuser keine sozialen Einrichtungen mehr, sondern Dienstleistungsunternehmen. Damit sind Kliniken für Investoren zu interessanten Anlageobjekten geworden, die hohe Rendite versprechen. In den Folgejahren ist die Leitung der Kliniken – zumal der Kliniken in privater Trägerschaft – überwiegend an Wirtschaftsfachleute übergegangen; die Entscheidungshoheit hat sich von der ärztlichen Seite zugunsten der Geschäftsführung verschoben.

Die kaufmännischen Geschäftsführer psychotherapeutischer Kliniken setzen auf Selbstoptimierungsangebote. Die medizinisch-therapeutischen, ärztlich-pflegerischen Leistungen, die Stimme des Arztes, stehen hinter den Wohlfühlversprechen, der Stimme des Marktes, zurück. So hat sich unter dem Primat der Ökonomie in vielen psychosomatischen Kliniken eine Komfort- und Wohlfühlkultur ausgebreitet – zum Schaden der Psychotherapie. Denn Psychotherapie verlangt nicht zuerst Wohlfühlen, sondern die Bereitschaft, sich der eigenen psychischen Binnenwelt gegenüber zu öffnen. Das ist oft genug ein Wagnis und ebenso schwierig wie unangenehm. Qualifizierte Psychotherapie ist meist schwere Arbeit und verlangt den Patienten nicht zuletzt ab, sich zu einem kritischen und selbstkritischen Blick auf die eigene Person und die alltägliche soziale Lebenswelt vorzuarbeiten, und ist nicht ohne Versagung und Verzicht zu haben.

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