ArchivDeutsches Ärzteblatt5/2000Deutsche Krebshilfe: Verbundprojekt „Familiärer Darmkrebs“ gestartet

POLITIK: Medizinreport

Deutsche Krebshilfe: Verbundprojekt „Familiärer Darmkrebs“ gestartet

Dtsch Arztebl 2000; 97(5): A-234 / B-203 / C-182

Zylka-Menhorn, Vera

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LNSLNS Mithilfe dieses Programms sollen neue Standards in der Diagnostik, Therapie und Nachsorge des genetisch bedingten kolorektalen Karzinoms erarbeitet werden.


Mehr als 50 000 Menschen erkranken in Deutschland jährlich an Darmkrebs. Damit liegt das kolorektale Karzinom bei Frauen an zweiter und bei Männern an dritter Stelle der Krebshäufigkeiten. Fünf bis zehn Prozent der Darmkrebsfälle sind allerdings erblich bedingt und treten familiär gehäuft auf. Da sich diese Karzinome meist auf dem Boden gutartiger Polypen entwickeln, deren Transformation etwa zehn Jahre dauert, könnte dieses Schicksal zahlreichen Betroffenen durch entsprechende Vorsorgemaßnahmen (Polypektomie) erspart werden. Weltweit existiert allerdings noch kein standardisiertes Früherkennungsprogramm für DarmkrebsRisikofamilien. Die Deutsche Krebshilfe hat daher ein Verbundprojekt gestartet, dessen Ziel es ist, neue Standards in der Diagnostik, Therapie und Nachsorge zu erarbeiten. Dem Verbundprojekt "Familiärer Darmkrebs" sind sechs Zentren angeschlossen: Die Universitätskliniken Bochum, Bonn, Dresden, Düsseldorf, Heidelberg und München/ Regensburg. Referenzzentrum für Pathologie ist das Klinikum Kassel, und die Daten werden vom Institut für Medizinische Statistik in Leipzig ausgewertet. Die Deutsche Krebshilfe unterstützt das Programm mit neun Millionen DM für drei Jahre.
Beim erblichen Dickdarmkrebs unterscheidet man das erbliche kolorektale Karzinom ohne Polyposis (HNPCC), die Familiäre Adenomatöse Polyposis (FAP) sowie weitere, seltene Erkrankungen. Der große Unterschied zwischen HNPCC und FAP ist die Zahl von gutartigen Polypen der Darmschleimhaut und die Häufigkeit der Krankheit in der Bevölkerung. Bei der FAP findet man Hunderte bis Tausende kleiner Polypen, während diese Schleimhautwucherungen bei HNPCC nur vereinzelt vorkommen. Aufgrund des dominanten Erbganges bei diesen Krebserkrankungen vererben Betroffene das mutierte Gen auf 50 Prozent der Kinder. Wer dieses Gen trägt, hat im Falle von FAP ein Risiko von 100 Prozent für Dickdarmkrebs, im Falle von HNPCC von etwa 80 Prozent für eine Krebserkrankung aus dem HNPCC-Spektrum. Während Kolonkarzinome überwiegend bei 50- bis 70-Jährigen auftreten, erkranken Genträger oft schon in jüngeren Jahren. Risikofamilien sollten daher engmaschig untersucht und kompetent betreut werden. "Die wichtigste Vorsorgeuntersuchung ist daher die Darmspiegelung, die bei Angehörigen von Risikofamilien einmal im Jahr durchgeführt werden sollte", so Prof. Peter Propping (Universität Bonn). Das Verbundprojekt sieht vor, dass jeder, der an Darmkrebs erkrankt ist und befürchtet, eine erbliche Veranlagung dafür zu tragen, sich telefonisch mit einem der sechs Zentren in Verbindung setzen kann. Das Angebot der ärztlichen Beratung gilt auch für Gesunde, in deren Familie gehäuft Dickdarmkrebs vorkommt. Die Zentren verschicken dann Informationsmaterial oder vereinbaren einen Termin für die Sprechstunde. Anschließend erhält der Ratsuchende einen Brief über die Gesprächsinhalte und den Hinweis, ob eine molekulargenetische Untersuchung infrage kommt. Bei positivem Testergebnis werden dem Betroffenen - und seinen Angehörigen - die Konsequenzen und die möglichen Vorsorgemaßnahmen erläutert. Wie Prof. Robert Fischer, Vorsitzender des Medizinischen Beirates und Vorstandsmitglied der Deutschen Krebshilfe e.V., berichtete, erhoffen sich die Wissenschaftler von dem Verbundprojekt Antworten auf folgende Fragen:
- Wie effektiv ist die Krebsvorsorge bei erblichem Dickdarmkrebs?
- Wie viele Lebensjahre lassen sich bei Risikopersonen durch das Vorsorgeprogramm gewinnen?
- In wie viel Prozent der Fälle werden bei den Patienten Tumoren in einem Frühstadium entdeckt?
- Welche zeitlichen Intervalle der Vorsorge- und Früherkennungsuntersuchungen sollten bei Risikofamilien eingehalten werden?
- Wie hoch ist der Anteil der erblichen Dickdarmkrebse an der Gesamtzahl der kolorektalen Karzinome?
- Gibt es einen Zusammenhang zwischen der Art der Mutation und der Prognose der Betroffenen?
- Welche weiteren Gene sind für die Entwicklung eines kolorektalen Karzinoms verantwortlich?
Dr. med. Vera Zylka-Menhorn


Die sechs Zentren:
Knappschaftskrankenhaus, Universität Bochum, Tel 02 34/2 99-34 64.
Institut für Humangenetik, Universität Bonn, Tel 02 28/2 87-23 91.
Chirurgische Forschung, Universitätsklinikum Dresden, Tel 03 51/4 58-37 42 /-48 83.
Klinik für Allgemein- und Unfallchirurgie,
Universität Düsseldorf,
Tel 02 11/8 11-74 06/-63 97.
Abteilung Molekulare Diagnostik und Therapie, Chirurgische Universitätsklinik Heidelberg, Tel 0 62 21/56-28 76.
Abteilung für Medizinische Genetik, Universität München, Tel 0 89/51 60-36 83.
Chirurgische Universitätsklinik Regensburg, Tel 09 41/9 44-68 01.


Das erbliche kolorektale Karzinom ohne Polyposis (HNPCC) entwickelt sich aus einzelnen Polypen. Hier wurde ein Polyp mit einer Metallschlinge entfernt.


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