ArchivDeutsches Ärzteblatt PP10/2019E-Mental-Health: Nicht ohne vorherige Diagnose

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E-Mental-Health: Nicht ohne vorherige Diagnose

PP 18, Ausgabe Oktober 2019, Seite 450

Bühring, Petra

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Internetgestützte und mobilbasierte Interventionen können die ärztliche und psychotherapeutische Versorgung psychisch Kranker unterstützen. Ersetzen können die Interventionen den Psychotherapeuten jedoch nicht. Das war der Tenor bei einem „Zukunftsforum“ der Ersatzkassen.

„Schafft die Digitalisierung die Psychotherapeuten ab?“, wurden Iris Hauth (links), Ulrike Elsner (Mitte) und Gottfried Ludewig gefragt. Fotos: Georg J. Lopata
„Schafft die Digitalisierung die Psychotherapeuten ab?“, wurden Iris Hauth (links), Ulrike Elsner (Mitte) und Gottfried Ludewig gefragt. Fotos: Georg J. Lopata

Internetgestützte und mobilbasierte Interventionen (IMI) können die psychotherapeutische Versorgung sinnvoll ergänzen – Ersatz für einen Psychotherapeuten oder Psychiater sind sie hingegen nicht. Das war das Fazit des „Zukunftsforums“, zu dem der Verband der Ersatzkassen (vdek) am 11. September Experten aus Medizin, Psychotherapie, Politik und der Selbstverwaltung eingeladen hatte.

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Positive Effekte für Nutzer

„Schafft die Digitalisierung die Psychotherapeuten ab?“, lautete der provokante Titel der Veranstaltung. Deprexis, Novego, IfightDepression, TK-Depressionscoach oder Moodgym sind einige bekannte IMI, die Versicherten mit psychischen Problemen, zum Teil von den Krankenkassen, angeboten werden. „Die Programme sind gut evaluiert und haben durchaus positive Effekte für die Nutzer“, betonte Dr. med. Iris Hauth, die bei der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN) der „Taskforce E-Mental-Health“ angehört. Die Intervention Selfapy beurteilte die Psychiaterin eher kritisch, weil Interessierte es vorab kaufen müssten. Die IMI könnten zur Prävention, Frühintervention, hausarztbegleitend oder zu Nachsorge eingesetzt werden, erläuterte Hauth. Die meisten seien zur Therapie von Depressionen, Angststörungen und Abhängigkeitserkrankungen entwickelt worden und arbeiteten mit Ansätzen aus der Verhaltenstherapie. Hauth wies auf die Qualitätskriterien für IMI hin, die die DGPPN zusammen mit der Deutschen Gesellschaft für Psychologie (DGPs) erarbeitet hat [1]. „Wichtig ist aber in jedem Fall eine vorherige Diagnose durch einen Arzt oder Psychotherapeuten, schließlich gibt es auch Komorbiditäten“, erläuterte sie. Zudem könne beispielsweise auch eine Schilddrüsenunterfunktion die Ursache für eine Depression sein.

Der Vorstellung der vdek-Vorstandvorsitzenden Ulrike Elsner, dass die Krankenkassen künftig „mehr in die Versorgung gehen wollen“, erteilte Hauth eine eindeutige Absage: „Wenn Sachbearbeiter über die Behandlung entscheiden, können hochgefährliche Situationen entstehen.“ Darüber hinaus baue es auf psychisch kranke Patienten „einen Riesendruck“ auf, wenn diese beispielsweise nach drei Wochen Arbeitsunfähigkeit von einem Krankenkassenmitarbeiter angerufen würden und eine Online-Intervention angeboten bekommen.

Elsner erwiderte, dass die Wartezeiten auf einen Psychotherapieplatz sehr lang seien, trotz Einführung der psychotherapeutischen Sprechstunde. Internetbasierte Interventionen könnten deshalb „in bestimmten Fällen, zum Beispiel bei einer leichten Depression, eine face-to-face-Behandlung ersetzen“, so die vdek-Vorstandsvorsitzende. Ein solch niedrigschwelliges Angebot habe gleichzeitig den positiven Effekt, dass mehr Therapieplätze für Patienten mit schweren psychischen Störungen zur Verfügung ständen. „Daher ist es gut, dass digitale Gesundheitsanwendungen mit dem Digitale-Versorgung-Gesetz künftig schneller in die Regelversorgung kommen sollen“, erklärte Elsner.

Kassen nicht als Versorger

„Auch wir sehen die Krankenkassen nicht als Player in der Versorgung – Behandlung und Versicherung müssen getrennt sein“, erklärte Dr. rer. pol. Christina Tophoven, Geschäftsführerin der Bundes­psycho­therapeuten­kammer (BPtK). Wichtig sei, dass nur IMI den Zugang in die Versorgung erlangten, die nachweislich wirksam und qualitätsgesichert seien. „Aber auch sehr gute Interventionen sind nur gut im Rahmen einer Psychotherapie oder ärztlichen Behandlung“, betonte sie.

Für die Anbieterseite stellte Dr. med. Mario Weiss, Vorstand von GAIA, dem Unternehmen, das das Programm deprexis für Menschen mit depressiven Störungen entwickelt hat, klar: „Ein Therapieprogramm braucht keinen Arzt oder Psychotherapeuten, um wirksam zu sein – aber ein Patient braucht einen Arzt oder Therapeuten.“ Diese sollten künftig auf eine IMI zugreifen können und sie verordnen wie ein Arzneimittel. Ärzte und Therapeuten würden dadurch in Zukunft „ihre eigene Wirksamkeit verdoppeln“, sagte Weiss. „Das ist eine Riesenchance, die auch honorarpolitisch genutzt werden kann.“ Die Bedenken, die gerade viele Psychotherapeuten gegen IMI haben, könne er nicht nachvollziehen: „Ist es die Angst, dem Marketing der Unternehmen auf den Leim zu gehen? Oder die Angst vor dem Rezeptblock?“, fragte er.

„Viele psychische Störungen entstehen erst durch Einsamkeit und den Verlust sozialer Kontakte“, wandte Benedikt Waldherr, Vorsitzender des Bundesverbands der Vertragspsychotherapeuten, aus dem Publikum ein. Gerade deshalb sei der menschliche Kontakt zu einem Psychotherapeuten wichtig und nicht der Austausch mit einem Gerät. Er könne sich auch vorstellen, dass psychisch Kranke bei der Nutzung einer Intervention feststellten, dass sie „lieber das Original haben wollen“. Die Erwartung, dass damit weniger Psychotherapeuten benötigt würden, hält Waldherr für unrealistisch.

„Behandlung und Versicherung müssen getrennt sein“, forderte Christina Tophoven, Geschäftsführerin der Bundes­psycho­therapeuten­kammer
„Behandlung und Versicherung müssen getrennt sein“, forderte Christina Tophoven, Geschäftsführerin der Bundes­psycho­therapeuten­kammer

Durch das Digitale-Versorgung-Gesetz (DVG), das sich zurzeit in der parlamentarischen Abstimmung befindet, sollen Ärzte und Psychotherapeuten ihren Patienten künftig digitale Gesundheitsanwendungen (für alle medizinischen Fachbereiche) zulasten der Gesetzlichen Kran­ken­ver­siche­rung (GKV) verordnen können. Der Gesetzgeber plant, die Anwendungen vom Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) als Medizinprodukte der Klassen I und II a prüfen beziehungsweise zertifizieren zu lassen und in ein spezielles Verzeichnis aufzunehmen.

Der Abteilungsleiter Digitalisierung im Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium, Gottfried Ludewig, verteidigte das DVG bei der Diskussion: „Die Digitalisierung ist nicht aufzuhalten. Wir können nicht noch zehn Jahre warten, sondern müssen Schritte nach vorne gehen, auch wenn sie mit einem Risiko verbunden sind.“ Wichtig sei der regulierte Zugang zu den IMI und die Prüfung der Anwendungen als Medizinprodukt. Beides werde mit dem Gesetz geregelt. „Immens wichtig ist auch, dass die Daten der Patienten, die die digitalen Anwendungen nutzen, unter unserer Kontrolle bleiben“, betonte Ludewig. „Wenn wir uns nicht darum kümmern, dann machen das die großen amerikanischen Techkonzerne“, gab er zu Bedenken.

Für die vdek-Vorstandsvorsitzende Elsner ist der Gemeinsame Bundes­aus­schuss (G-BA) „das geeignetere Gremium“ für das vorgesehene Bewertungsverfahren der Internet- und mobilbasierten Interventionen. „Das BfArM ist zwar in der Lage, dies zu tun, aber ich vertraue der gemeinsamen Selbstverwaltung mehr“, betonte sie. Im Vordergrund stehe schließlich der Patientenschutz, deshalb sei auch eine Nutzenbewertung erforderlich. Zuletzt hatte der Gesundheitsausschuss des Bundesrates gefordert, dass Gesundheitsanwendungen nicht am G-BA vorbei in den GKV-Leistungskatalog aufgenommen werden sollten. Petra Bühring

BPtK fordert Nachweis der Wirksamkeit

Gesundheits-Apps können die Versorgung psychisch kranker Menschen ergänzen – sie sollten in der Behandlung aber nur eingesetzt werden, wenn sie auf ihre Wirksamkeit überprüft wurden. Das hat die Bundes­psycho­therapeuten­kammer (BPtK) im Vorfeld der 1. Lesung des Digitale-Versorgung-Gesetz (DVG) vor der Presse in Berlin angemahnt. „Digitale Programme für psychisch kranke Menschen müssen Datensicherheit und technische Funktionalität sicherstellen, vor allem aber dürfen sie Patienten nicht gefährden. Eine App, die nicht wirkt, ist bei psychisch kranken Menschen nicht einfach nur überflüssig, sondern sogar schädlich“, erklärte Dr. rer. nat. Dietrich Munz, Präsident der BPtK. Hersteller einer Gesundheits-App, womit internetgestützte und mobilbasierte Interventionen (IMI) gemeint sind, sollen die Wirksamkeit deshalb durch klinische Studien mit Kontrollgruppen nachweisen müssen.

Durch IMI lassen sich nach Angaben der BPtK psychotherapeutische Behandlungen intensivieren, indem Ärzte oder Psychotherapeuten sie gezielt einsetzten. Sie könnten zwischen den Gesprächsterminen zusätzliche Behandlungseinheiten oder Übungen auch ohne den Psychotherapeuten ermöglichen. Darüber hinaus könnten IMI zur Prävention genutzt werden oder um Rückfällen vorzubeugen. Für Diagnose, Indikationsstellung und Aufklärung ist nach Ansicht der BPtK das unmittelbare Gespräch von Arzt/Psychotherapeut und Patient von Angesicht zu Angesicht erforderlich. Darüber hinaus fordert die BPtK, dass IMI, die als wirksam und sicher überprüft wurden, für Ärzte, Psychotherapeuten und Patienten in einem Online-Verzeichnis nachgeschlagen werden können. PB

Stellungnahme BPtK zum DVG: http://daebl.de/FR27

1.
Klein JP, Knaevelsrud C, Bohus M, et al.: Internetbasierte Selbstmanagementinterventionen. Qualitätskriterien für ihren Einsatz in Prävention und Behandlung psychischer Störungen. Nervenarzt 2018; https://doi.org/10.1007/s00115–018–0591–4.
1.Klein JP, Knaevelsrud C, Bohus M, et al.: Internetbasierte Selbstmanagementinterventionen. Qualitätskriterien für ihren Einsatz in Prävention und Behandlung psychischer Störungen. Nervenarzt 2018; https://doi.org/10.1007/s00115–018–0591–4.

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