ArchivDeutsches Ärzteblatt PP10/2019Grenzverletzungen in der Psychotherapie: Strukturelles Machtgefälle

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Grenzverletzungen in der Psychotherapie: Strukturelles Machtgefälle

PP 18, Ausgabe Oktober 2019, Seite 452

Bühring, Petra

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Der Ethikverein hilft seit 15 Jahren Patienten, die Grenzverletzungen in psychotherapeutischen Behandlungen erlebt haben. Bei einer Tagung wurden mehr Offenheit und mehr Diskussion über das Thema in der Psychotherapeutenschaft gefordert.

Ein strukturelles Machtgefälle gibt es immer in einer psychotherapeutischen Behandlung, dessen sollte sich jede Psychotherapeutin, jeder Psychotherapeut bewusst sein. Es darf nicht missbraucht werden. Die Regeln zur Abstinenz, festgelegt in der Musterberufsordnung der Bundes­psycho­therapeuten­kammer (BPtK), sind eindeutig und sollten allen bekannt sein. Und doch ist die Liste der Abstinenzverletzungen, die dem Ethikverein e.V. in den letzten 15 Jahren zugetragen wurden, erstaunlich. Der sexuelle Missbrauch ist darunter in seiner Dimension die für die Patienten belastendste Verfehlung von Psychotherapeuten. Das wurde bei der Tagung „Patientenbeschwerden – was wir aus ihnen lernen können“, die die Beratungsstelle anlässlich ihres 15-jährigen Bestehens am 14. September in Berlin veranstaltete, deutlich.

Äußere Validierung sehr wichtig

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Psychotherapeuten nehmen Darlehen oder Geschenke von Patienten an, lassen sie für sich im Haushalt arbeiten, fahren mit Patienten in Urlaub, singen gemeinsam im Chor oder kochen zusammen. Sie nehmen Zuzahlungen für die Therapiestunden, behandeln Angehörige oder Bekannte von Patienten und halten sich nicht an die vorgeschriebene Karenzzeit für Abstinenz von zwei Jahren nach Ende der Behandlung. „Häufig sind auch Beschwerden über ganz plötzliche Behandlungsabbrüche, die sich die Patienten nicht erklären können“, berichtete Dr. med. Andrea Schleu, Vorsitzende des Ethikvereins, der sich die Etablierung und Einhaltung von Ethikstandards in der Psychotherapie zum Ziel gesetzt hat. Dieses Ziel verfolgt das Team aus Ärzten, Psychologischen Psychotherapeuten und Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten mit einem niedrigschwelligen unabhängigen, bundesweiten Beratungsangebot (www.ethikverein.de). An das Team können sich neben Patienten auch Kollegen, Ausbildungskandidaten, Institutionen und Beratungsstellen wenden, wenn sie Fragen haben oder etwas auffällig erscheint. „Die äußere Validierung durch andere ist für die Betroffenen sehr wichtig – das kann beispielsweise der Hausarzt sein, dem eine Patientin Merkwürdiges aus ihrer Psychotherapie andeutet“, erläuterte Psychoanalytikerin Schleu. Der Arzt könnte die Patientin ermutigen, das zu hinterfragen, was in der Psychotherapie geschieht und zu handeln.

Der Ethikverein berät aber nicht nur, sondern begleitet Patienten bei rechtlichen Schritten nach sexuellen Übergriffen in der Therapie und hilft auch bei der Suche nach einem neuen Therapeuten. Nicht immer sei ein strafrechtliches Verfahren das richtige, weil zu belastend, sondern vielleicht eine Mediation, die mit einem zivilrechtlichen Vergleich ende. „Wir haben therapeutische und juristische Kompetenzen und stellen den betroffenen Patienten in den Vordergrund“, betonte Schleu.

Mehr als 80 Prozent der Betroffenen von Abstinenzverletzungen in der Psychotherapie sind einer Studie des Ethikvereins zufolge Frauen. Ausgewertet wurden Daten aus 1 470 Beratungen, die in 15 Jahren durchgeführt wurden. Dabei ist Machtmissbrauch kein allein männliches Phänomen, nur der sexuelle Machtmissbrauch, der den Daten zufolge zu mehr als 80 Prozent von Männern verübt wird. Der Richter a. D. Detlev Achhammer berichtete aus seiner langjährigen Praxis als Vorsitzender der Schiedskommission eines Berufsverbands, dass mehr als 90 Prozent der Beschuldigten Männer über 60 Jahre und sogar über 80 Jahre waren. „Je schwerwiegender der Fall, desto älter der Therapeut“, sagte Achhammer. Weibliche Therapeuten werden dem Ethikverein zufolge von Patienten eher des Machtmissbrauchs sozialer Art beschuldigt.

Vorläufer schwerer Übergriffe

Die Auswertung der Daten des Ethikvereins zeigte auch, dass es immer Vorläufer von schweren Grenzverletzungen gibt. Das sind beispielsweise Selbstoffenbarungen seitens der Therapeuten, Sexualisierung, private Treffen oder ausgedehnte Telefongespräche. „Oftmals wissen die Patienten, dass etwas nicht in Ordnung ist, sie können sich aber nicht lösen, weil sie in eine psychische Abhängigkeit zum Therapeuten geraten, verwirrt und verunsichert sind“, erläuterte Schleu. Aber auch die Therapeuten auf der anderen Seite merken, dass sie „in etwas hineinrutschen“, wie Dr. rer. nat. Dietrich Munz, Präsident der BPtK, es ausdrückte. „Das kann jedem passieren.“ Therapeuten sollten bei den ersten Anzeichen Supervision suchen. „Ein deutliches Warnsignal ist, wenn ich mich nicht mehr traue, es mit Kollegen zu besprechen“, sagte er. Grundsätzlich sei das Thema Grenzverletzungen noch vernachlässigt in der Aus- und Weiterbildung. „Wir dürfen es nicht tabuisieren und brauchen eine viel stärkere Diskussion über Ethik in der Psychotherapie“, betonte Munz. „Wir beobachten so vieles und fassen es dann doch nicht in Worte – wir sollten anfangen, offen miteinander zu sprechen“, ergänzte Ethikverein-Vorsitzende Schleu. Petra Bühring

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