ArchivDeutsches Ärzteblatt PP10/2019Prävention sexueller Gewalt: „Es gibt noch einiges zu tun“

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Prävention sexueller Gewalt: „Es gibt noch einiges zu tun“

PP 18, Ausgabe Oktober 2019, Seite 454

Bühring, Petra

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Der Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung und das Deutsche Jugendinstitut haben untersucht, ob es Schutzkonzepte gegen sexuelle Gewalt in Kitas, Schulen, Heimen, Sportvereinen – und auch in Kliniken und Praxen – gibt. Die Ergebnisse sind bestürzend.

Schutz und Hilfe von Kindern und Jugendlichen vor sexueller Gewalt in Einrichtungen und Organisationen hängen viel zu oft vom Zufall oder dem Engagement Einzelner ab und werden zu wenig als Qualitätsmerkmal einer Einrichtung gesehen. Das ist das Ergebnis des Monitorings (2015 bis 2018) zu Schutzkonzepten gegen sexuelle Gewalt in Kitas, Schulen, Heimen, Internaten, Einrichtungen des religiösen Lebens und Sportvereinen – aber auch in Kliniken und Praxen. Der Unabhängige Beauftragte für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs (UBSKM), Johannes-Wilhelm Rörig, hat zusammen mit dem Deutschen Jugendinstitut (DJI) am 4. September den Abschlussbericht des Monitorings vorgestellt.

In fast 5 000 Einrichtungen wurden Leitungen und Fachkräfte befragt, welche Schutz- und Hilfsangebote sie einsetzen und auf welche Schwierigkeiten sie bei der Umsetzung stoßen. Im Ergebnis haben 33 Prozent der befragten Heime (442) umfassende Schutzkonzepte installiert; 28 Prozent der Internate (102), 22 Prozent der Kitas (1 102), 20 Prozent der Kliniken mit Schwerpunkt Kinder und Jugendliche (165) und 13 Prozent der Schulen (1 546). Bei den 1 157 befragten Arzt- und Psychotherapeutenpraxen waren einzelne Präventionsmaßnahmen vorhanden.

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„Die große Mehrheit der Einrichtungen, die wir befragen konnten, hat zwar einzelne Elemente von Schutzkonzepten umgesetzt. Umfassende Schutzkonzepte sind bisher eher selten und noch in keinem Bereich flächendeckend vorhanden“, erläuterte Prof. Dr. phil. Sabine Walper, Forschungsdirektorin des DJI. Es gebe Fortschritte im Vergleich zum letzten Monitoring 2013, aber: „Es gibt noch einiges zu tun“, sagte sie. „Wenn wir wollen, dass Kinder und Jugendliche maximalen Schutz vor sexueller Gewalt erhalten, brauchen wir hierfür eine gesetzliche Verbindlichkeit und eine viel stärkere Unterstützung der Einrichtungen vor Ort“, forderte der UBSKM Rörig. Freiwilligkeit alleine reiche nicht. „Die Politik darf es nicht bei Aktionismus nach spektakulären Missbrauchsfällen belassen“, erklärte er.

Unter den befragten bundesweit 165 Kliniken (Rücklaufquote 30 Prozent) mit Schwerpunkt auf Kinder und Jugendliche waren 70,9 Prozent somatische Kliniken, 32,7 Prozent psychiatrische Kliniken und 14,5 Prozent Reha-Kliniken. Nur 33 dieser Kliniken hatten bislang umfassende Schutzkonzepte gegen sexuelle Gewalt etabliert. Als förderliche Faktoren für die Etablierung von Schutzmaßnahmen fanden die Wissenschaftler vom DJI eine Teamkultur, die es ermöglicht, als problematisch wahrgenommene Situationen anzusprechen sowie eine „sichtbare Verantwortungsübernahme“ durch die Klinikleitung.

Als hemmend für den Kinderschutz fanden die DJI-Wissenschaftler hingegen, wenn die Partizipation von Kindern und Jugendlichen im Klinikalltag nicht vorgesehen ist. Ungünstig sei auch, dass es bisher zu wenig Anreize und Mechanismen gibt, um Kliniken zur Entwicklung eines Schutzkonzeptes zu motivieren. Für Kliniken, in denen bereits Ansätze etabliert sind, sei die Evaluation und die zuverlässige Umsetzung im Alltag personell und finanziell schwer zu leisten, so die Wissenschaftler.

Erstmalig nahmen der UBSKM und das DJI auch niedergelassene Ärzte und Psychotherapeuten in das Monitoring auf. Mithilfe der Ärzte- und Psychotherapeutenkammern, der Kassenärztlichen Vereinigungen und der Berufsverbände konnten 1 157 Praxen zum Thema Kinderschutz befragt werden. Darunter waren 48,3 Prozent Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten, 35,8 Prozent Kinder- und Jugendärzte und -psychiater, 15,9 Prozent Gynäkologen, Allgemeinmediziner und Internisten. Bei der Befragung zeigte sich, dass das Bewusstsein, Praxen als „zentrale Kompetenzorte“ nach erlebter sexueller Gewalt zu sehen, unterschiedlich stark ausgebildet ist. Am stärksten sei dieses Bewusstsein bei den Psychotherapeuten vorhanden. Häufig seien Ärzte und Psychotherapeuten handlungsunsicher an den Schnittstellen Kinderschutzrecht, Patientenrecht und Arzthaftungsrecht. Hemmend wirke auch die geringe Zusammenarbeit mit der öffentlichen Jugendhilfe vor allem in ländlichen Gebieten. Die Befragten bemängelten zudem, dass das Engagement für Kinderschutzfälle nicht vergütet werde und dass es in der Ausbildung nicht ausreichend verankert sei.

Als förderlich für die Prävention sexueller Gewalt sehen die Niedergelassenen dem DJI zufolge einen kooperativen Zugang zur Kindergynäkologie und zur Rechtsmedizin. Auch die Berufsordnungen der Kammern, die ein Abstinenzgebot in therapeutischen Beziehungen umfassen, werden als Schutz bewertet. Selbsterfahrung, Supervision und Intervision sowie ein Qualitätsmanagement sorgten außerdem dafür, Übergriffe in Praxen zu erschweren, sagten die Befragten. Petra Bühring

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