ArchivDeutsches Ärzteblatt PP10/2019Studie zum Alleinleben: Wer sich einsam fühlt, wird eher psychisch krank

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Studie zum Alleinleben: Wer sich einsam fühlt, wird eher psychisch krank

PP 18, Ausgabe Oktober 2019, Seite 471

dpa

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Immer mehr Menschen leben allein – auch in Deutschland. Die steigende Zahl der Einpersonenhaushalte könnte mit mehr psychischen Erkrankungen einhergehen. Diesen Zusammenhang legt zumindest eine Studie der Universität Versailles Saint-Quentin-en-Yvelines nahe. Wie die Forscher im Fachblatt PLOS ONE berichten, haben Alleinlebende 1,5- bis 2,5-mal eher eine der häufigsten psychischen Erkrankungen als andere Menschen. Dazu gehören etwa Depressionen sowie Angst- und Zwangsstörungen. Dabei sind alle Altersgruppen und Geschlechter betroffen, wie die Wissenschaftler betonen. In Deutschland waren 2016 nach Daten des Statistischen Bundesamtes 41 % aller Haushalte sogenannte Einpersonenhaushalte, ein Anteil, der deutlich über dem EU-Schnitt von 33 % liegt.

Das Team um den Mediziner Louis Jacob von der Universität von Versailles nutzte nun die Daten von 20 500 Menschen aus England im Alter von 16 bis 64 Jahren, die 1993, 2000 und 2007 an der „National Psychiatric Morbidity“-Erhebung teilgenommen hatten. Dabei wurde die psychische Gesundheit der Teilnehmer mithilfe von Interviews und Fragebögen ermittelt. Zusätzlich zu den so gesammelten Daten nutzten die Forscher Informationen zu Größe und Gewicht, Alkoholabhängigkeit, Drogenkonsum, sozialem Netz sowie dem Gefühl von Einsamkeit.

In den drei Jahren stieg der Anteil der Einpersonenhaushalte in der Erhebung von 8,8 auf 9,8 und schließlich 10,7 %. Gleichzeitig wuchs die Rate an häufigen psychischen Erkrankungen von 14,1 auf 16,3 und 16,4 %. In allen drei Umfragen war ein statistischer Zusammenhang zwischen dem Alleinleben und der Verbreitung psychischer Erkrankungen feststellbar, so die Mediziner, und das unabhängig von Geschlecht oder Alter der Teilnehmer. Der größte Faktor war dabei die Einsamkeit: Fühlte sich jemand einsam, war auch das Risiko einer psychischen Erkrankung besonders hoch.

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Jene Feststellung ist auch für Prof. Dr. med. Arno Deister, Chefarzt des Zentrums für Psychosoziale Medizin des Klinikums Itzehoe zentral. In seiner unabhängigen Einordnung der Studie betont er, dass es einen Unterschied zwischen Alleinleben und Einsamkeit gebe: „Wenn das Alleinsein gewollt ist, kann es für Menschen durchaus positiv sein.“ Einsamkeit bezeichne hingegen den ungewollten Verlust von Beziehungen. Deister bewertet die Studie der Universität von Versailles als sorgfältig aufgebaut und wichtig. Der Psychiater warnt jedoch davor, vorschnell Zusammenhänge herzustellen: „In Großstädten gibt es zum Beispiel mehr Menschen mit psychischen Erkrankungen, was oft mit der Anonymität dort erklärt wird“, sagt er. „Häufig suchen psychisch kranke Menschen aber bewusst die Anonymität. Zudem ist die Versorgungslage in Großstädten besser.“ Wenn Alleinsein dazu führe, dass Beziehungen fehlten, dann könne das bestimmte Erkrankungen zwar einerseits begünstigen. „Andererseits ist es etwa ein Symptom von Depressionen, dass sich Menschen zurückziehen.“ Deister plädiert dafür, das Thema gesellschaftlich zu besetzen und Menschen dafür zu sensibilisieren, ein Auge auf ihre Mitmenschen zu haben. dpa

Jacob L, Haro JM, Koyanagi A: Relationship between living alone and common mental disorders in the 1993, 2000 and 2007 National Psychiatric Morbidity Surveys. PLOS, May 1, 2019; https://doi.org/10.1371/journal.
pone.0215182.

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