ArchivDeutsches Ärzteblatt PP10/2019Angst vor der Sterblichkeit: Eine intensive Reise zu sich selbst

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Angst vor der Sterblichkeit: Eine intensive Reise zu sich selbst

PP 18, Ausgabe Oktober 2019, Seite 473

Riegel, Björn

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Jan Kalbitzer ist ein Facharzt für psychosomatische Medizin und damit von Berufswegen mit seelischen Prozessen beschäftigt. In seinem Buch beschreibt er in einer erstaunlichen Offenheit den Umgang mit einer Lebenskrise anhand seiner eigenen Fallgeschichte. Er nimmt den Leser mit auf eine Reise zu sich selbst. Er beschreibt durchaus unterhaltsam, welche Begegnungen er auf seinen verschiedenen Stationen macht und wie diese ihn zum Nachdenken anregen. Teilweise sind es zufällige Gespräche, zum Beispiel mit dem Gärtner oder dem Tanzlehrer. In anderen Fällen hat Kalbitzer sich gezielt an Koryphäen wie Eva
Jaeggi oder Irvin Yalom gewendet.

Der Titel kann zunächst andere Assoziationen auslösen, jedoch geht es inhaltlich eher um eine diffuse Angst, die auf dem Gefühl eines getriebenen Selbst basiert, das den Zugang zum eigenen Wünschen und Wollen kaum herstellen kann. Die Angst vor der Sterblichkeit erscheint eher als die Angst davor, sich selbst vollkommen zu verlieren und ein unerfülltes Leben zu führen. Dabei kommt immer wieder die Zerrissenheit eines Mannes in den Vordergrund, der sich zwischen beruflichen Zwängen, dem eigenen Ehrgeiz sowie den familiären Erwartungen zerquetscht fühlt.

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Kalbitzer machte die Erfahrung, dass es hilfreich ist, sich vom Gegenüber berühren zu lassen und über diese Begegnungen mit sich selbst in Kontakt zu kommen. Im Rahmen der Psychotherapie ist dies eine banale Erkenntnis, jedoch wagt der Autor die bewundernswerte Offenheit und schildert, wie schwer dies für einen Therapeuten in der Patientenposition sein kann. Dies sollte jeden Psychotherapeuten zum Nachdenken anregen. Kalbitzer lädt den Leser somit ein, an seiner intensiven Reise teilzuhaben.

Das Buch ist durchaus interessant zu lesen, jedoch adressiert es durch einen intellektuellen Sprachstil eher den Verstand als das Gefühl des Lesers. Zudem beschleicht einen das Gefühl, das auch der Autor aus seiner Haut nicht herauskommt – nicht zuletzt wenn er zur Überwindung seines ausgeprägten Ehrgeizes ein komplexes Buch verfasst. So bleibt am Ende die Frage offen, wie tief greifend die Einsichten und Veränderungen sind, die über den Weg einer angereicherten Selbsthilfe erreicht worden sind. Dennoch können die Gedanken des Autors zum Nachdenken anregen, um auch den eigenen Lebensweg zu reflektieren. Björn Riegel

Jan Kalbitzer: Das Geschenk der Sterblichkeit. Wie die Angst vor dem Tod zum Sinn des Lebens führen kann. Blessing Verlag, München 2018, 192 Seiten, kartoniert 18,00 Euro

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