ArchivDeutsches Ärzteblatt PP10/2019Psychoanalyse: Überblick zum Phänomen von Trauerprozessen

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Psychoanalyse: Überblick zum Phänomen von Trauerprozessen

PP 18, Ausgabe Oktober 2019, Seite 474

Kattermann, Vera

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Als existenzielles Grundmerkmal des Menschen im Koordinatensystem von Zeit, Veränderung und Vergänglichkeit ist Trauer und die Fähigkeit zu trauern allgegenwärtige Anforderung und nötigt ständige Anpassungsleistungen ab. Wir trauern nicht nur beim Abschied von uns wichtigen Menschen, sondern auch um den Verlust von Heimat, von Arbeitsplätzen, von Lebensphasen, von Gegenständen, ebenso wie von Ideen und Visionen. Tatsächlich ist bereits der Beginn des Lebens auch ein Verlust: Die Geburt bedeutet das Zerbrechen einer Harmonie des Grenzenlosen zwischen Mutter und Kind. Eine Art Ur-Wunde der Trauer. Denn der erzwungene Verlust von Bindungen nötigt uns innere Arbeit ab: etwa die Fähigkeit, seine Endgültigkeit zu ertragen, das innere Verhältnis zum Verlorenen neu zu bestimmen und den durch den Verlust frei gewordenen inneren und äußeren Raum neu zu füllen. Das kann sich manchmal wie ein innerer Kampf anfühlen. Im Spanischen bedeutet der Trauerprozess zugleich auch Duell: duelo. Gelingt dieser Kampf, sind wir bereit für eine kreative Auseinandersetzung mit dem Dasein. Wenn wir jedoch im Trauerprozess steckenbleiben, entsteht psychische Krankheit, deren markanteste fraglos die Depression ist.

Thomas Auchter legt mit dem Bändchen „Trauer“ einen detaillierten Überblick zum Phänomen gesunder und pathologischer Trauerprozesse aus psychoanalytischer Perspektive vor. Faszinierend, welche vielfältigen Facetten die Trauer haben kann: zum Beispiel einfache und komplizierte, akute und chronische, schwarze und weiße, leichte und schwere, ungestörte und gestörte, heilsame und pathologische, heiße und eingefrorene Trauer. Zugleich kann der Versuch einer Kategorisierung der Einzigartigkeit jeder seelischen Situation kaum gerecht werden – wer etwa wollte bestimmen, wie lange „normale Trauer“ dauern darf? Vereinfacht lässt sich der schmale Grat zwischen Trauer und Depression so charakterisieren: Steht kein hilfreiches Gegenüber oder kein gutes inneres Objekt zu Verfügung, das den Schmerz der Verlusterfahrung auszuhalten hilft und Trost bieten kann, wird das dem Verlust innewohnende Ohnmachtsgefühl, ebenso wie die begleitende narzisstische Wut als so überwältigend erlebt, dass unterschiedliche und teilweise rigide Abwehrformen nötig werden – hierin wurzeln die pathologischen Formen der Trauer. Auchter hat sich der schwierigen Aufgabe gestellt, einen Überblick über die vielfältigen psychoanalytischen Trauer- und Depressionstheorien zu geben, die auch eine Pluralität von Behandlungskonzepten bedingen. Auf nur 133 Seiten trägt er historische und theoretische Grundlagen, Trauerabläufe und -pathologien sowie psychotherapeutische Aspekte ihrer Behandlung zusammen. Das mutet bisweilen wie ein Parforceritt durch hügeliges Gelände an – wir preschen mit ihm durch die Themen, die in ihrer eigentlichen Tiefe notwendigerweise nur angerissen werden können: Trauer und Erinnerung, Trauer und Schuld, Trauer und Aggression, um nur einige zu nennen. Auchter führt dabei eine Fülle an wissenschaftlicher Literatur an, er demonstriert mit kurzen Fallvignetten den praktischen Bezug seiner Diskussion und er reichert seine Darlegungen mit vielen Zitaten aus Literatur und Philosophie an, sodass das Lesen durchaus kurzweilig, vor allem aber gut verständlich bleibt. Als knappe Einführung in ein höchst umfassendes Feld der psychoanalytischen Theorie also ein gelungenes Werk. Vera Kattermann

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Thomas Auchter: Trauer. Psychosozial-Verlag, Gießen 2019, 150 Seiten, kartoniert, 16,90 Euro

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