ArchivDeutsches Ärzteblatt PP10/2019Psychodynamik der Sexualität: Patienten als sexuelle Menschen sehen

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Psychodynamik der Sexualität: Patienten als sexuelle Menschen sehen

PP 18, Ausgabe Oktober 2019, Seite 475

Golombek, Jürgen

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Das in der Reihe Lindauer Beiträge erschienene Buch gibt eine systematisierte Einführung in die Grundbegriffe und Diagnostik der Sexualität. Es skizziert die gesellschaftlichen, psychosozialen und biologischen Einflüsse, die bis zur heutigen Diversifizierung geführt haben. Ausgehend von einem historisch-kritischen Abriss mit Würdigung der Verdienste von Freud, nebenbei einige Mythen der heute oftmals abgewerteten Freudʼschen Auffassungen geraderückend, werden Weiterentwicklungen verschiedener Theorieansätze bis hin zur sozialen Konstruktion von Gender-Theorien überblicksartig angerissen. Ziel moderner Theorien ist oft die Gleichheit der Geschlechter, wobei oft übersehen wird, dass der Kern der psychosexuellen Identität aufgeweicht wird. Heute sind in der Psychoanalyse Konzepte wie die der Objektbeziehungen oder des Narzissmus dominierend. Fraglich ist, ob das Missverstehen von Konzepten oder Verschwinden der Sexualität aus der Psychoanalyse Ausdruck von Fortschritt ist.

Deutlich wird die Neigung Ermanns, Sexualität mit der Pluralität in den Geschlechter-identitäten als individuell in all ihren Ausformungen mit dem intersubjektiven Modell zu verstehen, in dem individuelle Geschlechtlichkeit sich im Kontext jeder Beziehung neu manifestieren kann und letztlich ausgehandelt wird. Ermann zeigt auf, warum es für eine erfolgreiche Therapie wichtig ist, Patienten als sexuelle Menschen zu sehen. Erotik und Übertragungsliebe werden in der nicht selbstverständlichen Sichtweise weniger in ihrer therapiehemmenden, denn Individuation und Veränderungen fördernden Funktion gesehen.

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Dem Untertitel „Zur Psychodynamik der Sexualität“ beginnt das Buch durch Fallvignetten unterstützt dann zu entsprechen, wo die Störungen der sexuellen Präferenz beschrieben werden und sich der Autor ausführlicher der Homosexualität widmet, wobei Ermann behutsam auf die Facetten von Normalität und Krankheitswertigkeit eingeht.

Obwohl die Sexualität viel von ihrer Tabuisierung verloren hat, ist der Stellenwert in der Ausbildung und in den Antragsberichten zur Psychotherapie rückläufig. Die Ursachen mögen vielfältig sein. In dem Buch mit Stichwortregister lässt sich leicht brauchbares Wissen nachschlagen und Orientierung geben für das Thema. Wünschenswert wäre, Grundlagen der Sexualanamnese aufzunehmen, auch wenn diese sich implizit erschließen lassen. Für ein psychoanalytisch vertiefendes Verstehen ist die Einbindung weiterführender Literatur gerade für die analytischen Therapieprozesse erforderlich. Jürgen Golombek

Michael Ermann: Identität und Begehren. Zur Psychodynamik der Sexualität. Reihe: Lindauer Beiträge zur Psychotherapie und Psychosomatik. Verlag W. Kohlhammer, Stuttgart 2019, 167 Seiten, kartoniert, 26,00 Euro

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