ArchivDeutsches Ärzteblatt PP10/2019Psychoanalyse und Soziologie der Macht: Meister der Beobachtung und Selbstbeobachtung

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Psychoanalyse und Soziologie der Macht: Meister der Beobachtung und Selbstbeobachtung

PP 18, Ausgabe Oktober 2019, Seite 475

Moser, Tilmann

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Liest man Wetzels gut vierzig Kapitelüberschriften, unter denen er die überwältigend große Zahl seiner Machtformen unterbringt, fühlt man sich erst einmal fast betäubt – bis man widerwillig zugibt, an wie vielen von ihnen man bereits partizipiert oder gelitten hat. Wetzel schreibt als Soziologe, aber gleichzeitig verfügt er zum Thema auch über die Sprache und die Erkenntnisformen der Psychoanalyse. Alle Kapitel, in denen er die Sprachräume mischt, kann er auch in die Tiefe gehen. Dort ist der Leser besonders dankbar und betroffen, weil er spürt: hier geht es auch um mich, er führt mich gelehrt und selbsterfahren in die Tiefe der Selbstbegegnung. Anders als im zweiten Teil, wo der wahrnehmungsreiche Zeitgenosse und Beobachtungsprofi sich allgemeinen Strömungen in der Gesellschaft zuwendet. Man hat es also fast mit zwei unterschiedlichen Erkundungen der Macht zu tun: einer höchst persönlichen und einer Makroerkundung von sozialen Tatsachen und Strömungen, die in manchem Kapitel verflacht bis zu simplen zeitgenössischen Leitartikeln, die ähnlich wie diese von sorgenvoller journalistischer Moral getränkt erscheinen. Hier spricht dann der besorgte wache Zeitgenosse mit mahnender Stimme.

Also zurück zu den tiefen Beobachtungen am machtgequälten, machtgenießenden Einzelnen. Hier wird deutlich, warum das Buch des Fachsoziologen über Macht gleichermaßen wichtig ist für den Psychotherapeuten: Satz für Satz kann dieser die faszinierenden Kapital anwenden auf seine Alltagspraxis und seine Kenntnis darüber vertiefen, was seine Patienten (und biografisch er selbst) mitbringen an Verletzung: vorwiegend durch die geballte Macht von Eltern, Lehrern, Vorgesetzten, Herrschern. Hier erweist sich Wetzel als Meister der Beobachtung und Selbstbeobachtung, und man nimmt erstaunt zu Kenntnis, auf wie viele Machtformen der Therapeut stößt, wenn er nur das Differenzieren lernt und dies dank diesem Buch auch vertieft.

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Da der Autor auch einen langen Gang durch die Machtformen, die in Schule und Universität herrschen, hinter sich hat, bis zur endlichen Berufung auf seinen ersten Lehrstuhl, gewinnt der Leser gleichzeitig ein Panorama der Machttechniken und Intrigen, die dort herrschen, und die so viel traumatisierende Wirkung entfalten können. Dem Werk wünscht man einen gediegenen Buchverlag. Tilmann Moser

Dietmar J. Wetzel, Metamorphosen der Macht. Soziologische Erkundungen des Alltags. Books on Demand, Norderstedt 2019, 181 Seiten, gebunden, 16,99 Euro

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