ArchivDeutsches Ärzteblatt PP10/2019Literarische Orte: Treffpunkt der Grauköpfe

KULTUR

Literarische Orte: Treffpunkt der Grauköpfe

PP 18, Ausgabe Oktober 2019, Seite 477

Jachertz, Norbert

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Im Rewe-Supermarkt von Kall erzählt man sich Geschichten aus dem Leben. Dem Schriftsteller Norbert Scheuer, der selbst aus der Eifel stammt, sind sie Inspiration für seine Romane.

Weithin sichtbar auf einer Anhöhe liegt das Kloster Steinfeld am südlichen Rand von Kall, das weder Stadt noch Dorf ist. Foto: picture alliance/Westend61
Weithin sichtbar auf einer Anhöhe liegt das Kloster Steinfeld am südlichen Rand von Kall, das weder Stadt noch Dorf ist. Foto: picture alliance/Westend61

Norbert Scheuer schreibt schmale Romane, in denen jeder Satz sitzt. In einer berichterstattenden Sprache erzählt er auch in seinen beiden jüngsten Werken von der kleinen Welt um das Städtchen Kall. Es liegt in der Eifel, im äußersten Westen Deutschlands, und erscheint wenig spektakulär. Doch der erste Blick täuscht. Scheuers Geschichten lassen tief blicken. Er hat sie von den Grauköpfen. Sagt er.

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„Die Grauköpfe sind eine fünf- bis zehnköpfige Hydra, der nichts entgeht, die immer dort ist, wo in Kall gerade etwas abgerissen oder gebaut wird, sie wissen über alles Bescheid“. Sie treffen sich tagtäglich in der Cafeteria des Rewe-Supermarktes beim Bahnhof von Kall, wo Otti an der Bäckereitheke und Mehmet am Dönerimbiss bedienen. Früher verkehrten sie bei Evros in der Bahnhofstraße. Doch auf ihre alten Tage ziehen die Grauköpfe es vor, bei Otti Kaffee zu trinken statt bei Evros in der Gaststätte Härteres zu konsumieren. Evros bleiben die Unentwegten: Zehner, der den Verlust seiner Mühle betrauert und von der Schlacht im Hürtgenwald erzählt. Rechtsanwalt Dr. Hillarius, der sich an der Theke über den Niedergang seiner Praxis hinwegtröstet. Der Alleskönner Vincentini, der mit seinem Uralt-Auto Sperrmüll aus dem Stausee entsorgt und nebenbei Frauen mit seinem „Perseus“ akupunktiert (und deswegen mit der Ärzteschaft aneinandergerät).

Merkwürdige Helden des Alltags

Was die Alten erzählen und Scheuer verdichtet, spielt zwar im abgelegenen Urftland, doch es sind universale Geschichten. Sie handeln von früher Liebe und spätem Glück, vom Alleinsein der Witwen und Witwer, von schlichter Hilfsbereitschaft genauso wie von Verrat und Betrug. Die Grauköpfe erzählen von Träumern, die sich aus dem Alltag in die Ferne versetzen, und Außenseitern, die sich mit kleinen Jobs durchschlagen, allesamt merkwürdige Helden des Alltags.

Nehmen wir Nina. Sie trägt Zeitungen aus und taucht immer wieder in der Cafeteria auf, wo sie von Otti mit Kaffee und Ratschlägen versorgt wird. Das Mädchen ist, bürokratisch gesagt, ein Sozialfall, hin und her geschubst und beaufsichtigt von einer übergriffigen Sozialarbeiterin. Nina leidet an einer seltenen Krankheit, der Alexia sine Agraphia, sie kann zwar schreiben, aber kaum lesen. Um ungestört zu sein, verbirgt sie sich manchmal in einem Fasswagen. Das ist ein großer Wassertank, der auf einem verrosteten Fahrgestell mit platten Reifen auf einer Kuhweide aufgebockt ist. Oben ist eine Luke ausgespart, durch die ein schmaler Mensch wie Nina einsteigen kann. Dort erträumt sie sich einen Vater. In ihrer Fantasie erscheint er ihr als „der erstgeborene Sohn des Königs eines großen Südseestammes“. Vor allem aber redet sie mit ihrem verschwundenen Bruder, der mit dem Klepper-Faltboot ihres Großvaters Darius den Atlantik überquert, um nach ihrem Vater und ihrer Mutter zu suchen. Von dem Fasswagen und den Träumen lässt Nina schließlich ab, als sie sich in Paul verliebt. Dieser hatte als Soldat in Afghanistan gedient und war körperlich und seelisch schwer traumatisiert zurückgekehrt. Die beiden gewinnen Vertrauen zueinander und zum Leben.

Zum Grund des Universums

Mit Sciencefiction warten die Grauköpfe im Fall des Betriebselektrikers Lünebach auf. Nachdem Lafarge sein Zementwerk in Kall dichtgemacht hat, geht Lünebach zunächst auf Montage (wie so viele aus Kall). Als er schwer erkrankt, zieht er sich auf den väterlichen Aussiedlerhof zurück, betätigt sich aber nicht als Bauer, der Hof verrottet (wie so manches unrentable Gehöft im Urftland), sondern als Erfinder. Aus einem stillgelegten Steinbruch holt er sich einen jener eisernen Bunker, in dem die Arbeiter bei Sprengungen Schutz suchen. Den funktioniert er zu einer Raumkapsel um, indem er zwei Bullaugen hineinschneidet und „ein Triebwerk montiert, dessen rätselhafte Antriebsenergie ihn in eine Welt außerhalb von Raum und Zeit bringen soll“. Lünebach ist überzeugt, den Grund des Universums erreicht und herausgefunden zu haben, „dass der gesamte Kosmos sich zu harmonisch schwingenden Melodien bewegt“. Er taucht schließlich wieder ins Gravitationsfeld seiner Heimat ein. Am Grund des Stausees wühlt sich seine Raumkapsel in den Schlamm. Lünebachs Raumkapsel wird tatsächlich gefunden, als der See abgelassen wird. Man will nämlich den Damm erhöhen und entdeckt bei der Gelegenheit vielerlei Hinweise auf eine bewegte Zeitgeschichte. Scheuers Liste der Funde reicht vom Kasten mit Einmachgläsern bis zur Kiste mit Reichs- und Wehrmachtsflaggen und einer Führerbüste aus Bronze. Man fand aber keine Spur von Lünebach selbst.

Eine schäbige Geschichte

Um den ominösen Stausee dreht sich eine schäbige Geschichte. Der windige Investor Caspary und der stellvertretende Leiter der Sparkasse, Raimund Molitor, überreden die Gemeinde, den See zu vergrößern und am Ufer einen Ferienpark zu errichten. Man erhofft sich davon einen Aufschwung der strukturschwachen Gegend. Die Sparkasse gibt Kredit. Wer ein bisschen gespart hat investiert. Die Sache geht gründlich schief. Der Investor hat sein Vermögen beizeiten auf seine Frau übertragen. Der Banker hat sich abgesetzt. Seine Mutter, Sophia, hatte er zuvor ausgeplündert. Sie hatte ihm die Vermögensverwaltung überlassen, sie versenkte sich lieber ins Daodejing. Ihr Interesse für das Chinesische rührt von ihrem in China abgetauchten Mann Eugen her, einem undurchsichtigen Geschäftsmann, der bei seiner Frau in der großen Villa in Kall nur selten auftauchte, dann aber seine Frau zwang, sich chinesisch zu kleiden. Erst spät merkt Sophia, dass sie als der heimische Ersatz für die ferne chinesische Geliebte diente. Immerhin, geblieben ist ihr das Daodejing. Soweit Scheuers „Grund des Universums“. Wir wissen jetzt, er liegt im Urftland.

In den Danksagungen am Schluss seiner Romane würdigt Norbert Scheuer stets die Grauköpfe aus der Cafeteria. „Ich hoffe, sie trinken noch zukünftig Kaffee mit mir und verheimlichen mir ihre tiefgründigen Geschichten nicht für alle Zeit.“ Die Besorgnis scheint begründet zu sein. In seinem jüngsten Buch, „Winterbienen“, variiert Scheuer jedenfalls seine Danksagung. Die älteren Herren hätten die literarische Verarbeitung ihrer Geschichten nicht sonderlich geschätzt. So habe er denn zugegriffen, als einer der Grauköpfe ihm Aufzeichnungen aus den schrecklichen letzten Monaten des 2. Weltkrieges mit dem Bemerken anbot, er „könne endlich mal etwas Gutes über Kall schreiben.“ Entstanden ist so das (fiktive) Tagebuch eines vorzeitig entlassenen Lehrers. Dieser Egidius Arimond schlägt sich mit Bienenzucht durch, beglückt die Frauen, schmuggelt Juden in Bienenkästen nach Belgien, identifiziert anfliegende Bomber und versucht verzweifelt an Luminal zu kommen, um seine Epilepsieanfälle zu bekämpfen. Die Nazis wollen den nutzlosen Esser aus dem Verkehr ziehen. Als die Amerikaner einrücken, ist er diese Sorge los. Da tritt er auf eine Tellermine.

Jeder Satz sitzt: Norbert Scheuer am Rande einer Lesung in der Zentralbibliothek in Düsseldorf: „Die Grauköpfe sind eine fünf- bis zehnköpfige Hydra, der nichts entgeht, die immer dort ist, wo in Kall gerade etwas abgerissen oder gebaut wird, sie wissen über alles Bescheid.“ Norbert Scheurer
Jeder Satz sitzt: Norbert Scheuer am Rande einer Lesung in der Zentralbibliothek in Düsseldorf: „Die Grauköpfe sind eine fünf- bis zehnköpfige Hydra, der nichts entgeht, die immer dort ist, wo in Kall gerade etwas abgerissen oder gebaut wird, sie wissen über alles Bescheid.“ Norbert Scheurer

Scheuers „Kall“ besteht aus zwei Orten, nämlich seinen beiden Wohnorten, Kall in der Nord- und Kyllburg in der Südeifel. Mit dem RE 11333 machen wir uns auf und landen zusammen mit Schülern und Pendlern im realen Kall. Der Ort, weder Dorf noch Stadt, liegt an der Urft, einem Flüsschen im deutsch-belgischen Grenzland. Vor dem Bahnhof dehnt sich ein großer Parkplatz. Dahinter der Rewe-Markt. Die Cafeteria kommt uns vertraut vor, einschließlich der Gäste und des Personals. Wir haben ja Scheuer gelesen. Kall selbst wirkt nichtssagend, Krieg und schneller Aufbau haben zugeschlagen, es fehlt die Eifel-Fachwerk-Idylle. Nach einem strammen Fußmarsch gelangen wir zum Lafarge-Zementwerk, Lünebachs Arbeitsplatz. Hoch über das Tal spannt sich ein Transportband, es führt zu einem großen Loch in einer Steilwand. Ein bisschen unheimlich, wie immer bei technischen Ruinen. In den ausgedehnten Wäldern rund um Kall finden sich Spuren der aufgegebenen Bergwerke, das ganze Urftland ist mit Stollen unterhöhlt. Auf einem Bergrücken die alte Abtei Steinfeld mit dem Gymnasium, wo Sophia und Egidius einst arbeiteten, auf einer Hochebene die „Ordensburg Vogelsang“, düstere Erinnerung an die NS-Zeit im Urftland.

Wo die Urft glitzernd fließt

Von Kall bis nach Kyllburg braucht die Bahn eine gute Stunde. Das Städtchen liegt auf einem Felssporn, der von der Kyll umrundet wird. An der Bahnhofstraße finden wir Evros’ Gaststätte (tatsächlich Müllers Hotel und Pension), dahinter Zehners stillgelegte Mühle. Für sie wird ein Nutzungskonzept gesucht, genauso wie für die einst prächtige Hochstraße mit ihren Buntsandsteinhäusern. Wir gelangen zum Stiftsberg. „Sophias Villa stand oben am Stiftsberg; sie konnte von ihrem Lieblingsplatz im Wintergarten auf Kall blicken, wo die Urft glitzernd hinter den Häusern der Bahnhofstraße floss“. Bergab landen wir wieder an der Bahnstrecke. Gegen Kriegsende war sie das Ziel der vielen, von Egidius Arimond im Tagebuch festgehaltenen Bomberangriffe. Aus dem Stiftsbergtunnel nähert sich gerade der gemütliche Eifel-Express aus Trier. Er bringt uns in die große Stadt zurück. Norbert Jachertz

Alle Zitate im Text nach Scheuer

1.
Norbert Scheuer: Am Grund des Universums. Roman, 2017, 240 Seiten, 19,95 Euro
2.
ders.: Winterbienen, Roman., 2019,
319 Seiten, 22 Euro, beide bei C. H. Beck, München.
1.Norbert Scheuer: Am Grund des Universums. Roman, 2017, 240 Seiten, 19,95 Euro
2.ders.: Winterbienen, Roman., 2019,
319 Seiten, 22 Euro, beide bei C. H. Beck, München.

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