ArchivDeutsches Ärzteblatt41/2019Arbeitsbelastung: Nichts mit „Work-Life-Balance“
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Ich hatte mich 1985 ... in einer neu entstandenen Landpraxis niedergelassen. Die Sprechstundenzeiten waren von Montag bis Freitag 7.00 bis 19.00 Uhr, in der Mittagszeit wurden Hausbesuche gefahren, nach 19.00 Uhr ebenfalls. Der Mittwochnachmittag stand vorwiegend der Säuglings- und Kindervorsorge zur Verfügung, aber nicht nur. Am Samstag wurde Sprechstunde von 8.00 bis 12.00 Uhr angeboten. Die Wochenenddienste waren mit den Kolleginnen und Kollegen abgesprochen, es bedurfte keiner 116117-Intervention. Die Arzthelferinnen waren im Schichtdienst eingeteilt, eine besetzte Telefonleitung oder Anrufbeantworter gab es nicht. Wir hatten unsere Patienten „erzogen“; es kursierte das Gerücht, dass man zu mir nur kommen dürfe, wenn man „den Kopf unter dem Arm trägt“. ...

Zugegeben, als junger Arzt war ich etwas „durchgeknallt“: In meinem Kombi gab es alles, was ein Rettungsfahrzeug braucht: Funk zur Praxis ..., Notarztkoffer für Erwachsene und Kinder, Defibrillator, EKG, Schrittmacher und -Sonden, Dauerkatheter, suprapubische Katheter, Peridurale Katheter ..., Thoraxdrainagen, chirurgisches Besteck usw. ... Später kam der Meldeempfänger für den Rettungsdienst und für die Freiwillige Feuerwehr hinzu.

Sicher, mit „Work-Life-Balance“ hatte das nichts zu tun. ...

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Es hat mich dann nach elf Jahren Praxis für einige Jahre auf den afrikanischen Kontinent verschlagen. Nach fünf Jahren in Afrika schien eine Phase der „Resozialisierung“ erforderlich. Seitdem arbeite ich ... in einer Notfallaufnahme eines Krankenhauses der Grund- und Regelversorgung. Eine zunehmende Selbstbedienungsmentalität unserer Klienten ist unverkennbar. Die Rundum-sorglos-Versorgung in einer NFA (Untersuchung, EKG, Röntgen/CT, Sonografie, Labor) ist natürlich verlockend. ...

Die Frage, der wir uns stellen müssen, ist: wollen wir Patienten behandeln oder wollen wir Kunden betreuen? Im ersten Fall muss ich seitens der Krankenhausleitung und seitens der Juristen die Freiheit haben, auch einmal nein sagen zu dürfen. Im zweiten Fall wird immer weniger Zeit bleiben für die Versorgung der „richtig“ Kranken ...

Bei der Diskussion um „Strafzahlungen“ bei nicht begründeter Inanspruchnahme einer Notfallambulanz: Welcher juristische Rattenschwanz würde sich daraus ergeben? Ja, einverstanden, der empfindlichste Körperteil eines Menschen ist seine Geldbörse. ... Wie sagte der Kollege, den ich gefragt habe, warum er denn nun gerade diesen Patienten meint, stationär aufnehmen zu müssen: „… ist doch egal, bringt ja Geld…“ Na denn!

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