ArchivDeutsches Ärzteblatt27/1996Medizinischer Dienst: Keine schematische AU-Begutachtung

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Medizinischer Dienst: Keine schematische AU-Begutachtung

Hein, Rüdiger

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LNSLNSLNSLNS Durch eine gezielte Auswahl der zu begutachtenden Patienten/AU-Testierten kann die Wirksamkeit der Begutachtung bei Arbeitsunfähigkeit (AU) gesteigert werden. Dies ist die Quintessenz eines Modellversuches der Medizinischen Dienste der Kran­ken­ver­siche­rung (MDK), Essen. In den Modellversuch wurden in fünf Regionen im Bundesgebiet 13 119 AU-Fälle einbezogen, die länger als drei Wochen gedauert haben. Dabei wurde der gesamte AU-Bestand der beteiligten Krankenkassen jeweils am 22. Tag gesichtet und einer der folgenden fünf Gruppen (mit folgenden Anteilen) zugeordnet:
– Eindeutige Krankheitsfälle (50 Prozent);
– prospektive Langzeitkranke mit Rehabilitationsbedarf (20 Prozent);
– Verdacht auf medizinisch nicht begründete Arbeitsunfähigkeit
(6 Prozent);
– psychosoziale Problemfälle
(6 Prozent);
– noch nicht zuordenbare Fälle (18 Prozent).
Die Zuordnung zeigt, daß der Hauptteil der in die Untersuchung einbezogenen Arbeitsunfähigen als ernsthaft krank beziehungsweise als prospektiv langzeitkrank einzuschätzen ist. Nur bei einer kleinen Gruppe besteht ein Verdacht auf medizinisch nicht begründete Arbeitsunfähigkeit.
Im Rahmen des Modellversuchs hat der MDK seine Begutachtungsaktivitäten auf die Gruppen der prospektiven Langzeitkranken sowie des Verdachts auf medizinisch nicht gerechtfertigte Arbeitsunfähigkeit konzentriert. Diese Systematisierung führt zu einer deutlichen Steigerung der Begutachtungseffektivität. So konnte die Zahl der Rehabilitations-empfehlungen um rund ein Drittel gesteigert werden, und zwar zu einem im Durchschnitt um 34 Tage vorverlegten Zeitpunkt. Ebenso konnte die Zahl der Arbeitsaufnahmen bei den "Mißbrauchsfällen" erhöht werden. Diese Effekte wurden erzielt, ohne die Zahl der körperlichen Untersuchungen zu erhöhen.


Frühere Begutachtung
Die Untersuchung legt folgende Folgerungen nahe:
– Eine systematische Vorauswahl von AU-Fällen ist zweckmäßig. Der Modellversuch liefert hierfür die Auswahlkriterien.
– Eine Vorverlegung der ersten Durchmusterung des AU-Bestandes einer Krankenkasse auf den 22. AU-Tag steigert die Effektivität.
– Am größten ist die Effektivität von AU-Untersuchungen bei den Gruppen der prospektiven Langzeitkranken und des Verdachts auf Mißbrauch.
– Eine quantitative Ausdehnung der Begutachtungstätigkeit führt zu keiner Verbesserung der Wirksamkeit der AU-Begutachtung.
Der Modellversuch hat ergeben, daß mit dem Konzept der sozialmedizinischen Falleingrenzung und Zielgruppenbildung die Effektivität und Effizienz der AU-Begutachtung durch den MDK gesteigert werden kann. Darüber hinaus verdeutlicht er die Möglichkeiten, aber auch die engen Grenzen einer vermehrten Begutachtung von Arbeitsunfähigen. Dr. med. Rüdiger Hein, Lübeck

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