ArchivDeutsches Ärzteblatt5/2000Medizin und Antisemitismus: Deutsch-israelischer Dialog

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Medizin und Antisemitismus: Deutsch-israelischer Dialog

Dtsch Arztebl 2000; 97(5): A-242 / B-208 / C-194

Klinkhammer, Gisela

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LNSLNS In Yad Vashem fand erstmals eine Tagung für deutsche Ärzte statt.

Eine sinnvolle Beschäftigung mit dem Holocaust sei nur dann möglich, wenn man sich auch mit den Standpunkten israelischer Wissenschaftler auseinander setzt und sich darüber hinaus mit der aktuellen Problematik des Staates Israel beschäftigt. Diese Auffassung vertritt Yariv Lapid, Pädagogischer Leiter der Jerusalemer Gedenkstätte Yad Vashem.
Eine Gruppe deutscher Ärzte versuchte diesem Anspruch gerecht zu werden. Sie reiste im November 1999 nach Israel, um mit israelischen und deutschen Kollegen, Historikern, Psychologen und Pädagogen über das Thema "Medizin und Antisemitismus" zu diskutieren und sich zu informieren. Tagungsort war Yad Vashem, das "dem Gedenken, Erinnern, Wachhalten und der Beschäftigung mit dem Holocaust dient", so Lapid.
Eine lange Denktradition
Zu den Hauptaufgaben von Yad Vashem gehören das Sammeln von Archivmaterial, Forschungsprojekte und die Publikation ihrer Ergebnisse sowie schließlich auch das Unterrichten. Kongresse zur Holocaustforschung richten sich an Vertreter unterschiedlichster Berufe, jetzt zum ersten Mal auch an deutsche Ärzte.
Diese interessierten sich vor allem für die Thematik "Ärzte als Opfer und Täter". Wie konnten gerade auch Intellektuelle antisemitische, "rassenhygienische" und "eugenische" Standpunkte vertreten? Die Nationalsozialisten konnten nach Auffassung israelischer Historiker auf eine lange Denktradition zurückgreifen. Bereits in der Antike habe es Antisemitismus gegeben, berichtete der Jerusalemer Historiker Prof. Zvi Bacharach. Der moderne Antisemitismus habe seinen Ursprung jedoch im Christentum. Als besonders fatal hat sich nach Auffassung Bacharachs der Einfluss der Kirchenväter erwiesen, die unter anderem zur Diskriminierung aller nicht konvertierten Juden aufgefordert hätten. Bacharach schilderte die Folgen dieser Einstellung: Juden durften keiner Zunft beitreten und keiner landwirtschaftlichen Tätigkeit nachgehen. Nur der Geldverleih, der als nichtswürdige Tätigkeit galt, wurde ihnen erlaubt.
Unbehagen gegenüber jüdischen Mitbürgern
Gleichberechtigung erhielten die westeuropäischen Juden erst im Zuge der Französischen Revolution, berichtete der Jerusalemer Historiker Dr. Guy Miron. Es wurde jedoch eine gewisse Assimilation erwartet, so zum Beispiel die Annahme der Landessprache. Es habe vor 1933 zwar keinen radikalen, mörderischen Antisemitismus, jedoch ein tiefes Unbehagen gegenüber den jüdischen Mitbürgern gegeben. Diese Stimmung hätten die Nationalsozialisten geschickt aufgegriffen. Und auch die Ärzte seien "oft Täter und nicht nur Zuschauer gewesen", betonte Prof. Yehuda Bauer, Leiter der Forschungsabteilung in Yad Vashem. Diese Affinität zum Nationalsozialismus habe wohl ihre Ursache darin, dass viele Ärzte in dieser Ideologie eine Bestätigung ihrer eigenen "eugenisch-rassehygienischen" Vorstellungen sahen.
So habe zum Beispiel das "Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses" (1934) auf Sozialdarwinismus und "Rassenlehre" beziehungsweise "Rassenhygiene" beruht, die im 19. Jahrhundert der "Mainstream an den Universitäten gewesen sind", stellte die Bremer Historikerin Dr. Inge Marsolek fest. Die Offenbacher Psychiaterin Dr. med. Jessika Hennig, die für ihre Dissertation unter anderem die Erbgesundheitsakten in Offenbach untersucht hatte, fand Familienanamnesen wie "häufige Bordellbesuche", "Schwester der Mutter geisteskrank", "Vater jähzornig und gewalttätig". So sei es zu Zwangssterilisationen ganzer Familien gekommen. Mindestens 400 000 Menschen seien Opfer der Zwangssterilisationen geworden. Rund 5 000 von ihnen, überwiegend Frauen, starben an den Folgen des Eingriffs.
Ärzte als Opfer
Mit einem auf den 1. September datierten Schreiben wurde die planmäßige Tötung von Patienten der Heil- und Pflegeanstalten eingeleitet. Etwa 70 000 Patienten sollten gemeldet werden, 70 230 Patienten wurden, so Marsolek, ermordet, was den "Erfolg der Meldepflicht beweist". Bereits vorher war die Ermordung kranker, behinderter und "charakterlich abartiger" Kinder angelaufen. Marsolek vertritt die Überzeugung, dass viele Ärzte fasziniert gewesen seien von der nationalsozialistischen Ideologie, die die Eugenik zur planmäßigen Vernichtung "unwerten Lebens", zur "Euthanasie" pervertiert habe. Dabei hätten sie bereitwillig mitgeholfen. Ohne eine große Denunziationsbereitschaft sei die planmäßige Ermordung weder der Juden noch der Geisteskranken möglich gewesen.

Dass Ärzte nicht nur Täter, sondern auch Opfer waren, darauf wies die Mühlheimer Ärztin für Allgemeinmedizin, Dr. med. Birgit Drexler-Gormann, hin. Sie konnte die alte Meldekartei, die in der heutigen Bezirksärztekammer Frankfurt am Main erhalten geblieben ist, auswerten. Die Auswertung der Meldekartei habe gezeigt, dass in Frankfurt in der Zeit von 1933 bis 1937 rund ein Drittel aller Ärzte jüdischer Herkunft gewesen war. Am 30. September 1938 wurde allen jüdischen Ärzten die Approbation entzogen. Den so Ausgeschlossenen und existenziell Bedrohten seien nur wenige Alternativen geblieben. Bei der Auswertung der Meldekartei der Bezirksvereinigung Frankfurt am Main fand sich, so die Allgemeinärztin, in 72 Fällen auf der Rückseite des Meldebogens ein Eintrag, aus dem der Zeitpunkt der Emigration des betroffenen Arztes oder der Ärztin eindeutig zu sehen war. Der Anteil derjenigen, die sich offiziell bei ihrer Bezirksvereinigung "abgemeldet" haben, beträgt 25,3 Prozent aller Frankfurter jüdischen Ärzte.
Von den im Reich verbliebenen 3 152 jüdischen Ärzten durften nur noch 709 als so genannte Krankenbehandler jüdische Patienten versorgen. Der überwiegende Teil der "Krankenbehandler", der nun allein die Versorgung der überalterten, erschöpften und unterernährten Patienten zu leisten hatte, ging mit seinen Patienten in die Vernichtungslager und wurde dort mit ihnen ermordet.
Walser-Bubis-Debatte
Und wie ist es heute? Gibt es tatsächlich wieder einen "intellektuellen Nationalismus", wie Ignatz Bubis, der verstorbene Vorsitzende des Zentralrats der Juden, meinte. Der Psychiater und Wissenschaftliche Mitarbeiter am Frankfurter Sigmund-Freud-Institut, Pierre Frevert, unterstützte diese These. Er versuchte dies anhand der Walser-Bubis-Debatte nachzuweisen. So habe der Schriftsteller Martin Walser in seiner viel beachteten Paulskirchenrede im Jahr 1998 bewusst die Sprache unpräzise gehalten. Der relativ unbekannte Spion Rainer Rupp sei das einzige Opfer gewesen, das Walser namentlich genannt habe. "Die Opfer der Shoa bleiben auch bei Martin Walser ungenannt und namenlos", sagte Frevert. Vage sei Walser auch mit dem geblieben, was er mit "Instrumentalisierung unserer Schande zu gegenwärtigen Zwecken" meint. Lapidar habe er festgestellt, dass mit seinem Gewissen jeder allein sei. "Moralpistole" und "Meinungssoldaten" seien Begriffe, die Walser dem rechten Umfeld entlehnt habe, um, so Frevert, "ihr in seiner Rede gegen die kritischen Intellektuellen erst seine Würze zu geben".
Bubis hielt kurz danach, am 9. November 1998, eine Ansprache, in der er Walser vorwarf, die Geschichte zu verdrängen und die Erinnerung auszulöschen. Frevert teilt diese Auffassung. So habe Bundeskanzler Gerhard Schröder kurz nach seiner Wahl gesagt, dass man zum Holocaust-Mahnmal gern gehen solle, was, so der Psychiater, "nicht nur Schröders Unbekümmertheit mit der jüngsten Geschichte zeigt, sondern auch, wie wenig ihn diese Auseinandersetzung zu kümmern scheint". Ein weiteres Indiz dafür, dass Walsers Ansichten dem Zeitgeist entsprechen, sah Frevert in der unmittelbaren Reaktion auf Walsers Rede. Außer Bubis und seiner Frau habe das gesamte Publikum den Schriftsteller stehend mit "begeisterten Ovationen" gefeiert.
Die Palästinenser in Israel
In Israel sei diese Debatte weitgehend unbeachtet geblieben, stellte Lapid fest, der es bedauerte, dass "das Land der Opfer und das Land der Täter oft nur wenig voneinander wissen". Ein Beispiel seien für ihn die in Deutschland häufig erlebten Sympathiekundgebungen für die Palästinenser, ohne dass sich die Deutschen differenziert mit dieser Problematik befasst hätten. Zum Abbau von solchen Wissensdefiziten berichtete der Journalist und Schriftsteller Salem Jobran über die Palästinenser in Israel. "Wir sind in Israel Bürger zweiter oder dritter Klasse - das ist nicht zu bestreiten." Er könne niemals Minister werden; die billige Arbeit würde in der Regel von Arabern verrichtet, die guten Stellen würden von Israelis besetzt. Dennoch hätten die Palästinenser von der Urbanisierung und Modernisierung in Israel profitiert, vor allem von dem ausgezeichneten Kran­ken­ver­siche­rungssystem. Jobran plädierte für gegenseitiges Verständnis und Toleranz. Krieg und Gewalt brächten jedenfalls keine Lösung des Konflikts, betonte er. Gisela Klinkhammer


Weitere Israelreisen zu dieser oder ähnlicher Thematik sind bei entsprechendem Interesse möglich. Informationen: Dr. med. Siegmund Drexler, Lindenstraße 1, 63165 Mühlheim am Main, Tel 0 61 08/ 62 49, Fax 16 99.


Der Eisenbahnwaggon in Yad Vashem dient dem Gedenken an die letzte Reise von Millionen Juden, die aus ganz Europa in die Todeslager deportiert wurden. Foto: dpa

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