ArchivDeutsches Ärzteblatt41/2019Qualitätssicherung: Neue Zeitrechnung für Pflegeheime

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Qualitätssicherung: Neue Zeitrechnung für Pflegeheime

Dtsch Arztebl 2019; 116(41): A-1816 / B-1500 / C-1472

Beerheide, Rebecca

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Seit zehn Jahren wird die Qualität der vollstationären Pflegeheime mit Pflegenoten bewertet. Diese stehen seit Beginn in der Kritik. Ab November 2019 sollen die Pflegenoten durch neue Qualitätsindikatoren sowie internen wie externen Qualitätsprüfungen abgelöst werden.

Gestaltung des Alltages für die Pflegebedürftigen in Heimen ist ein Teil der künftigen Qualitätsprüfungen. Foto: dpa
Gestaltung des Alltages für die Pflegebedürftigen in Heimen ist ein Teil der künftigen Qualitätsprüfungen. Foto: dpa

Ein neues Kriteriensystem löst die alten Pflegenoten ab: Die Qualität der Pflege wird in den 13 000 vollstationären Heimen in Deutschland ab Anfang Oktober in einem neuen System bewertet. Die Datensammlung hat am 1. Oktober begonnen, ab dem 1. November sollen die neuen Qualitätserhebungen in den Heimen starten. Mitte kommenden Jahres können Angehörige sowie Pflegebedürftige die ersten Bewertungen auf den Webseiten der Pflegekassen finden. Bis Ende 2020 sollen alle vollstationären Heime nach den neuen Kriterien geprüft worden sein.

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Mit dem Pflegepersonal-Stärkungsgesetz aus dem November 2018 werden die bisherigen viel kritisierten Pflegenoten abgeschafft (siehe Kasten). Das neue Kriteriensystem wurde von der Universität Bielefeld und dem Institut für angewandte Qualitätsförderung und Forschung im Gesundheitswesen (AQUA) in Göttingen entwickelt. Das Konzept wird nun vom Spitzenverband der Krankenkassen sowie vom Medizinischen Dienst des Spitzenverbandes Bund der Krankenkassen (MDS) umgesetzt. In einem zweistufigen Verfahren aus Indikatoren und Qualitätsprüfungen soll die Qualität in Heimen besser dokumentiert und verständlicher präsentiert werden.

Zweistufiges Verfahren

In der ersten Stufe sollen die Heime in zehn Bereichen selbst Daten über jede Bewohnerin und jeden Bewohner erheben. Zu diesem internen Qualitätsmanagement gehören Indikatoren wie der Erhalt und die Förderung von Selbstständigkeit bei Mobilität, in der Körperpflege sowie in der Gestaltung des Lebensalltages. Ein weiterer Indikator ist der Schutz von gesundheitlichen Belastungen bei Dekubitus, schweren Sturzfolgen oder unabsichtlichem Gewichtsverlust. In einem dritten Bereich soll die Unterstützung bei individuellen Bedarfen dokumentiert werden. Dazu zählt zum Beispiel die eigene Schmerzeinschätzung. Diese Indikatoren sollen zwei Mal pro Jahr gemessen und an eine Datenauswertungsstelle gemeldet werden. Dort wird ein Durchschnitt errechnet, mit dem künftig alle Pflegeheime vergleichbar werden sollen.

In der zweiten Stufe findet die externe Qualitätsprüfung statt. Dafür besuchen die Prüfer vom Medizinischen Dienst der Kran­ken­ver­siche­rung (MDK) jedes Heim für eine eintägige Prüfung. Jede Einrichtung soll alle 14 Monate geprüft werden. Der Katalog dafür umfasst 24 Qualitätskriterien, wie beispielsweise die Mobilität und Selbstversorgung oder die Unterstützung durch das Pflegepersonal bei krankheits- und therapiebedingten Anforderungen an den Pflegebedürftigen. Dazu zählt, ob die medikamentöse Therapie wie ärztlich angeordnet vom Heim sowie den Pflegebedürftigen durchgeführt wird. Gleiches gilt für die Unterstützung beim Schmerzmanagement oder der Wundversorgung. Die MDK-Prüfer sollen auch bewerten, wie die pflegebedürftige Person bei der Eingewöhnungsphase nach dem Einzug betreut sowie bei einem Kranken­haus­auf­enthalt unterstützt wird. Ebenso zählen bei der Bewertung die Gestaltung des Alltagslebens und der sozialen Kontakte sowie die nächtliche Versorgung.

Prüfungen sind vorher bekannt

Im Gegensatz zu den früheren Heimprüfungen sollen sich die MDK-Prüfer nun einen Tag vorher anmelden und jeweils neun Bewohner begutachten. Wenn ein Heim keine Indikatoren an die Datensammelstelle gemeldet hat, diese unvollständig oder statistisch nicht plausibel sind, dann können Heimprüfungen auch unangekündigt stattfinden. Die Heime werden bei jedem Indikator und jeder Qualitätsbeurteilung in vier Kategorien bewertet: Zwischen „keine Auffälligkeit“ (Kategorie A) über „Auffälligkeiten, die keine Risiken oder negativen Folgen für die versorgte Person erwarten lassen“ (Kategorie B) bis hin zu „Defiziten mit Risiko negativer Folgen für die versorgte Person“. Diese Kategorie C treffe dann zu, wenn „Mobilitätseinschränkungen bei der Frage nach erhöhtem Sturz- und Dekubitusrisiko unberücksichtigt bleiben“, heißt es beim MDK. Kategorie D ist ein „Defizit mit eingetretenen negativen Folgen für die versorgte Person“. Komme solch eine Bewertung zustande, fehle es an ausreichender Unterstützung in sämtlichen Lebensbereichen.

Bei den künftigen Prüfungen sieht der MDK auch die Aufgabe darin, die Heime zu beraten. Es solle auch ein kollegiales Gespräch geben, „wie die Qualitätsdefizite und schlechte Indikatorenergebnisse verbessert werden können“. Wenn Heime eine gute Qualität liefern, sollen sie alle 24 Monate überprüft werden. „Diese Kombination aus internem Qualitätsmanagement und externen Qualitätsprüfungen für die bundesweite Langzeitpflege ist absolut neu“, sagt Monika Kücking, Leiterin Abteilung Gesundheit beim GKV-Spitzenverband bei der Vorstellung der neuen Systematik.

Sobald ab Mitte 2020 die erhobenen Daten veröffentlicht werden, sollen Pflegebedürftige und Angehörige sehen können, wie gut oder wie schlecht die Heime bei den einzelnen Themen und Bereichen im Vergleich zum Durchschnitt abschneiden. Dargestellt wird auch, ob die Prüfer Qualitätsdefizite bei den einzelnen Prüfpunkten feststellen konnten. Eine Gesamtbewertung ist nicht geplant. Aber alle schwerwiegenden Defizite würden künftig erkennbar, bestätigte der Geschäftsführer der Medizinischen Dienste der Krankenkassen (MDS), Peter Pick. Eine Gesamtnote, wie bisher, sei wissenschaftlich nicht möglich, erklärten Vertreter des MDS sowie des GKV-Spitzenverbands. Der Vorstand der Deutschen Stiftung Patientenschutz, Eugen Brysch, hatte das Fehlen der Gesamtnote kritisiert.

Ärzteversorgung als Merkmal

In der künftigen Darstellung der Pflegequalität auf unterschiedlichen Webseiten können Heime auch freiwillig zusätzliche Ausstattungsmerkmale wie Zimmergröße, Balkone oder einen Garten angeben. Das Kriterium, mit welchen Vertragsärzten ein Heim einen Versorgungsvertrag hat, kann freiwillig angegeben werden. Die Personalausstattung mit Pflegekräften soll erfasst, aber nicht als Qualitätsmerkmal abgefragt werden.

Das Auffinden eines geeigneten Heimes sowie der Vergleich soll künftig einfacher werden. „Wir fordern, dass es genügend Filter gibt, wie ich ein gutes Heim für einen Angehörigen finde. In dieser Situation sind Pflegebedürftige keine normalen Konsumenten“, betonte Ines Verspohl, Abteilungsleiterin Sozialpolitik beim Sozialverband VdK. Sie betonte, dass bei der Entwicklung der neuen Qualitätsmaßstäbe für Pflege die Angehörigenverbände von Beginn an eingebunden waren. Verspohl forderte, dass die Qualitätsdaten der Heime nicht nur auf den Webseiten der Pflegekassen veröffentlicht werden.

Altes System war „eine Farce“

Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Jens Spahn (CDU) begrüßte, dass jetzt nach rund vier Jahren der Beratung ein neues System gestartet wurde. „Der bisherige Pflege-TÜV war leider eine Farce.“ Künftig gehe es darum, wie es den Bewohnern wirklich geht. „Das ist ein Riesenschritt für mehr Vertrauen ins System.“ Auch die Pflegebeauftragte der SPD-Fraktion, Heike Baehrens, lobte, dass künftig die Qualität der Versorgung im Mittelpunkt stehe. Die Grünen-Expertin Kordula Schulz-Asche forderte die stärkere Einbeziehung der Angehörigen in die Qualitätsprüfungen. Die FDP-Expertin Nicole Westig verlangte einfachere Darstellungen. Rebecca Beerheide

Geschichte der Pflegenoten

Seit 2009 wird die Qualität von ambulanten und stationären Pflegeeinrichtungen mit Schulnoten von „sehr gut“ bis „mangelhaft“ bewertet. Seit 2011 wird jedes Heim und ambulante Pflegedienst im Auftrag der Landesverbände der Pflegekassen jährlich vom Medizinischen Dienst der Kran­ken­ver­siche­rung (MDK) geprüft. Die Berichte enthielten eine Gesamtnote der Einrichtung sowie einzelne Noten für verschiedene Pflegebereiche und für einzelne Prüfkriterien. Die Noten sind schnell in der Kritik. Mit dem Pflegestärkungsgesetz II wurde 2016 ein Qualitätsausschuss Pflege eingerichtet, der in einem wissenschaftlichen Projekt ein neues Prüfverfahren und eine Alternative zu den Noten entwickeln sollte. Der Bericht dazu lag im September 2018 vor. Im November 2018 wurde mit dem Pflegepersonal-Stärkungsgesetz beschlossen, dass die vollstationären Pflegeheime nach der neuen Systematik geprüft werden sollen. Für die ambulante Pflege sind ebenfalls neue Vorschläge erarbeitet worden. Erste Pilotprojekte sollen demnächst starten.

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