ArchivDeutsches Ärzteblatt5/2000Welchen Stellenwert hat die Hochdosis-Chemotherapie des Mammakarzinoms?

MEDIZIN: Editorial

Welchen Stellenwert hat die Hochdosis-Chemotherapie des Mammakarzinoms?

Dtsch Arztebl 2000; 97(5): A-244 / B-192 / C-180

Hossfeld, Dieter Kurt

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LNSLNS Das von Dr. Ute Nitz verfasste Positionspapier, in das die meisten Internisten und Gynäkologen eingebunden wurden, die in Deutschland die Hochdosis-Chemotherapie bei Patientinnen mit Mammakarzinom befürworten und betreiben, ist die Reaktion auf eine Plenarsitzung der American Society of Clinical Oncology im Mai letzten Jahres in Atlanta.
Die Kongressveranstalter wussten um das gewaltige Interesse an diesem Thema, dass wie kein anderes in der Onkologie während der letzten zehn Jahre die Gemüter derartig erhitzt hat, dass die Auseinandersetzung einem Glaubenskrieg gleichkam und kaum noch Platz ließ für eine rationale Diskussion. Sie hatten deshalb für diese Sitzung den größten Saal mit 12500 Plätzen gewählt, der sich dennoch als viel zu klein erwies. Nach zwei Stunden gingen die Teilnehmer frustriert nach Hause. Denn die vorgetragenen Resultate (1, 2, 3, 4) lieferten keine Antworten, warfen vielmehr umso mehr Fragen auf. Weder konnten sich die Kritiker, die schon immer wussten, dass die Hochdosis-Chemotherapie bei Patientinnen mit Mammakarzinom Unfug ist, bestätigt fühlen, noch konnten die Befürworter zufrieden sein. Nicht nur dass die Verlaufsbeobachtungszeiten der meisten vorgestellten Studien zu kurz und damit nicht reif für eine Veröffentlichung in einem solchen Rahmen waren. Schlimmer noch war, dass der kritische Beobachter befürchten musste, dass die in Atlanta vorgetragenen Untersuchungen wahrscheinlich gar nicht in der Lage sein werden, die Fragen nach dem Effekt der Hochdosistherapie bei Patientinnen mit Mammakarzinom zu beantworten. Die Rekrutierungszeiten der in den USA durchgeführten Studien waren zu lang, die eingesetzten Chemotherapien fragwürdig, die Strategien nicht vergleichbar. Das größte Problem, vor dem die in Atlanta besprochenen Studien, deren Konzeption teilweise zehn Jahre zurückreicht, stehen, ist das der Bezugsgröße: Womit soll der Effekt der Hochdosistherapie verglichen werden? Ihn mit den Resultaten nach einer CMF- oder FAC-Chemotherapie zu vergleichen, ist nicht mehr möglich. Wir wissen, dass es für Patientinnen mit schlechten Prognosefaktoren heute effektivere Zytostatikakombinationen gibt, und zwar sowohl für die adjuvante Situation als auch für das metastasierte Stadium. Hinzu kommen neue Prognoseparameter, neue diagnostische Verfahren (Sentinel-node-Biopsie) und neue therapeutische Strategien wie die neoadjuvante Chemotherapie, die Therapie mit monoklonalen Antikörpern. Die Therapie der Patientinnen mit Mammakarzinom ist in ständigem Fluss, wird immer differenzierter, sodass die Gefahr besteht, dass auch die derzeit laufenden Studien zur Hochdosis-Chemotherapie der Entwicklung hinterherhinken. Dr. Nitz ist jedenfalls zuzustimmen, wenn sie in Anbetracht der Fülle unbeantworteter Probleme (optimale Hochdosis-Chemotherapie?; optimaler Zeitpunkt der Hochdosis-Chemotherapie?; optimale Anzahl der Hochdosis-Chemotherapien?; optimale Therapie des Kontrollarms?) darauf hinweist, dass diese Therapieart von der Einführung in die klinische Praxis weit entfernt ist, vielmehr kontrollierten, prospektiven Studien vorbehalten bleiben muss. Bei der gegenwärtigen Unsicherheit spricht der Umstand, dass Deutschland bezüglich der Hochdosis-Chemotherapie bei Patientinnen mit Mammakarzinom in Europa an letzter Stelle liegt, nicht unbedingt gegen die deutsche Ärzteschaft und das Gesundheitssystem.
Zitierweise dieses Beitrags:
Dt Ärztebl 2000; 97: A-244-245
[Heft 5]
Literatur
1. Bezwoda WR: Randomized, controlled trial of high dose chemotherapy (HD-CNVp) versus standard dose (CAF) chemotherapy for high risk, surgically treated, primary breast cancer. Proc ASCO 1999; 18: 2a.
2. Peters W et al.: A prospective, randomized comparison of two doses of combination alkylating agents (AA) as consolidation after CAF in high-risk primary breast cancer involving ten or more axillary lymph nodes (LN): Preliminary results of CALGB 9082/SWOG 9114/NCIC MA-13. Proc ASCO 1999; 18: 1a.
3. Stadtmauer EA et al.: Phase III randomized trial of high-dose chemotherapy (HDC) and stem cell support (SCT) shows no difference in overall survival or severe toxicity compared to maintenance chemotherapy with cyclophosphamide, methotrexate and 5-fluorouracil (CMF) for women with metastatic breast cancer who are responding to conventional induction chemotherapy: The Philadelphia intergroup study (PBT-1). Proc ASCO 1999; 18: 1a.
4. The Scandinavian Study Group: Results from a randomized adjuvant breast cancer study with high dose chemotherapy with CTCb supported by autologous bone marrow stem cells versus dose escalated and tailored FEC therapy. Proc ASCO 1999; 18: 2 a.
Anschrift des Verfassers
Prof. Dr. med. Dieter Kurt Hossfeld
Direktor der Abteilung Onkologie und Hämatologie
Medizinische Klinik
Universitätskrankenhaus Eppendorf
Martinistraße 52
20246 Hamburg

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