ArchivDeutsches Ärzteblatt41/2019Berühmte Entdecker von Krankheiten: Leo Kanner, Anwalt der benachteiligten Kinder

SCHLUSSPUNKT

Berühmte Entdecker von Krankheiten: Leo Kanner, Anwalt der benachteiligten Kinder

Dtsch Arztebl 2019; 116(41): [48]

Schuchart, Sabine

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Der Arzt und Humanist gilt als Gründungsvater der Kinder- und Jugendpsychiatrie in den USA. Durch seine Abgrenzung des frühkindlichen Autismus von einer Schizophrenie im Kindesalter bereitete er den Weg für das heutige Verständnis der tief greifenden Entwicklungsstörung.

Zu seiner Berufung fand Leo Kanner erst in den USA, nachdem er zum zweiten Mal emigriert war. Dort avancierte der Mediziner galizisch-jüdischer Abstammung ab Mitte der 1930er-Jahre zum führenden Kinder- und Jugendpsychiater seiner Zeit. „Am beeindruckendsten war seine Fähigkeit, sich in die Welt eines Kindes hineinzuversetzen. Permanent an seiner Zigarre paffend, war er ein echter ,Pied Piper‘ (,Rattenfänger‘), dem keines der Kinder widerstehen konnte. Er umhegte sie; sie vertrauten ihm und erzählten ihm Dinge, die sie sonst niemandem gesagt hätten“, so der Nachruf im britischen Journal of Child Psychology and Psychiatry anlässlich von Kanners Tod 1981.

Seine eigene Kindheit war nicht einfach, sie mag zu seiner Sensibilität und seinem Respekt für das Anderssein von Menschen beigetragen haben. Kanner wurde am 13. Juni 1894 in dem Dorf Klekotów in der heutigen Ukraine in eine Familie geboren, die er später als emotional sehr distanziert beschrieb. Auch auf dem Gymnasium fühlte sich der sprachlich begabte Junge mit seinen literarischen Neigungen oft isoliert. 1906 zog es die Kanners wie viele andere Ostjuden nach Berlin, durch den Betrieb eines kleinen Hotels hielten sie sich finanziell über Wasser. Nach dem Abitur 1913 nahm Kanner dort ein Medizinstudium auf. 1920 promovierte er mit einer Arbeit über das Herz. Nach seiner Approbation fand er eine Anstellung an der Berliner Charité und arbeitete in eigener Praxis. Doch die Hyperinflation machte sein Einkommen zunichte. Kanner entschloss sich zu einem abermaligen Ortswechsel. Kurz nach seiner Ankunft mit seiner Frau in New York erhielt er eine Anstellung am State Hospital in Yankton, einer Riesenklinik mit vielen neurologisch-psychiatrischen Patienten, die ihm ein reiches Betätigungsfeld bot. Kanner publizierte zu den verschiedensten Themen und brachte es, um sein Englisch zu optimieren, zur Meisterschaft im Lösen der Kreuzworträtsel in der New York Times, er wollte kein „Nobody“ in Amerika bleiben. 1928 kam die große Chance in Form eines dreijährigen „Fellowship in Psychiatry“ am berühmten Johns Hopkins Hospital in Baltimore, einer Klinik mit Lehr- und Forschungsbetrieb. Dort baute er die erste kinderpsychiatrische Institution an einem Krankenhaus in den USA auf und wurde 1933 zum Associate Professor, später zum Professor für Kinderpsychiatrie ernannt. Für auch international großes Renommee sorgte sein 1935 erschienenes Buch „Child Psychiatry“, eine erste umfassende Darstellung des Themas in englischer Sprache. Ein weiterer Meilenstein war 1943 seine Erstbeschreibung des frühkindlichen Autismus, ein Jahr vor dem Österreicher Hans Asperger, der eine andere Form der Entwicklungsstörung diagnostizierte. Kanner beschäftigte sich fortan intensiv mit der Krankheit, neben der von ihm vermuteten angeborenen Ursache hielt er zeitweise eine gestörte Mutter-Kind-Beziehung für mitverantwortlich, revidierte diese Ansicht aber später.

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Lebenslang setzte sich Kanner für das Kindeswohl und speziell für geistig behinderte Kinder ein. Der damaligen kriminellen Praxis von Juristen in den USA, diese als Dienstboten an reiche Arbeitgeber zu vermitteln, setzte er durch sein Engagement ein Ende. Zwei Monate vor seinem 87. Geburtstag starb Kanner in seiner Wohnung an einem Herzinfarkt – bis kurz zuvor hatte er noch gearbeitet. Sabine Schuchart

1943 stellte Leo Kanner (1894–1981) eine Gruppe von elf Kindern mit auffälligen Verhaltensmustern, die er seit 1938 behandelte, in einem Artikel in der US-Zeitschrift Nervous Child vor. Den Beitrag nannte er „Autistische Störungen des affektiven Kontakts“ und schilderte darin detailliert die Symptome der acht Jungen und drei Mädchen: starke Defizite in der sozialen Interaktion, repetitive, monotone Verhaltensmuster sowie eine gestörte Kommunikation und teils Sprachentwicklung. Kanner betonte das kognitive Potenzial der Kinder, alle stammten aus hochintelligenten Familien. Ihre sich vor dem 3. Lebensjahr manifestierende Störung nannte er frühkindlichen Autismus. Der Begriff Autismus warum 1910 von dem Psychiater Eugen Bleuler als eines der Charakteristika der Schizophrenie eingeführt worden. Darin ein eigenständiges psychisches Krankheitsbild zu erkennen, das einer gesonderten Therapie bedarf, war Kanners revolutionäre Leistung.

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