ArchivDeutsches Ärzteblatt42/2019Armut und Gesundheit: Über Binsenweisheiten

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Armut und Gesundheit: Über Binsenweisheiten

Dtsch Arztebl 2019; 116(42): A-1867 / B-1539 / C-1507

Schmedt, Michael

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Michael Schmedt, Stellv. Chefredakteur
Michael Schmedt, Stellv. Chefredakteur

Wer arm ist, stirbt früher. Was viele als Binsenweisheit abtun, ist ein virulentes Problem, auf das Forscher immer wieder hinweisen. Dass der Begriff Binsenweisheit als „interessant vorgetragene Erkenntnis, die keinen besonderen materiellen Wert hat, keine Neuigkeit darstellt oder keinen Wissenszuwachs bringt“, definiert ist, macht aber klar: Die Kombination von Armut und Gesundheit tritt als vermeintlich unabwendbares Schicksal in den Hintergrund politischen Handelns. Dabei ist es auch keine Neuigkeit, dass bessere Bildung, gesunde Ernährung und Beschäftigung die Ansatzpunkte sind, um präventiv zu agieren. Passend dazu haben in diesem Jahr drei Ökonomen den Wirtschaftsnobelpreis erhalten, die für ihren experimentellen Ansatz geehrt werden, Armut zu lindern und Gesundheit zu verbessern.

Forscher des Max-Planck-Instituts für demografische Forschung haben zudem auf Basis von 27 Millionen Datensätzen der Deutschen Rentenversicherung untersucht, wie stark soziale Faktoren die Lebenserwartung in Deutschland beeinflussen. Die Auswertung der Ergebnisse zeigt, dass Arbeitslosigkeit das Sterberisiko verdoppelt. Noch wichtiger ist das Einkommen, insbesondere für Männer: Die Sterblichkeit des am schlechtesten verdienenden Fünftels lag um 150 Prozent über dem derjenigen Männer, die zum ersten Fünftel mit dem höchsten Einkommen gehören. Eine unzureichende Bildung erhöhte das Sterberisiko für Männer um 30 Prozent. Kaum einen Einfluss auf das Sterberisiko hat die Wohnregion, auch wenn es im Osten für Männer um eine Viertel höher ist. Rechnet man aber Einkommen, Bildung und Arbeitslosigkeit heraus, verschwindet der Unterschied.

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Diese Trends machen deutlich, das Gesundheitspolitik nicht allein auf das Gesundheitsressort beschränkt werden darf. Über gesundheitliche Folgen wird in vielen politischen Bereichen entschieden, allerdings ohne sich bewusst zu sein, wie sehr die Bevölkerung – vor allem die sozial Schwachen – betroffen ist. Politiker entscheiden eher nach wirtschaftlichen Erwägungen als im Interesse der Gesundheit der Bevölkerung. Dass hier dann ähnlich hohe Kosten entstehen, wird nicht berücksichtigt. Man denke nur an das Tabakwerbeverbot, die Lebensmittelkennzeichnung, eine Zuckersteuer oder auch das Klimapaket, um nur ein paar naheliegende Beispiele zu nennen. Bildungschancen und Hartz IV sind die großen Bereiche, die es zu beachten gilt.

Alle Ministerien sind also gefragt, bevor die Menschen als Erkrankte zum Fall für den Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter werden. Wie schwierig das Unterfangen ist, zeigte sich vor drei Jahren, als die damaligen Minister Christian Schmidt (CSU) für Ernährung, für Gesundheit Herman Gröhe (CDU) und die Drogenbeauftragte Marlene Mortler (CSU) im November 2016 der eigenen (!) Fraktion einen Brief schrieben, dass „Kinder und Jugendliche der Tabakwerbung auf Plakaten im öffentlichen Raum und Kino nicht ausweichen könnten“. Bis heute ist das Werbeverbot nicht umgesetzt. Womit wir wieder bei einer Binsenweisheit wären: Der höchste Anteil an Rauchern findet sich in sozial schwächeren Bevölkerungsgruppen. Und Tabakrauchen ist einer Studie aus dem British Medical Journal zufolge verantwortlich für die Entstehung und Vergrößerung sozioökonomischer Ungleichheiten in Bezug auf Lebensqualität, Morbidität und Mortalität. Vielleicht sollte es nicht nur ein Klimapaket geben, an dem sich alle Ministerien messen müssen, sondern auch ein Gesundheitspaket.

MIchael Schmedt
Stellv. Chefredakteur

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