ArchivDeutsches Ärzteblatt42/2019Benigne Multiple Sklerose: Ob die Multiple Sklerose im Einzelfall benigne verläuft, lässt sich nicht vorhersagen

MEDIZINREPORT: Studien im Fokus

Benigne Multiple Sklerose: Ob die Multiple Sklerose im Einzelfall benigne verläuft, lässt sich nicht vorhersagen

Dtsch Arztebl 2019; 116(42): A-1903 / B-1563 / C-1531

Gerste, Ronald D.

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Foto: Juan Gärtner/ stock.adobe.com
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Die Multiple Sklerose (MS) ist eine chronisch demyelisierende Erkrankung des Nervensystems, die nicht nur hohe individuelle, sondern auch sozioökonomische Belastungen hervorrufen kann. In Schweden machen die indirekten Kosten durch MS-bedingten Arbeitsausfall und Frührente circa 75 % der Krankheitskosten für die Bevölkerung im arbeitsfähigen Alter aus. Schwedische Forscher haben versucht, klinische und demografische Faktoren zu evaluieren, die mit der benignen Multiplen Sklerose (BMS) assoziiert sind. Die BMS ist definiert als Verlaufsform, bei der ≥ 15 Jahre nach Krankheitsbeginn ein Expanded-Disability-Status-Scale-(EDSS-)Wert von 3,0 oder weniger vorliegt. Eine rechtzeitige Identifizierung von Patienten mit dieser Verlaufsform der MS ist nach Einschätzung der Autoren vom Karolinska Institut in Stockholm wichtig, da diese Patienten keiner intensiven Behandlung bedürften.

Im Datensatz des nationalen MS-Registers wurden die Informationen zu 11 222 Patienten ausgewertet, 2 420 hatten einen benignen Verlauf. Die Patienten mit BMS waren häufiger weiblich (75,5 % vs. 70,1 %) und hatten ein niedrigeres durchschnittliches Manifestationsalter als die Gruppe mit nicht benigner MS (28,3 vs. 32,9 Jahre).

Je länger die Krankheitsdauer, desto geringer die Wahrscheinlichkeit, dass der Krankheitsstatus weiterhin als benigne eingestuft wurde: Nach 20 Jahren betrug die Wahrscheinlichkeit 53 %, nach 25 Jahren 28 % und nach 30 Jahren bei 15 %. Deutliche EDSS-Verschlechterungen mit einem langfristigen Trend hin zu einer Behinderung (Long-term Physical Disability Trajectories) wurden für die nichtbenigne Verlaufsform im Patientenalter von 29, 47 und 62 Jahren ermittelt, bei der BMS lagen diese Break Points bei 44 und 67 Jahren, also etwas später. Die Mortalitätsrate war bei den nichtbenignen Patienten gegenüber jenen mit BMS um den Faktor 6,8 erhöht.

Fazit: „Die Studie macht deutlich, dass das Konzept der benignen MS auf Ebene des individuellen Patienten nicht weiter hilft, da nicht vorhersehbar ist, welcher Patient einen gutartigen Verlauf haben wird,“ so erklärt Prof. Dr. med. Christoph Kleinschnitz, Direktor der Klinik für Neurologie am Universitätsklinikum Essen. „Auf keinen Fall darf der Begriff dazu verleiten, notwendige Verlaufskontrollen bei MS-Patienten zu unterlassen oder ihnen die modernen und gut wirksamen Immuntherapien vorzuenthalten.“ Dr. med. Ronald D. Gerste

Crielaard L, Kavaliunas A, Ramanujam R: Factors associated with and long-term outcome of benign multiple sclerosis: a nationwide cohort study. J Neurol Neurosurg Psychiatry 2019; 90: 761–7.

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