ArchivDeutsches Ärzteblatt27/1996Einsparungen im Gesundheitswesen: Gesundheitsdienst unter Druck

POLITIK: Aktuell

Einsparungen im Gesundheitswesen: Gesundheitsdienst unter Druck

Mertens, Stephan

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LNSLNSLNSLNS Durch die Umstrukturierungen und Kürzungen im Gesundheitswesen kommt der öffentliche Gesundheitsdienst (ÖGD) immer stärker unter Druck. Der 46. Wissenschaftliche Kongreß des Bundesverbandes der Ärzte des öffentlichen Gesundheitsdienstes e.V. am 20. Mai 1996 in Berlin bot die Gelegenheit zur Reflexion und den Versuch einer Neuorientierung. Wie der Vorsitzende der ÖGD, Dr. med. Burkardt Jaeschke, Leiter des Gesundheitsamtes Hamburg, ausführte, sollen die klassischen Aufgaben des öffentlichen Gesundheitsdienstes wie Gesundheitsschutz, Umwelt- und Kommunalhygiene, Prävention und Gesund­heits­förder­ung verstärkt betont und mehr ins Bewußtsein der Öffentlichkeit getragen werden. Insbesondere in der Zeit ökonomischer Probleme und damit einhergehender sozialer Polarisierung sei die medizinische Versorgung von Randgruppen wie Obdachlosen und Drogenabhängigen ein besonderes Anliegen des ÖGD. Darüber hinaus warnte Jaeschke vor einer Zergliederung des öffentlichen Gesundheitsdienstes, wodurch Reibungsverluste und höhere Kosten entstehen würden. Diese Tendenz wurde in einigen Bundesländern deutlich. So ist der öffentliche Gesundheitsdienst in Bayern in die Zuständigkeit der Kommunen übergegangen, ohne die erforderlichen Mittel mit zu verlagern.


Differenzierteres Bild
Ein etwas differenzierteres Bild entwarf Dr. med. Jan Leidel, Leiter des Kölner Gesundheitsamtes. Er räumte ein, daß einige Aufgaben wie zum Beispiel Medizinal- und Apothekenaufsicht, aber auch zahlreiche Gutachtertätigkeiten nicht mehr zeitgemäß oder aufgrund der veränderten Situation im Laufe der Jahre bedeutungslos geworden seien und aus diesem Grund zur Disposition gestellt werden sollten. Diese selbstkritische Darstellung werde besonders außerhalb des ÖGD viel Beifall finden, so Leidel. Für unangebracht hält er es, mit den Krankenkassen um Gesund­heits­förder­ungsangebote zu konkurrieren. Hingegen sollten die Gesundheitsämter ihren Schwerpunkt auf die folgenden drei Themenbereiche konzentrieren: Gesundheitsplanung und Berichterstattung, Gesundheitshilfen mit sozialkompensatorischem Schwerpunkt und Gesund­heits­förder­ung, wobei hier die Verhältnisprävention im Vordergrund stehen sollte. Im Rahmen einer Verwaltungsreform sollen neue Steuerungsmodelle eingeführt werden, die ein effektiveres und kostengünstigeres Handeln ermöglichen. Es könnten zum Beispiel für interne Aufträge anderer Behörden, Ämter und Dienststellen Gebühren erhoben werden, wodurch die Leistungen des ÖGD besser darstellbar und gegebenenfalls besser einsetzbar sind. Ferner hätte dies einen gewissen Steuerungseffekt, wodurch die Gesundheitsdienste nicht für unnötige Leistungen wie etwa die Erstellung von fragwürdigen Gutachten herangezogen würden. Schließlich könnte durch sorgfältige Prüfung und entsprechende organisatorische Änderungen eine Rationalisierung durch Zusammenarbeit sowohl auf interkommunaler als auch auf ämterübergreifender Ebene erreicht werden. Die in Berlin vorgeschlagenen Maßnahmen zur Umstrukturierung und Effizienzsteigerung des öffentlichen Gesundheitsdienstes scheinen längst überfällig zu sein. Kritisch zu prüfen ist, in welcher Form der ÖGD bestehenbleiben und welche Aufgaben er erfüllen soll. Dabei ist es wichtig, pragmatisch vorzugehen, historisch gewachsene Kompetenzen zu hinterfragen und der Versorgung der Bevölkerung Priorität einzuräumen. Dr. Stephan Mertens

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