ArchivDeutsches Ärzteblatt5/2000Welturaufführung in Wien: „Das Musical“

VARIA: Feuilleton

Welturaufführung in Wien: „Das Musical“

Dtsch Arztebl 2000; 97(5): A-261 / B-205 / C-193

Sauer, Christian M.

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LNSLNS In Österreichs Hauptstadt floriert das populäre Musiktheater.

Das Geschäft mit Musicals boomte. Jetzt scheint es, als würde das Interesse an den großen Theatergeschichten über Vietnam-Krieg, Französische Revolution oder flotten Bibelinterpretationen nachlassen. Zu viele Produktionen erlitten in den letzten Monaten Schiffbruch: "Miss Saigon" in Stuttgart, "Les Misérables" in Duisburg und "Joseph" in Essen; sie alle ereilte früher als geplant der Musical-Tod. Über die Hintergründe - schlechte Standorte, zu teure Eintrittspreise - wird schon seit langem heftig diskutiert.
In Wien dagegen scheint die Welt noch ziemlich in Ordnung zu sein - zumindest was die Musicals betrifft. Dort setzen die engagierten Damen und Herren der Vereinigten Bühnen Wien (VBW) um ihren Intendanten Rudi Klausnitzer seit einiger Zeit auf Uraufführungen. "Die VBW sind damit eindeutig zum aktivsten Eigenproduzenten von Musicals am Kontinent geworden", lässt Klausnitzer vollmundig verkünden.
Der Erfolg gibt ihm Recht: Mit dem Interesse an "Elisabeth", einem Stück über das Leben und die Todessehnsucht der österreichischen Kaiserin fernab jeglichem "Sisi"-Kitschs, hat die Wiener Musical GmbH Geschichte geschrieben. Seit 1992 sahen fast zwei Millionen Besucher das Stück nicht nur in Wien, sondern auch in Osaka, Tokio, Szeged und Budapest. "Es scheint, als entwickle sich hier am Geburtsort der Operette eine europäische Form des Musicals, mit der Wien abermals das populäre Musiktheater bereichert", meint Musicalautor Dr. Michael Kunze. Er hat Stücke wie "Evita", "Cats", "Phantom der Oper" oder "Sunset Boulevard" ins Deutsche übersetzt und "Elisabeth" die Worte in den Mund gelegt.
Jetzt will man den Erfolg der Kaiserin wiederholen. Das alte Musical-Rezept: ein österreichisches Thema, aber auch weltweit vermarktbar. Wolfgang Amadeus Mozart, das Wunderkind aus Salzburg, wurde zur Zielscheibe des Kunze-Teams um Sylvester Levay (Musik), Harry Kupfer (Regie) und Hans Schavernoch (Bühnenbild). "Mozart! - Das Musical" feierte am 2. Oktober 1999 im Theater an der Wien Welturaufführung.
Gespannt blickten die Musicalfreunde erneut nach Wien, enttäuscht kehrte man aus der Donaustadt zurück. Zwar hat Hans Schavernoch gigantische, optisch einmalige Szenen für "Mozart!" entwickelt, die Kostüme Yan Taxs’ bestechen durch Einfallsreichtum; was Kunze, Levay und Kupfer beisteuern, bleibt Durchschnitt. Die Mängel des Projektes liegen eindeutig im Buch. Wie schon in "Elisabeth" geht es Michael Kunze beim Mozart-Stoff darum, eine historische Figur von Verkitschung und Vergötterung zu befreien, um sie vom heutigen Standpunkt aus neu zu entdecken. Um die Mozart-Biographie musicalgerecht aufzubereiten, bedient sich Kunze einiger dramaturgischer Effekte, die teils zu stark konstruiert erscheinen. So darf Naturforscher Dr. Mesmer an Mozarts Grabstätte am Friedhof St. Marx nach den Überresten des Komponisten graben, wobei sich der Doktor an eigene Begegnungen mit Wolfgang erinnert. Das Stück beginnt, taucht ein in die (Um-)Welt des Wunderknaben: Der ehrgeizige Vater Leopold, die liebliche, unterschätzte Schwester Nannerl, der despotische Fürsterzbischof Colloredo und die schrecklich unehrliche Familie Weber haben ihre festen Auftritte, eben so, wie es Mozarts Leben schrieb. Dem Menschen Mozart stellt Michael Kunze das Genie Amadé gegenüber: ein kleiner Junge, der fortan den erwachsenen Mozart durch die Lebensstationen begleitet. Dieser Dramaturgie-Trick funktioniert; im Gegensatz zu Kunzes Texten, die streckenweise äußerst banal über die Rampe kommen. Sylvester Levay lässt Amadé und seine Musik unangetastet, nur kurz hören wir "echten Mozart". Der Rest Levay ist bedauerlicherweise ohrwurmfrei.
Ein perfektes Ensemble, aus dem vor allem Uwe Kröger als Fürsterzbischof Colloredo herausragt und in dem Yngve Gasoy-Romdal als Mozart eine gute Figur macht, ist bei den Wiener Produktionen fast schon Usus. Wenn der Erfolg in der Post-"Elisabeth"-Zeit mit dem anderen Österreicher nicht eintreten sollte, die VBW haben noch einen Trumpf in der Stadt: Im Raimund-Theater luden bis Mitte Januar die Transsylvanier zum "Tanz der Vampire" ein. Die Produktion unter Regie von Roman Polanski löst ab 31. März 2000 "Miss Saigon" im Stuttgarter SI-Centrum ab. Die Wiener beißen sich durch die Musical-Flaute.
Informationen und Karten für die Wiener Musicals der VBW unter Wien Ticket Tel 00 43/1/5 88 85 oder im Internet www.musicalvienna.at Christian M. Sauer


Im alten Theater an der Wien wird das neue High-Tech-Musical aufgeführt. Foto: Vereinigte Bühnen Wien

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