ArchivDÄ-TitelSupplement: PerspektivenSUPPLEMENT: Diabetologie 2/2019Digitalisierung: Auf dem Weg zur datenbasierten Diabetologie

SUPPLEMENT: Perspektiven der Diabetologie

Digitalisierung: Auf dem Weg zur datenbasierten Diabetologie

Dtsch Arztebl 2019; 116(43): [26]; DOI: 10.3238/PersDia.2019.10.25.05

Heinemann, Lutz; Kulzer, Bernhard

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Innovative Medizintechnikprodukte sowie das digital unterstützte Auswerten von Daten sollen die Behandlung verfeinern und personalisieren. Doch wo sind die Grenzen? Eine Analyse aktueller diagnostischer und therapeutischer Ansätze zur Versorgung von Diabetespatienten.

Foto: Raman Khilchyshyn-stock.adobe.com
Foto: Raman Khilchyshyn-stock.adobe.com

Die Digitalisierung hat auch im Bereich der Diabetologie stark an Bedeutung gewonnen, die Diabetes-Technologie (DT) ist inzwischen eine tragende Säule der Therapie. Rasante Entwicklungen im Bereich der Informationstechnologie beschleunigen diesen Trend. Für das Diabetesteam soll der Aufwand für die Handhabung der jeweiligen Technologie minimal sein – zum Beispiel durch einfache und intuitive Benutzeroberflächen. Auch die Patienten müssen schnell eindeutige Informationen für klare Handlungshinweise erhalten.

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Keine der genannten Gruppen hat Zeit und Lust, aufwendige Datendownloads und Analyseprozeduren zu durchlaufen, um Zahlenreihen oder Grafiken zu generieren, die ihnen am Ende wenig sagen. Nur wenn innovative Ansätze konkrete Vorteile bei der täglichen Diabetestherapie aufweisen, werden sie ernsthaft genutzt.

Vor- und Nachteile der Digitalisierung in der Diabetologie
Grafik 1
Vor- und Nachteile der Digitalisierung in der Diabetologie

Im Folgenden werden verschiedene Technologien vorgestellt. Der Fokus liegt aber nicht auf einzelnen Produkten, sondern vielmehr auf der Rolle, die innovative Entwicklungen als Teil der Gesamt-Diabetestherapie haben werden.

Wenn innovative Ideen zu Produkten werden und diese nachweislich durch randomisierte, kontrollierte klinische Studien zur Optimierung der Diabetestherapie von Patienten führen, müssen adäquate Rahmenbedingungen für deren Nutzung geschaffen werden – wie die Beschleunigung von Zulassungsprozeduren und Verfahren oder die adäquate Kostenerstattung.

Selbstmessung der Blutglukose

Stand der Dinge: Die Messgüte von Geräten für die Selbstmessung der Blutglukose (SMBG) hat sich in den letzten Jahren weiter deutlich verbessert. Es gibt Geräte mit Laborqualität – und das bei kleinsten Blutvolumina, rascher Messung und einfacher Handhabung. Diese Technologie hat einen beachtlichen Reifegrad erreicht. Jedoch verzichten aktuell fast alle Hersteller auf weitere Investitionen, das sie die Zukunft in den Systemen für das kontinuierliche Glukosemonitoring (CGM) sehen (s. u.).

Allerdings verwenden aktuell weltweit die überwiegende Anzahl aller Menschen mit Diabetes noch die konventionelle Technik zur Bestimmung der Blutglukosekonzentration. Auch die meisten Typ-1-Diabetiker werden weiterhin SMBG einsetzen, weil eine Reihe von CGM-Systemen nach wie vor eine Blutzuckermessung zur Kalibrierung benötigt. Die Selbstmessung wird also nicht verschwinden, auch wenn sich die Verhältnisse zugunsten leistungsfähigerer und kostengünstigerer CGM verschieben werden.

Dies gilt sowohl für die CGM-Systeme, bei denen die Glukosemesswerte direkt an das Empfangsgerät übertragen werden (Real-time-[rt]CGM-Systeme), als auch für das iscCGM-System, bei dem die Patienten die gemessenen Glukosewerte durch intermittierendes Scannen (isc) mit dem Anzeigegerät oder einem Scanner aus dem Sensor auslesen müssen.

Innovative Ansätze: Anders sieht es aus, wenn es um die adäquate Dokumentation, Analyse und Nutzung der bei SMBG anfallenden Daten geht. Hier hat die aktuelle ProValue-Studie belegt, wie durch eine strukturierte und systematische Nutzung der SMBG-Daten durch das Diabetesteam und den Patienten eine deutliche Verbesserung in der Glukosekontrolle erreicht werden kann. Dies ist auch ein Beleg dafür, was durch den Einsatz von digitalen Tools und eine „smarte“ Datennutzung bei Typ-2-Diabetikern unter Insulintherapie erreicht werden kann.

Der Einsatz von Apps zur Dokumentation und Analyse von SMBG-Daten, die automatisch von Messgerät an das Smartphone übertragen werden, führt ebenfalls zu einer nachweislichen Verbesserung der Glukosekontrolle. So liefern zum Beispiel Smart Pens (s. u.) wichtige Hinweise zur Insulintherapie wie: Wurde eine adäquate Dosis im Verhältnis zur gemessenen Glukosekonzentration appliziert? Geschah dies zum richtigen Zeitpunkt?

Smartphones und Fitnessstracker liefern zudem therapeutisch relevante Informationen zum Bewegungsverhalten.

Werden all diese Daten in die Cloud hochgeladen, kann durch geeignete Algorithmen der Regelkreis auch bei diesen Patienten geschlossen werden und sie erhalten eindeutige Angaben dazu, wieviel Insulin sie zu welchem Zeitpunkt spritzen sollen. Was in diesem Zusammenhang noch fehlt, sind zuverlässige Angaben zum Kohlenhydratgehalt der Mahlzeiten. Hier wird seit Jahren an verschiedenen Ansätzen gearbeitet, um zum Beispiel durch Auswertung von Fotos des Essens rasch eine Abschätzung des Kohlenhydratgehaltes zu erreichen. Eine wirklich praxistaugliche Lösung gibt es aber noch nicht.

Was gilt es zu tun? Durch die geschickte Nutzung von SMBG-Daten, die mit qualitativ hochwertigen Geräten erhalten werden, kann bei einer Vielzahl von Patienten eine deutliche Therapieverbesserung erreicht werden. Das Mehr an Informationen zum Glukoseverlauf, wie es durch CGM-Systeme geliefert wird, ist vermutlich nicht für alle Patienten(gruppen) wirklich notwendig. Offenheit zu einer differenzierten Nutzung der SMBG-Daten und die Weiterentwicklung der angesprochen Themenkomplexe könnten für viele Patienten einen erheblichen Nutzen bieten, und dies bei moderaten Kosten.

Kontinuierliches Glukosemonitoring

Stand der Dinge: Als vor etwa 20 Jahren die ersten CGM-Systeme auf den Markt kamen, waren sich die Experten einig, dass diese die Diabetestherapie revolutionieren werden und dass innerhalb weniger Jahre alle Patienten solche Systeme nutzen werden. Dies ist nicht passiert: Derzeit gibt es schätzungsweise 40 000 CGM-Dauernutzer in Deutschland (bezogen auf Patienten mit Typ-1-Diabetes und rtCGM-Systeme), auch wenn die Kostenerstattung ihnen den Zugang deutlich erleichtert. Im Alltag gibt es allerdings immer noch Hürden, abhängig von der jeweiligen Kran­ken­ver­siche­rung und des Medizinischen Dienstes.

Ein weiterer wichtiger Schritt war, dass Therapieentscheidungen aus regulatorischer Sicht auf den Messergebnissen von CGM-Systems beruhen dürfen, das gilt jedoch nur für spezielle CGM-Systeme.

Neben den klassischen rtCGM-Systemen, bei denen der Sensor alle 14 Tage gewechselt wird und die Glukosekonzentration in der interstitiellen Gewebeflüssigkeit misst, steht nun ein rtCGM-System zur Verfügung, bei dem der Sensor unter die Haut implantiert wird: Er kann aktuell circa 180 Tage genutzt werden, bevor er ausgetauscht werden muss. Bisher mussten rtCGM-Systeme 1- bis 2-mal täglich mit einer Blutglukosemessung kalibriert werden, um die Verzögerung zwischen Blut- und interstitieller Glukose auszugleichen. Bei den neuesten rtCGM-Systemen ist dies nicht mehr notwendig, aber möglich.

Einen anderen Ansatz bietet das „intermittent scanning CGM“ (iscCGM). Bei diesem System wird die Glukosekonzentration wie bei den rtCGM-Systemen ebenfalls in der interstitiellen Flüssigkeit gemessen, allerdings muss dieses System nicht mehr kalibriert werden. Wegen seiner einfachen Handhabung wird es vielfach als SMBG-Ersatz genutzt. Die erste Generation bietet mittlerweile auch die Möglichkeit von Alarmen beim Erreichen von definierten Glukosewerten, wie dies bei rtCGM-Systemen der Fall ist, die nun auf dem Markt befindliche zweite Generation dieses iscCGM-Systems bietet solche Alarme. Die zweite Generation dieses Systems ist nun im Hilfsmittelverzeichnis gelistet, daher gibt es dafür eine Kostenübernahme. Dieses iscCGM-System wird weltweit durch > 1,5 Millionen Patienten genutzt und ist daher – mit Abstand – der Spitzenreiter.

Innovative Ansätze: Praktisch jeder Hersteller bietet in mehr oder weniger kurzen Zeitabständen neue Generationen ihrer CGM-Systeme an. Dabei steigt nicht nur deren analytische Messgüte deutlich an, auch die Empfindlichkeit der Glukosesensoren in Hinsicht auf Interferenzen mit bestimmten Medikamenten konnte massiv reduziert werden. Außerdem verfügen die CGM-Systeme nun über „Konnektivität“, das heißt die Messwerte werden automatisch an Familienangehörige oder das Diabetesteam übermittelt, falls der Patient das wünscht.

Parallel wird an einer Vielzahl von innovativen Ansätzen gearbeitet, um Nachteile der bisherigen CGM-Systeme auszugleichen und die Kosten zu reduzieren. Beim aktuellen Kostenniveau können schlichtweg nicht alle Patienten CGM-Systeme nutzen, dies würde das Gesundheitssystem überfordern. Angestrebt werden deshalb Preisniveaus, wie sie für SMBG gelten.

Weiterhin gilt es die Größe der Systeme (insbesondere des Glukosesensors) weiter zu reduzieren, damit die Messung noch diskreter erfolgen kann. Dadurch können auch die Inserter, mit denen die Glukosesensoren appliziert werden, kleiner gehalten werden, was zu weniger Plastikmüll führt.

Da bei dauerhafter Nutzung von CGM-Systemen (auch bei anderen DT-Technologien wie Insulinpumpen) bestimmte Substanzen in den verwendeten Pflastern und Kunststoffgehäusen schwerwiegende Hautreizungen auslösen können, gilt es auch hierbei neue Lösungen zu finden. Die bei einem gewissen Prozentsatz der Patienten auftretenden allergischen Reaktionen verhindern die Nutzung von solchen technischen Optionen. Durch Pflaster auf Silikonbasis sind Verbesserungen möglich, allerdings zu höheren Kosten.

Was gilt es zu tun? Eine ernsthafte Schwäche von CGM-Systemen sind fehlende Standards, wie bei SMBG-Geräten üblich. Dies erschwert den Einsatz von CGM-Systemen im Krankenhaus, wo nur qualitätsgesicherte Messmethoden eingesetzt werden.

Die amerikanische Gesundheitsbehörde hat kürzlich durch Einführung einer „i“-Markierung einen Schritt Richtung Standardisierung getan. Dabei steht „i“ für Interoperabilität, das heißt für einen problemlosen Datentransfer und -austausch zwischen verschiedenen DT-Technologien. Durch diesen Schritt soll die Verknüpfbarkeit der Geräte von verschiedenen Herstellern wesentlich verbessert werden.

Pens und Smart Pens

Stand der Dinge: Die Mehrzahl der Patienten in Deutschland verwendet „Insulinstifte“ anstelle von Spritzen. Die Handhabung solcher Pens ist über die Zeit deutlich einfacher und sicherer geworden. Durch die Entwicklung besserer Nadeln erfolgt die Insulininjektion heutzutage in den meisten Fällen praktisch schmerzfrei.

Innovative Ansätze: Was bei Pens bisher im größeren Maßstab fehlt, ist deren Anbindung an die digitale Welt: die automatische Erfassung der applizierten Insulindosis, dem Zeitpunkt der Injektion sowie der Transfer dieser Daten an eine Stelle, wo diese Informationen (zusammen mit anderen Daten des jeweiligen Patienten) zusammenlaufen und geeignet ausgewertet werden. Diese wichtigen Informationen können – zusammen mit dem Glukoseverlauf – genutzt werden, um klare Hinweise zur Insulintherapie zu geben und Fehler zu vermeiden. Schwierigkeiten bereitet noch die zuverlässige Messung der im Insulinreservoir verbleibenden Insulinmenge.

Was gilt es zu tun? Wie bei vielen anderen DT-Technologien wäre die Durchführung einer Evaluierung der Eigenschaften von Insulinpens durch eine unabhängige Institution eine wesentliche Hilfe. Eine individuelle Auswahl der Pens nach einer „Positivliste“ wäre für Patienten und Diabetesteams gleichermaßen hilfreich.

Insulinpumpen und Patch-Pumpen

Stand der Dinge: Moderne Insulinpumpen sind kleine, leicht zu bedienende und zuverlässige Geräte mit diversen Funktionen, um eine näherungsweise physiologische Insulintherapie zu erreichen. Der technologische Fortschritt ist eng verbunden mit der Entwicklung kleinerer Pumpenmotoren, Computer-Prozessoren mit mehr Rechenleistung, Displays mit guter Lesbarkeit und leichten Batterien mit hoher Leistung.

Im Vergleich zu den Pumpen hat es bei den Insulin-Infusionssets eher wenig Entwicklung gegeben. Sie sind im Alltag der Patienten immer noch mit erheblichen Hürden verbunden. Bei den sogenannten Patch-Pumpen sind Infusionsnadel und Schlauch, der das Reservoir mit der Nadel verbindet, in der Pumpe integriert – und damit für den Patienten nicht sichtbar. Bisher ist nur eine Patch-Pumpe auf dem Markt, die insbesondere von Patienten genutzt wird, die vorher keine konventionelle Insulinpumpe verwendet haben.

Eine von Patienten viel genutzte Option sind Bolusrechner, die in Insulinpumpen (oder Blutglukosemesssystemen) integriert sind. Diese erleichtern unter Verwendung verschiedener Algorithmen die Berechnung der Insulindosis für die jeweilige Mahlzeit auf Basis des aktuellen Blutzuckerwertes, des Blutzuckerzielwertes, der tageszeitabhängigen Insulinempfindlichkeit und der noch wirksamen Menge an vorher appliziertem Insulin. Eine Standardisierung der in diesem Zusammenhang verwendeten Begriffe und Handhabungsschritte würde die Nutzung dieser Kalkulatoren nicht nur einfacher machen, sie würde auch das Risiko von Fehlbedienungen reduzieren.

Innovative Ansätze: Während es bei der Größe und Form von konventionellen Insulinpumpen in den letzten Jahren keine großen Änderungen gegeben hat, auch aus technischen Gründen (wie z. B. die Insulinpatronen, Bedienbarkeit), gibt es eine Reihe von unterschiedlichen Patch-Pumpen-Konzepten. Von diesen sollen nun die ersten auf den Markt kommen; dabei stellt die zuverlässige Herstellung solcher Pumpen in größerem Maßstab eine ernsthafte Herausforderung dar. Durch die Entwicklung von Insulinreservoirs mit einer anderen Form sowie andere Pumpkonzepte können die Pumpen auch anders gestaltet werden.

Zukünftig werden auch Patch-Pumpen für Typ-2-Diabetes verfügbar sein. Bei einigen Ansätzen wird durch eine damit gekoppelte Glukosemessung eine unmittelbare Steuerung der Insulingabe bewirkt, dies ermöglicht eine „automatische“ Insulintherapie ohne Intervention des Patienten. Im gleichen Ansatz gibt es Insuline, die als Depot in das subkutane Gewebe appliziert werden und dort entsprechend der vorherrschenden Glukosekonzentration freigesetzt werden („Smart Insuline“). Vergleichbar dazu gibt es Bemühungen, ein Insulin zu entwickeln, das an ein lichtempfindliches Molekül gekoppelt ist. Durch Einstrahlung von einer gewissen Menge Licht einer definierten Wellenläge soll dieses dann entsprechend dem aktuellen Bedarf freigesetzt werden.

Was gilt es zu tun? Neue Ansätze zur Insulinapplikation müssen auf deren Sicherheit und Effizienz in klinischen Studien evaluiert werden. Bisher waren solche Studien vielfach darauf ausgerichtet, die (vermuteten) Vorteile der neuen Geräte möglichst gut herauszuarbeiten und weniger zu evaluieren, was deren konkrete Vorteile im Alltag wirklich sind. Durch die Verschärfungen der Vorgaben für die CE-Markierung sowie durch Health-Technology-Assessments (HTAs) werden die Hürden für eine Markteinführung und die Kostenerstattung von neuen Medizinprodukten erhöht. Dazu kommen Evaluierungen zur Handhab- und Einsetzbarkeit von solchen Produkten im Alltag durch die Anwender. Die Vorgaben für die Hersteller werden dadurch insgesamt höher. Die Hoffnung ist, dass dies nicht zu einer Blockierung von Innovationen führt.

Automatisierte Insulindosierung

Stand der Dinge: Bei diesen Systemen zur Automatisierten Insulindosierung (AID) erfolgt eine „Verschmelzung“ von diagnostischen und therapeutischen Optionen: Denn die Insulininfusion über eine Pumpe wird auf Grundlage von kontinuierlich gemessenen Glukosewerten angepasst.

Weil die adaptive Insulinzufuhr bei dem nun auf dem Markt verfügbaren AID-System (670G-System von Medtronic) nur die basale Insulininfusion betrifft, der Patient die Insulinboli zu den Mahlzeiten aber weiterhin manuell abrufen muss, spricht man hierbei von einem Hybrid-AID-System.

Innovative Ansätze: Es sind eine ganze Reihe von AID-Systemen in der klinischen Entwicklung, bei denen die Insulinzufuhr vollständig übernommen wird, auch bei den Mahlzeiten. Bei den „bi-hormonellen“ Ansätzen wird nicht nur Insulin infundiert, sondern auch Glucagon. Durch diesen „Gegenspieler“ von Insulin kann bei Gabe von zu viel Insulin eine drohende Hypoglykämie vermieden werden. Mehr AID-Systeme unterschiedlicher Ausprägung werden in den nächsten Jahren verfügbar werden; sie ermöglichen eine „technische Heilung“ des Diabetes, sodass der Patient sich weitgehend nicht mehr um seine Insulintherapie kümmern muss.

Dabei kann allerdings keine völlige Normalisierung der Glukosekontrolle erreicht werden, da die Insulingabe immer noch subkutan erfolgt und nicht direkt in die Pfortader. Im Idealfall (bei dauerhaft zuverlässiger Funktion aller Komponenten) ermöglichen es solche Systeme den Patienten dennoch, ein weitgehend normales Leben zu führen – ohne Angst vor akuten Stoffwechselentgleisungen oder diabetesbedingten Komplikationen. Neben den medizinischen Aspekten gilt es, die positiven psychologischen Aspekte für Patienten und Angehörige zu sehen, die mit dem Einsatz solcher Systeme verbunden sind.

Was gilt es zu tun? Es ist noch nicht klar, wie hoch die Kosten sind, die mit dem Einsatz von AID-Systemen verbunden sein werden. Die Kosten für die 670G liegen wohl nicht über denen von Insulinpumpen, die eine Kommunikation mit einem rtCGM-System haben. Trotzdem gilt es die Frage klären, wie viele Patienten solch ein System nutzen wollen und welche Kosten die Gesundheitssysteme tragen können.

Für die erfolgreiche und sichere Nutzung von AID-Systemen müssen die Nutzer eine adäquate Schulung erhalten, die sich nicht nur deren Handhabung und technische Aspekte bezieht, sondern den Nutzer auch befähigt, im Fall von Ausfällen des Systems adäquat zu reagieren.

Patienten können mithilfe von Bauanleitungen aus dem Internet und dort runterladbaren Algorithmen AID-Systeme selber bauen. Diese sogenannten „Looper“ erreichen damit eine beachtlich gute Stoffwechselkontrolle; allerdings stellen solche Systeme keine zugelassenen Medizinprodukte dar, dementsprechend übernehmen die Hersteller dafür keine Haftung.

Elektronische Patientenakten

Stand der Dinge: Es hat zwar in Deutschland mehrere Anläufe gegeben, die Daten von möglichst vielen Diabetespatienten in einer elektronischen Patientenakte zu erfassen, allerdings haben sich diese bisher nicht wirklich etablieren können.

In Deutschland werden die Daten auch in unterschiedlichsten Hard- und Softwaresystemen erfasst. Aus Datenschutzgründen ist es daher extrem schwierig, die Diabetesdaten in einer sinnvollen Art und Weise zu aggregieren

Gleichzeitig gilt es zu sehen, wie erfolgreich (beurteilt nach der Anzahl von relevanten nationalen und internationalen Publikationen) ein deutsches Register für Kinder und Jugendliche ist. Im „DPV-Register“ der Universität Ulm werden Daten zu praktisch allen solchen Patienten gesammelt und regelmäßig analysiert.

Innovative Ansätze: In den USA sind, wie auch in zahlreichen anderen Ländern, elektronische Patientenakten bereits vorgeschrieben. Es gibt dort zudem eine Reihe von Ansätzen, die verfügbaren Daten geeignet zu aggregieren und auszuwerten.

In anderen Ländern (wie in Schweden) existiert seit Jahren ein erfolgreiches Diabetesregister.

Was gilt es zu tun? Wenn die Datenerfassung mit zusätzlichen Aktivitäten verknüpft ist, wird dies in der Praxis auf Dauer nur erfolgreich sein, wenn die notwendige Finanzierung gesichert ist.

Zudem werden die Daten von einer Vielzahl von Patienten in Disease-Management-Programmen (DMPs) gesammelt. Diese können aber nicht mit anderen Daten zusammengeführt und sinnvoll ausgewertet werden. Vor diesem Hintergrund ist es interessant, dass die Deutsche Diabetes Gesellschaft (DDG) die Einführung einer elektronischen Diabetesakte plant. Außerdem gibt es eine von der DDG getragene Initiative zur Errichtung eines AID-Registers.

Digitalisierung/Telemedizin

Stand der Dinge: Bei allen Aspekten der Behandlung fallen Daten an, deshalb kann Diabetes als eine „Datenmanagement-Erkrankung“ betrachtet werden und „datenbasierte Diabetologie“ ermöglichen. Bisher liegt das Schwergewicht des Denkens auf dem Erfassen der Daten und deren Speicherung. Dies stellt jedoch nur den notwendigen ersten Schritt dar, um durch eine Zusammenfassung aller verfügbaren Daten (z. B. Körpergewicht, Essverhalten, andere medikamentöse Therapie, Sport) im nächsten Schritt zu einer intelligenten Gesamtbetrachtung und Analyse zu kommen.

Patienten nutzen Apps in ihren Smartphones, um die bei ihrer Therapie anfallenden Daten zu dokumentieren und sich Unterstützung, zum Beispiel bei der Bolusberechnung bei einer Mahlzeit, zu holen.

Für viele Menschen mit Diabetes – vor allem jene, die nicht mobil sind oder eine große Entfernung zum Diabetologen haben – sind telemedizinische Ansätze wie zum Beispiel die Videosprechstunde eine interessante Option. Allerdings spielt sie in der Diabetologie in Deutschland bisher, anders als bei chronischen Hochrisikoerkrankungen wie Herzinsuffizienz oder Akutereignissen (Myokardinfarkt, Schlaganfall), nur eine untergeordnete Rolle. Dies hat mit der recht hohen Dichte an Diabetologen in weiten Gebieten in Deutschland zu tun, andererseits aber auch mit Defiziten bzgl. gesetzlicher Regelungen und vor allem mit der nicht adäquaten Honorierung.

Innovative Ansätze: Idealerweise werden die Daten von den entsprechenden Geräten automatisch heruntergeladen, an sicheren Stellen gespeichert und analysiert. Für solche Interpretationen werden Algorithmen in Form von „Clinical Decision Support Systems“ (CDSS) genutzt. Diese sollen zum Beispiel Muster erkennen und Vorschläge für Therapieanpassungen machen.

Die bisher am weitesten verbreitete Anwendung ist die Auswertung von Glukoseprofilen. Die Programme von verschiedenen Anbietern (z. B. den Herstellern der jeweiligen Produkte) ermöglichen dem Diabetesteam eine rasche Analyse der in den CGM-Systemen gespeicherten Messwerte: In einem Zeitraum von 3 Monaten fallen circa 25 000 Messwerte an. Die derzeitig verfügbaren Softwarelösungen sind keine „Expertensysteme“, die dem Arzt und dem Patienten konkrete Hinweise zur Therapieadjustierung geben, sie liefern primär eine deskriptive Analyse dieser Daten.

Expertensystemen gehört die Zukunft, vor allem wegen des immer massiver werdenden Zeitdrucks der Therapeuten: Denn es gibt immer mehr Patienten bei immer weniger Diabetologen. Damit der persönliche Kontakt der Patienten mit ihrem Arzt nicht noch kürzer wird, sind schnelle und konkret unterstützende Softwarelösungen essenziell.

Was gilt es zu tun? Telemedizinische Ansätze werden sich nur nachhaltig etablieren, wenn es gelingt, in entsprechenden Studien zu zeigen, dass der Einsatz von Telemedizin zu einer deutlichen Einsparung von Zeit und Kosten führt, bei gleichzeitig adäquater Betreuung der Patienten. Aktuell gibt es eine Reihe von telemedizinischen Projekten im Bereich Diabetes in Deutschland (auch eines mit Kindern in Schleswig-Holstein, das vom Innovationsfonds finanziert wird).

Fazit

  • Bei der Beschreibung der „Schönen Neuen Welt“ gilt es, die Schwierigkeiten und Hürden für die Implementierung in die Praxis zu sehen.
  • Während die Implementierung von Smartphones (aber auch des iscCGM-Systems) innerhalb weniger Jahre erfolgte, haben sich die regulatorischen Systeme (für die Zulassung von Medizinprodukten/Medikamenten) wenig bewegt, für die Kostenerstattung noch weniger.
  • Dies kann einerseits als notwendige Zurückhaltung betrachtet werden, da nicht jede „Innovation“ einen wirklichen Fortschritt für die Patienten bringt, gleichzeitig kann diese auch als eine Blockade oder unzumutbare Verzögerung betrachtet werden.
  • In diesem Spannungsfeld gilt es, die Balance zwischen der raschen und richtigen Implementierung von „richtigen“ Innovationen versus der überhasteten Nutzung von Scheininnovationen zu finden.

DOI: 10.3238/PersDia.2019.10.25.05

Prof. Dr. Lutz Heinemann

Prof. Dr. phil. Dipl.-Psych. Bernhard Kulzer

Interessenkonflikt: Prof. Heinemann hält Aktien des Profil Institut für Stoffwechselforschung Neuss; er erhielt Beraterhonorare von Roche, Sanofi und Berlin-Chemie, Unterstützung bei der Manuskriptabfassung und Autorenhonorare von Berlin-Chemie sowie Kongressgebührenerstattungen von Roche. Prof. Kulzer unterhält persönliche Beziehungen zu Berlin-Chemie und D.U.T. Report 2019; er erhielt Beraterhonorare von Berlin-Chemie, Roche und Sanofi, Autorenhonorare von Berlin-Chemie, Kongressgebühren- und Reisekostenerstattungen von Berlin-Chemie und Roche sowie Gelder für klinische Studien von Roche, Berlin-Chemie und Abbott.

Vor- und Nachteile der Digitalisierung in der Diabetologie
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