ArchivDeutsches Ärzteblatt43/2019Von schräg unten: Mode

SCHLUSSPUNKT

Von schräg unten: Mode

Dtsch Arztebl 2019; 116(43): [44]

Böhmeke, Thomas

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Menschen definieren sich gern über ihr Äußeres. Sie wollen beispielsweise durch Kleider Signale setzen. So was nennt man Mode.

Nicht immer ist diese wirklich kleidsam. So war es bei unseren ärztlichen Vorfahren wie einigen Schamanen üblich, Geweihkronen zu tragen oder sich mit abgenagten Tierknochen zu behängen. Was für ein Glück, dass sich diese Mode nicht durchgesetzt hat, spätestens die Vegetarier unter uns wären damit nicht wirklich glücklich.

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Ganz andere Signale werden in letzter Zeit immer häufiger gesetzt: Es scheint Mode geworden zu sein, eine Meinungsäußerung mit Kraftausdrücken zu veredeln, mit Begriffen aus dem unteren Gastrointestinaltrakt oder den ableitenden Harnwegen schmücken zu müssen, um andere Meinungen werwolfartig wegzubeißen. Auch meine Schutzbefohlenen neigen zunehmend dazu, meinem Sprachschatz der Schmähungen auf die Sprünge zu helfen, meist geht dem eine Nichtigkeit voran, wie die Frage nach dem Grund für den gewünschten Taxischein. Beschimpfungen sind wohl derzeit in Mode, dies kommt mir allerdings so befremdlich vor wie besagtes Geweih auf meiner Glatze, denn ich bin in diesem Genre nicht bewandert.

Eigentlich hatte ich auch gar nicht vor, mich auf dem weiten Feld der Verbalinjurien fortzubilden, aber jetzt kam von gänzlich unerwarteter Stelle Druck in die Diskussion: Das Landgericht Berlin hat in der Causa Künast ganz offiziell festgestellt, dass die wortwörtliche Nutzung von Exkrementen sachbezogen und daher nicht beleidigend ist. Dies könnte man einerseits als Versuch des Landgerichts werten, sich als hip, trendy und modebewusst darzustellen, also Stoffwechselendprodukten den Weg in die gediegene Welt des Diskurses zu ebnen, andererseits müssen jetzt neue Begriffe gefunden werden, den Abgrund der verbalen Entgleisungen juristisch korrekt zu vermessen. Aber wozu ist das gut? Will man beim Objekt der Beschimpfung eine Blutdrucksteigerung erreichen? So viele verbal zu behandelnde arterielle Hypotonien gibt es nicht. Will man den Absatz von Säureblockern steigern, um die ganzen beleidigten Stressmägen zu kurieren? So viele PPI-produzierende Pharmafirmen gibt’s auf der Welt nicht. Ich weiß nicht, was ich davon halten soll, daher halte ich lieber mal meine Sprechstunde. Die Nächste, bitte. „Herr Doktor Böhmeke, das muss ich Ihnen erzählen, was mir passiert ist: Ich hatte doch so schlimme Schmerzen, konnte mich nicht mehr bewegen, und die Rheumatologen waren erst mal alle ausgebucht! Dann hat mein Mann die Terminservicestelle angerufen, hat richtig Rabatz gemacht, aber die haben mir einen Termin erst in fünf Monaten fünfzig Kilometer weiter weg vermittelt! Weil alles Schimpfen meines Mannes nichts genutzt hat, habe ich ganz freundlich mit einer Arzthelferin der Rheumapraxis gesprochen und ihr meine Beschwerden geschildert. Und sie hat mich als Notfall dazwischengeschoben, der Rheumatologe hat gleich die richtige Diagnose gestellt und Medikamente verschrieben, und Sie werden es nicht glauben: Drei Tage später war ich völlig beschwerdefrei, wie neugeboren! Was ist mir da erspart geblieben!“ Aha. Ich weiß zwar immer noch nicht, wofür eine drastische Wortwahl nützlich sein soll, aber eins ist mir jetzt klar: Wenn man darauf verzichtet, tutʼs der Gesundheit gut. Und das freut doch jede Arztseele.

Dr. med. Thomas Böhmeke
ist niedergelassener Kardiologe in Gladbeck.

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