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Wir danken für die Gelegenheit, zu den beiden Leserbriefen Stellung zu nehmen. Unser Beitrag hat die administrative Inzidenz, Prävalenz und Komorbiditäten, Versorgung und Kosten des Reizdarmsyndroms (RDS) in den Abrechnungsdaten der Barmer Krankenkasse dargestellt (1). Wir stimmen Frau Spangenberg zu, dass Nahrungsmittelunverträglichkeiten bei vielen Patienten zur Reizdarmsymptomatik beitragen. In der allgemeinen Bevölkerung und in klinischen Stichproben geben bis zu 50 % der RDS-Patienten Nahrungsmittelunverträglichkeiten an (2). Wir haben mögliche Gründe diskutiert, warum die Prävalenz der kodierten Nahrungsmittelunverträglichkeiten (zum Beispiel Laktoseintoleranz bei 8 % der RDS-Fälle) niedriger war, als aufgrund epidemiologischer Studien zu erwarten ist, wie fehlende ICD-10-Codes für einige Nahrungsmittelunverträglichkeiten oder fehlende Untersuchungen auf oder Codierung von Nahrungsmittelunverträglichkeiten durch die Behandler (1).

Die Besiedlung des Dickdarms mit Anaerobiern ist keine ICD-10-Diagnose und konnte daher über die Abrechnungsdaten nicht erfasst werden. Eine aktuelle systematische Übersichtsarbeit fand eine große Heterogenität der Studien, welche die Darmmikrobiota von RDS-Patienten mit gesunden Kontrollen verglichen. Eine höhere Konzentration von Anaerobiern im Stuhl von RDS-Patienten wurde nicht gefunden (3). Keine uns bekannte Leitlinie zum RDS empfiehlt die von Herrn Neussel als „wahre Wunder“ bewirkende Heilung des RDS durch Clindamycin. Eine kontrollierte Studie zu Clindamycin beim RDS haben wir in PubMed nicht gefunden.

Beide Leserbriefe äußern sich kritisch zur möglichen Rolle von psychologischen Faktoren und der Psychotherapie beim RDS. Es besteht eine hohe interindividuelle Variabilität der Bedeutung psychischer Faktoren in Entstehung und Verlauf des RDS (2) – wie bei Nahrungsmittelunverträglichkeiten auch. Unsere Beobachtungsstudie belegt die hohe Assoziationsrate des RDS mit Angst- und depressiven Störungen (2).

In den vier Quartalen vor und im Quartal der Diagnose erhielten 58 % der RDS-Fälle Leistungen der Richtlinienpsychotherapie. 26 % wurden ambulant fachpsychiatrisch beziehungsweise fachpsychosomatisch betreut. Abrechnungsdaten von Krankenkassen können keine Aussage treffen, ob die psychiatrisch-psychotherapeutischen Leistungen „unangebracht und sinnlos“ waren – wie von Herrn Neussel behauptet – oder nicht. Im Gegensatz zu der von Herrn Neussel empfohlenen Therapie mit Clindamycin, ist die Wirksamkeit und Sicherheit verschiedener psychotherapeutischer Verfahren wie Bauchhypnose und kognitive Verhaltenstherapie bei RDS gut belegt (4). Die S3-Leitlinie zum RDS empfiehlt, psychologische Diagnostik bei Hinweisen auf psychosoziale Belastungen und /oder psychische Komorbidität durchzuführen. Psychotherapeutische Verfahren sollen in Abhängigkeit von der Ausprägung psychischer Symptombelastung abgestuft (psychosomatische Grundversorgung durch Hausarzt oder Gastroenterologen bei leichten Fällen, Fachpsychotherapie bei schweren Fällen) und integriert in ein medizinisches Gesamtkonzept erfolgen, welches auch Ernährungsberatung und symptombezogene medikamentöse Therapie umfasst.

DOI: 10.3238/arztebl.2019.0755c

Für die Autoren
Prof. Dr. med. Winfried Häuser
Klinik für Innere Medizin I, Klinikum Saarbrücken, Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie, Technische Universität München
whaeuser@klinikum-saarbruecken.de

Prof. Dr. med. Peter Layer
Israelitisches Krankenhaus, Hamburg

Interessenkonflikt
Prof. Häuser erhält Autorenhonorare für eine CD mit medizinischer Hypnose
für RDS-Betroffene vom Hypnos Verlag.

Prof. Layer erhielt Honorare für eine Beratertätigkeit von Allergan.

1.
Häuser W, Marschall U, Layer P, Grobe T: The prevalence, comorbidity, management and costs of irritable bowel syndrome—an observational study using routine health insurance data. Dtsch Arztebl Int 2019; 116: 463–70 VOLLTEXT
2.
Andresen V, Keller J, Pehl C, Schemann M, Preiss J, Layer P: Irritable bowel syndrome–the main recommendations. Dtsch Arztebl Int 2011;108:751–60 CrossRef MEDLINE PubMed Central
3.
Maharshak N, Ringel Y, Katibian D, et al.: Fecal and mucosa-associated intestinal microbiota in patients with diarrhea-predominant irritable bowel syndrome. Dig Dis Sci 2018; 63: 1890–9 CrossRef MEDLINE
4.
Ford AC, Lacy BE, Harris LA, Quigley EMM, Moayyedi P: Effect of antidepressants and psychological therapies in irritable bowel syndrome: an updated systematic review and meta-analysis. Am J Gastroenterol 2019; 114: 21–39 CrossRefMEDLINE
1.Häuser W, Marschall U, Layer P, Grobe T: The prevalence, comorbidity, management and costs of irritable bowel syndrome—an observational study using routine health insurance data. Dtsch Arztebl Int 2019; 116: 463–70 VOLLTEXT
2.Andresen V, Keller J, Pehl C, Schemann M, Preiss J, Layer P: Irritable bowel syndrome–the main recommendations. Dtsch Arztebl Int 2011;108:751–60 CrossRef MEDLINE PubMed Central
3.Maharshak N, Ringel Y, Katibian D, et al.: Fecal and mucosa-associated intestinal microbiota in patients with diarrhea-predominant irritable bowel syndrome. Dig Dis Sci 2018; 63: 1890–9 CrossRef MEDLINE
4.Ford AC, Lacy BE, Harris LA, Quigley EMM, Moayyedi P: Effect of antidepressants and psychological therapies in irritable bowel syndrome: an updated systematic review and meta-analysis. Am J Gastroenterol 2019; 114: 21–39 CrossRefMEDLINE

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