ArchivDeutsches Ärzteblatt44/2019World Health Summit: Der Klimawandel betrifft alles und jeden

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World Health Summit: Der Klimawandel betrifft alles und jeden

Dtsch Arztebl 2019; 116(44): A-2010 / B-1646 / C-1611

Korzilius, Heike

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Ärzte und Naturschützer haben im Rahmen des 11. World Health Summit in Berlin vor den Folgen des Klimawandels für die Gesundheit und die Lebensräume gewarnt. Es ist eines der Schwerpunktthemen der Konferenz.

Foto: freie-kreation/stock.adob.com
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Der Andrang der Journalisten war groß. Die Veranstalter des 11. World Health Summit hatten zur Pressekonferenz geladen, um auf eines der Schwerpunktthemen der Konferenz aufmerksam zu machen: die dramatischen Folgen des Klimawandels für die Gesundheit und die Lebensräume. „Der Klimawandel betrifft alles und jeden“, sagte Christoph Heinrich, Vorstand Naturschutz beim World Wildlife Fund (WWF) am 28. Oktober in Berlin. Vom Anstieg des Meeresspiegels infolge der Erderwärmung seien weltweit eine Milliarde Menschen betroffen. Dicht besiedelte Regionen wie Indien oder Afrika litten unter fortschreitender Wüstenbildung. „So betreffen in den reichen Ländern verursachte Probleme schließlich die Ärmsten“, kritisierte Heinrich den andauernden CO2-Ausstoß. Er beklagte zudem einen „historischen Verlust“ an Ökosystemen wie den Regenwald im Amazonasgebiet. Diese Ökosysteme hätten noch immer das Potenzial, menschengemachtes Kohlendioxid zu binden. Doch die Entwaldungsraten hätten sich in Brasilien unter der Regierung von Staatspräsident Jair Bolsonaro allein in diesem Jahr vervielfacht. „Wir machen uns die Biosphäre zum Feind“, warnte Heinrich.

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Erwärmung bedroht Artenvielfalt

Die Erderwärmung habe auch für die Biodiversität verheerende Folgen. Erhitze sich die Erde um zwei Grad, seien bis zu 25 Prozent der Arten bedroht. Bei einem Temperaturanstieg von vier Grad könne es zu einem Massenaussterben kommen, erklärte der Naturschützer. Um hier gegenzusteuern, müsse eine Energie- und Mobilitätswende umgesetzt und in nachhaltige Landwirtschaft investiert werden. Heinrich warnte jedoch trotz aller Schreckensszenarien vor einer „Kaskade schlechter Nachrichten“, die die Menschen nur frustriere und abstumpfen lasse. Veränderungen müssten sozialverträglich und angemessen gestaltet und die Diskussion darüber mit Augenmaß und Empathie geführt werden.

Prof. Dr. med. Sabine Gabrysch, Lehrstuhlinhaberin für Klimawandel und Gesundheit an der Charité – Universitätsmedizin Berlin, beklagte, dass Deutschland bei den Themen globale und planetare Gesundheit „erst spät aufgewacht ist“. Auch Gabrysch kritisierte den Landverbrauch durch intensive Landwirtschaft zum Schaden des Klimas. Sie betonte zugleich die gesundheitsfördernden Aspekte, wenn weniger Fleisch und mehr Gemüse produziert würden. „Die Deutschen essen im Durchschnitt doppelt so viel Fleisch, wie es für eine gesunde Ernährung angemessen wäre“, sagte die Ärztin. Sie regte an, dass Krankenhäuser mit gutem Beispiel vorangehen und mehr auf gesundes Essen achten.

Für eine bessere Verankerung der planetaren Gesundheit im Medizinstudium sprach sich Sylvia Hartmann aus. Die Medizinstudierende ist Vorstandsmitglied der Deutschen Allianz für Klimawandel und Gesundheit (KLUG). „Gesunde Menschen gibt es nur auf einem gesunden Planeten“, sagte sie. Sie forderte die im Gesundheitswesen Tätigen auf, sich politisch zu engagieren, denn die Folgen des Klimawandels für die Gesundheit seien dramatisch.

Dafür, auch den Klima-Fußabdruck des Gesundheitswesens in den Fokus zu rücken, plädierte der Arzt und Kabarettist Eckart von Hirschhausen. Nach Angaben der Nichtregierungsorganisation Health Care Without Harm ist der Gesundheitssektor für rund 4,4 Prozent der Emissionen weltweit verantwortlich und damit für mehr Treibhausgase als der Flugverkehr oder die Schifffahrt. Von Hirschhausen kritisierte zugleich, dass private Spender nur einen Bruchteil dessen in die Klimarettung investierten, was in andere Bereiche fließe. „Dabei ist das zurzeit die größte Bedrohung“, so der Arzt. „Wir retten nicht den Planeten, sondern uns.“

Das Ziel: Gesundheit für alle

Am Abend zuvor hatte Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Jens Spahn (CDU) mehr Engagement bei der Umsetzung der Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung gefordert. „Wir sind noch weit davon entfernt, insbesondere das Ziel Nummer drei, ein gesundes Leben für alle Menschen, zu erreichen“, sagte er bei der Eröffnung des 11. World Health Summit vor rund 1 300 internationalen Teilnehmern. Zwar seien in den vergangenen Jahren Fortschritte erreicht worden beispielsweise im Kampf gegen HIV/Aids, bei der Verringerung der Kindersterblichkeit oder der Polio-Eradikation. „Aber der Zustand der Weltgesundheit ist nicht zufriedenstellend“, erklärte der Minister. Angesichts von Epidemien wie Ebola gelte es vor allem, die Gesundheitssysteme in Entwicklungs- und Schwellenländern zu stärken, damit sie mit den Gefahren umgehen könnten. Globale Gesundheit könne aber nur erreicht werden, wenn alle Akteure über Ländergrenzen hinweg zusammenarbeiteten.

Engagement für globale Gesundheit: Der Präsident des World Health Summit Detlef Ganten (r.) begrüßt Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Jens Spahn. Foto: World Helth Summit
Engagement für globale Gesundheit: Der Präsident des World Health Summit Detlef Ganten (r.) begrüßt Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Jens Spahn. Foto: World Helth Summit

In diesem Zusammenhang lobte Spahn den Start des Globalen Aktionsplans für Gesundheit, den zwölf internationale Organisationen aus den Bereichen Gesundheit, Entwicklung und humanitäre Hilfe gemeinsam mit der Welt­gesund­heits­organi­sation (WHO) im September in New York auf den Weg gebracht haben. Angeregt hatten diese Initiative die Regierungschefs von Norwegen, Ghana und Deutschland, um sicherzustellen, dass das Ziel Nummer drei, Gesundheit für alle, auch tatsächlich bis 2030 erreicht wird. Die Partner verständigten sich insbesondere auf die Beschleunigung von Fortschritten in sieben Bereichen, darunter Grundversorgung, Systemfinanzierung, Forschung und Entwicklung sowie Epidemievorsorge. Spahn kündigte jetzt bei der Eröffnung des World Health Summit an, dass Deutschland auch seine EU-Ratspräsidentschaft in der zweiten Jahreshälfte 2020 nutzen wolle, um das Thema Globale Gesundheit auch auf europäischer Ebene voranzutreiben.

Lob für die Bundesregierung

Der Präsident des World Health Summit, Prof. Dr. med. Detlef Ganten, lobte das Engagement der Bundesregierung für die globale Gesundheit. Diese habe das Thema sowohl bei den führenden Industrienationen (G 7) als auch bei den führenden Industrie- und Schwellenländern (G 20) auf die Tagesordnung gesetzt. Beim G-20-Gipfel 2017 standen unter anderem die Verbesserung des globalen Gesundheitskrisenmanagements, die Gesundheitssystemstärkung sowie der Kampf gegen Antibiotikaresistenzen im Vordergrund. Nach Angaben der Bundesregierung hat Deutschland seit 2000 die Ausgaben für Entwicklungszusammenarbeit im Gesundheitssektor mehr als verdreifacht. Sie beliefen sich derzeit auf mehr als eine Milliarde US-Dollar jährlich. Im europäischen Vergleich sei Deutschland heute eines der führenden Geberländer im Gesundheitssektor und einer der wichtigsten Geldgeber der WHO.

Kapazitäten und Know-how vor Ort schaffen will das Bun­des­for­schungs­minis­terium mit seiner neuen Afrika-Strategie. „Dabei müssen wir die Bedürfnisse der Menschen besser in den Blick nehmen“, sagte Staatssekretär Christian Luft. Die BMBF-Projekte sollen die afrikanischen Partner bei der Bewältigung von Herausforderungen wie dem steigenden Ernährungsbedarf, dem Klimawandel, der Urbanisierung sowie der wachsenden Nachfrage nach Energie unterstützen.

Für mehr Ehrgeiz bei der Umsetzung der nachhaltigen Entwicklungsziele warb auch Magda Robalo, Ministerin für öffentliche Gesundheit in Guinea-Bissau. Sie hob vor allem den engen Bezug von wirtschaftlicher Entwicklung und Gesundheit hervor. „Gesundheit hängt von wirtschaftlichem Wachstum ab“, sagte sie. Umgekehrt könne eine gesunde Bevölkerung mehr wirtschaftlichen Wohlstand erschaffen. Heike Korzilius

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