ArchivDeutsches Ärzteblatt44/2019Krankenkassen: Direkter Zugriff auf’s System

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Krankenkassen: Direkter Zugriff auf’s System

Dtsch Arztebl 2019; 116(44): A-1987 / B-1627 / C-1595

Maibach-Nagel, Egbert

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Egbert Maibach-Nagel, Chefredakteur
Egbert Maibach-Nagel, Chefredakteur

Prinzipiell war Deutschlands Gesundheitsversorgung bisher in klar zugeordneten Verantwortlichkeiten geregelt: Krankenkassen verwalten, verrechnen und verteilen Versichertengelder, Ärzte halten die Hoheit über Anamnese, Diagnose und Therapie, beraten und behandeln im direkten Vertrauensverhältnis ihre Patienten – alles bei freier Arztwahl.

Angesichts des Mangels an medizinischem und pflegerischem Personal wird insbesondere der Digitalisierung revolutionäre Kraft und Bedeutung zugeschrieben. Sie soll humane Arbeitskraft mittels Technik kompensieren, somit das Versorgungssystem merklich entlasten. Im Prinzip ist das – bei Beachtung der erforderlichen Schutzmechanismen – eine attraktive Möglichkeit, fehlende humane Arbeitskraft zu ersetzen. Nichts spricht gegen durchdachte, kontrollierte und erfahrungsgesicherte Unterstützung menschlichen Handelns durch technische Hilfsmittel. Diese Erfahrung haben Ärzte in den zurückliegenden Jahrzehnten immer wieder gemacht und auch geschätzt.

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Viele durch Digitalisierung mögliche Verfahren und Techniken – zum Beispiel medizinische Applikationen, datenbankgestützte Diagnose-Algorithmen oder digitalgestützte ärztliche Fernbehandlung – werden seitens der entwickelnden und vermarktenden Industrie in der Regel aus Wettbewerbsdruck über alle Maßen „gehypt“. Um so mehr muss jede Applikation, jede Software, jeder Automat mit seinen Heil- und Entlastungsversprechen auf Wohl und Wehe ausreichend geprüft werden. Schließlich geht es um die Gesundheit der Patienten. Veränderungen müssen also kontrolliert und abgesichert erfolgen – technisch, aber auch systemisch.

Unabhängig von ihrem praktischen Wert haben die digitalen Helfer aber auch ein noch ganz anderes Potenzial. Sie haben das Zeug zum Systemveränderer: Schnell wandeln die digitalen Hilfen eingespielte Abläufe, bestehende Aufgabenteilungen, ermöglichen so Steuerungsmechanismen und auch neue Strukturen.

Eine von Deutschlands größten GKVen, die Techniker Krankenkasse (TK), startet jetzt ein eigenes Projekt zur digitalen Fernbehandlung. Ab Dezember dieses Jahres können alle 14 000 TK-Mitbarbeiter Nutzer dieses Angebots werden. Selbstredend: Der Arbeitgeber hat die Hoheit über das System, seine Angestellten (auch Ärzte) und die Datenstruktur. Natürlich ist so ein Zugriff auf die Steuerung der ärztlichen Versorgung eigener Angestellter kein Verbrechen, schließlich halten internationale Großkonzerne wie Google und andere in ihren gesundheitlichen Netzwerken schon ganze Krankenhäuser für ihre Angestellten bereit.

Sich von der Versorgung und Steuerung der Gesundheitsversorgung eigener Angestellter hin zum Angebot für die eigenen Versicherten zu bewegen, wäre für die TK mittelbar ein kleiner, für das deutsche Gesundheitssystem aber kein unbedeutender Schritt: Was wird aus der Selbstbestimmung von Arzt und Patient, was aus dem Prinzip der freien Arztwahl in einem System, wenn sie gegen ökonomisch durchkalkulierte und durchdachte Großsysteme ankämpfen muss?

Kein großer Aufreger, weil hier nur ein Player aus dem System ohne fremdinvestitionsbestimmte Gewinnabsichten auf ökonomischer Basis fürsorglich für seine Angestellten, sukzessive für die Versicherten handelt? Aber was wird aus der Aufgabenverteilung im System, was aus der vielgelobten vertraulichen Selbstbestimmung von Patienten und Ärzten?

Egbert Maibach-Nagel
Chefredakteur

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