ArchivDeutsches Ärzteblatt44/2019Notfallversorgung: Reform dringend erforderlich

POLITIK

Notfallversorgung: Reform dringend erforderlich

Dtsch Arztebl 2019; 116(44): A-1997 / B-1635 / C-1603

Osterloh, Falk

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Die von Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Jens Spahn vor etwa einem Jahr angestoßene Reform der Notfallversorgung ist etwas ins Stocken geraten. In Kürze soll nun jedoch ein Gesetzentwurf veröffentlicht werden. Wie dringend notwendig eine Reform ist, zeigt ein Bericht aus der Praxis.

Die Notaufnahme ist in Not – eine Reform soll die Situation verbessern. Foto: dpa
Die Notaufnahme ist in Not – eine Reform soll die Situation verbessern. Foto: dpa

Das Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium (BMG) plant, noch in diesem Jahr einen Gesetzentwurf zur Reform der Notfallversorgung vorzulegen. Das kündigte der Leiter der Abteilung „Gesundheitsversorgung, Kran­ken­ver­siche­rung“ im BMG, Joachim Becker, Mitte Oktober auf einem wissenschaftlichen Symposium des Deutschen Roten Kreuzes in Berlin an. Dem Ministerium sei es dabei wichtig, in der Notfallversorgung keine gut laufenden regionalen Strukturen zu zerstören, so Becker.

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Der Entwurf wird auf einem Eckpunktepapier aufsetzen, das Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Jens Spahn (CDU) im Dezember 2018 veröffentlichte, sowie auf einem „Diskussionsentwurf“ aus dem BMG vom Juli 2019, der allerdings explizit nicht „mit der Leitung des Ministeriums abgestimmt“ war. Derzeit sehen die Pläne aus dem BMG unter anderem die Zusammenführung der ambulanten, stationären und rettungsdienstlichen Notfallversorgung vor. Dafür sollen gemeinsame Notfallleitstellen geschaffen werden, die rund um die Uhr sowohl über die Nummer 112 als auch über die 116117 des kassenärztlichen Bereitschaftsdienstes erreichbar sind.

An bestimmten Krankenhäusern soll es zudem Integrierte Notfallzentren (INZ) geben, in denen sowohl Klinik- als auch Vertragsärzte die Patienten im Nachgang einer qualifizierten Ersteinschätzung versorgen. Diese sollen von Krankenhäusern und Kassenärztlichen Vereinigungen gemeinsam errichtet und betrieben werden.

Massiver Braindrain

Dass eine Reform der Notfallversorgung dringend notwendig sei, betonte Dr. med. Thomas Fleischmann auf dem DRK-Symposium. „Die Mehrzahl der Notaufnahmen in Deutschland ist völlig überfüllt. Viele Patienten können wir nicht so versorgen, wie wir es wollen“, sagte der Chefarzt der Zentralen Notaufnahme an der imland Klinik Rendsburg. „Wir sind heute noch nicht einmal in der Lage, einen Norovirus unter Kontrolle zu bekommen.“ Und wenn, wie vor zwei Jahren, eine große Grippewelle über das Land ziehe, werde das zu „einer Handlungsunfähigkeit“ in den Notaufnahmen führen. „Bei uns lagen damals Patienten 30 bis 40 Stunden in der Notaufnahme“, sagte Fleischmann. „Manche Patienten mussten wir über zwei Bundesländer hinweg verlegen.“ Die Zustände seien erbärmlich.

Zudem gebe es einen „massiven Braindrain“. „Wir haben eine Generation von Ärztinnen und Ärzten in den Notaufnahmen verloren, die sagen: So wollen wir nicht mehr arbeiten“, berichtete Fleischmann. Heute seien in den Notaufnahmen nur noch ältere Ärzte sowie junge Ärzte in Weiterbildung tätig, „die in die Notaufnahmen gezwungen wurden“. Einen Facharztstandard gebe es in den Notaufnahmen nicht mehr. Und auch viele Stellen im pflegerischen Dienst seien unbesetzt.

Hohe Vorhaltekosten

Für die Zukunft wünscht sich Fleischmann etwa 600 INZ in Deutschland, die eine Größenordnung haben, die auch medizinisch sinnvoll sei. „Es ist sowohl medizinisch als auch finanziell sinnvoll, weniger Notaufnahmen zu haben, die dafür größer sind“, betonte Fleischmann. „Denn wenn die Ressourcen auf weniger Zentren verteilt werden, wird das System effektiver.“ In den Notaufnahmen gebe es so hohe Vorhaltekosten, dass die Versorgung von 2 000 Patienten genauso teuer sei wie die Versorgung von 12 000 Patienten.

Fleischmann lobte die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) für ihre Aktivitäten im Bereich des kassenärztlichen Bereitschaftsdienstes – zum Beispiel was die Bekanntmachung der Rufnummer 116117 betreffe. Da passiere gerade „enorm viel“, sagte er. Falk Osterloh

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