ArchivDeutsches Ärzteblatt44/2019Chronische Aphasie nach Schlaganfall: Selbst gesteuertes Sprachtraining am Computer verbessert die Wortfindung

MEDIZINREPORT: Studien im Fokus

Chronische Aphasie nach Schlaganfall: Selbst gesteuertes Sprachtraining am Computer verbessert die Wortfindung

Dtsch Arztebl 2019; 116(44): A-2024 / B-1659 / C-1622

Voll, Barbara

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Foto: auremar/ stock.adobe.com
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Mehr als ein Drittel aller Schlaganfallpatienten haben eine Aphasie, bei 30–43 % von ihnen bleibt sie langfristig bestehen. Die Big- CACTUS-Studie ist die erste randomisierte, kontrollierte Multicenterstudie, in der klinische Wirksamkeit und Kosteneffektivität eines selbst gesteuerten Wortfindungstrainings mit spezieller Computersoftware (Computerised Speech and Language Therapy; CSLT) bei Patienten mit chronischer Aphasie nach Apoplex geprüft wurden.

Es ist eine einfach verblindete Parallelgruppenstudie. 278 Patienten mit Wortfindungsstörungen nach Schlaganfall wurden randomisiert in 3 Gruppen: CSLT (n = 97, übliche Behandlung (n = 101) und übliche Behandlung plus Aufmerksamkeitsförderung durch Arbeit mit Rätselbüchern (n = 80). Für die CSLT-Gruppe gab es Computer mit der StepByStep-Aphasia-Software, sie sollten täglich 20–30 Minuten 6 Monate lang üben. Follow ups gab es nach 6, 9 und 12 Monaten.

Die Daten von 219 Teilnehmern konnten nach 12 Monaten ausgewertet werden. Die primären Endpunkte waren Verbesserung der Wortfindung von 100 persönlich wichtigen Vokabeln und die Funktionalität im Gespräch, die Fähigkeit zur aktiven verbalen Kommunikation. Der wichtigste sekundäre Endpunkt war die Änderung in der Selbsteinschätzung der Kommunikation und sozialen Teilhabe. Außerdem wurde die gesundheitsbezogene Lebensqualität gemessen.

Die Wortfindung war in der CSLT-Gruppe um 16,2 % statistisch signifikant besser als in der Gruppe mit üblicher Behandlung und um 14,4 % besser als in der Gruppe mit Aufmerksamkeitskontrolle. Der Effekt hielt auch an den Kontrollterminen nach 9 und 12 Monaten an.

Keine Unterschiede gab es dagegen in der Funktionalität in der verbalen Kommunikation und bei der subjektiven Wahrnehmung der eigenen Kommunikation. Dementsprechend gab es auch keine Unterschiede in der Lebensqualität. In einer Subgruppenanalyse zeigte sich keine Abhängigkeit zwischen Therapieerfolg und zeitlichem Abstand zum Schlaganfall (4 Monate – 36 Jahre). Selbst Jahre nach dem Apoplex konnten Teilnehmer noch neue Wörter lernen. Die gesundheitsökonomische Analyse ergab, dass das PC-Sprachtraining in Eigenregie bei milden oder mäßigen Wortfindungsstörungen kosteneffektiver war als für die Gesamtgruppe der Aphasie-Patienten.

Fazit: „Patienten mit chronischer Aphasie nach Schlaganfall erhalten in Deutschland eine durch Hausärzte und Neurologen verordnete ambulante Sprachtherapie, meist in Einzelbehandlung“, erläutert Dr. med. Robin Roukens, Chefarzt Neurologie der Rhein-Sieg-Klinik Nümbrecht. „Nur in wenigen Zentren gibt es spezialisierte Therapieprogramme für chronische Aphasie. In vielen Fällen wird die Therapie nach wenigen Monaten reduziert oder beendet, auch weil die Chancen einer Besserung im Langzeitverlauf unterschätzt werden. Diese große und methodisch gut gemachte Studie liefert Daten, die die Wirksamkeit einer langfristigen Therapie der chronischen Aphasie untermauern und weist einen Weg in die Zukunft hinsichtlich der Nutzung von IT-gestützten Therapieprogrammen.“ Dr. med. Barbara Voll

Palmer R, Munyaradzi D, Cooper C, et al.: Self-managed, computerized speech and language therapy for patients with chronic aphasia post-stroke compared with usual care or attention control (big CACTUS): a multicentre, single-blinded, randomised controlled trial. Lancet Neurology 2019; 18: 821–33.

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