ArchivDeutsches Ärzteblatt PP11/2019Europäische Kommission: Kampf gegen Krebs vorantreiben

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Europäische Kommission: Kampf gegen Krebs vorantreiben

PP 18, Ausgabe November 2019, Seite 499

Korzilius, Heike

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Krebs, antimikrobielle Resistenzen, Zugang zu bezahlbaren Medikamenten, Lieferengpässe bei Arzneimitteln: Die designierte Gesundheitskommissarin Stella Kyriakides setzte bei ihrer Anhörung vor dem Gesundheitsausschuss des Europäischen Parlaments Schwerpunkte.

Berlaymont, Sitz der EU-Kommission: Erst wenn das Parlament sie bestätigt hat, können die 27 neuen Kommissare unter ihrer Präsidentin Ursula von der Leyen hier einziehen. Foto: picture alliance/Sueddeutsche Zeitung Photo
Berlaymont, Sitz der EU-Kommission: Erst wenn das Parlament sie bestätigt hat, können die 27 neuen Kommissare unter ihrer Präsidentin Ursula von der Leyen hier einziehen. Foto: picture alliance/Sueddeutsche Zeitung Photo

Stella Kyriakides war sichtlich angespannt, als sie am 1. Oktober abends vor den Gesundheitsausschuss des Europäischen Parlaments trat, um sich den Fragen der Abgeordneten zu stellen. Die 63-jährige Zypriotin ist im Kabinett der designierten EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen (CDU) für das Gesundheitsressort vorgesehen. Doch bevor sie ihr Amt antreten kann, muss sie wie die übrigen 26 Kommissarsanwärter dem Parlament ihre Eignung für den Posten darlegen. Die Anhörung vor den Fachausschüssen ist kein Selbstläufer. Am Vortag hatte der Rechtsausschuss des Parlaments die Kandidaten aus Ungarn und Rumänien wegen finanzieller Interessenkonflikte abgelehnt. Der frühere ungarische Justizminister László Trócsányi sollte Erweiterungskommissar werden und die rumänische Sozialdemokratin Rovana Plumb Verkehrskommissarin.

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Die Anhörung von Kyriakides dauerte knapp drei Stunden. Sie wurde für die Öffentlichkeit frei zugänglich im Parlamentsfernsehen übertragen und in alle europäischen Sprachen verdolmetscht. Die Kandidatin schlug sich gut. Sie antwortete freundlich, wirkte gut vorbereitet und thematisch sattelfest. Es war von daher nicht überraschend, dass die Vertreter des Gesundheitsausschusses sie am nächsten Morgen mit großer Mehrheit als künftige Gesundheitskommissarin bestätigten. Ihr Amt antreten kann Kyriakides jedoch erst, wenn das Parlament am 23. Oktober das komplette Kommissarstableau von Ursula von der Leyen gebilligt hat.

Patientenrechte stärken

Die Zypriotin ist gelernte Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin. Sie hat in England studiert und war 27 Jahre lang klinisch tätig, immer in öffentlichen Gesundheitseinrichtungen, wie sie bei der Anhörung betonte. 2006 wechselte sie in die Politik. Seither sitzt sie für die konservative Democratic Rally Party im zypriotischen Parlament. Kyriakides setzt sich außerdem seit Langem für die Rechte von Brustkrebspatientinnen ein. Seit dem Jahr 2000 ist sie, die selbst einmal an Krebs litt, Präsidentin des Europa Donna Cyprus Breast Cancer Forum.

Der Kampf gegen den Krebs ist denn auch einer der Schwerpunkte, den sich Kyriakides in den nächsten fünf Jahren als EU-Gesundheitskommissarin gesetzt hat. 40 Prozent der Menschen in Europa erkrankten in ihrem Leben an Krebs. „Es gibt kaum Familien, die nicht in irgendeiner Weise von der Krankheit betroffen sind“, sagte sie vor dem Gesundheitsausschuss. Um den Krebs zu besiegen, müssten alle Aspekte der Erkrankung betrachtet werden, von der Forschung über Prävention, Diagnostik und Therapie bis hin zur Palliativversorgung und den Patientenrechten, sagte Kyriakides. Auch Umweltfaktoren und der Lebensstil müssten stärker in den Fokus rücken. „Allein durch eine Änderung des Lebensstils könnten 30 Prozent der Krebserkrankungen verhindert werden“, sagte die designierte Kommissarin. Viele Mitgliedstaaten hätten zudem Screening-Programme zur Krebsfrüherkennung aufgelegt. Damit diese Wirkung entfalten könnten, müssten sie jedoch europäischen Leitlinien entsprechen.

In diesem Zusammenhang lobte Kyriakides die Europäischen Referenznetzwerke, die 2016 auf den Weg gebracht wurden. Deren Ziel ist es, Informationen und Fachwissen über seltene und hochkomplexe Krankheiten zu bündeln und über Grenzen hinweg auszutauschen, damit betroffene Patienten schneller diagnostiziert und kompetenter behandelt werden können. Die Referenznetzwerke hätten auch dazu beigetragen, dass Patienten mit seltenen Krebsarten besser versorgt würden, sagte Kyriakides.

Sie betonte zudem, es dürfe beim Zugang zu wirksamen Krebsbehandlungen keine Unterschiede zwischen den Mitgliedstaaten geben. Zu einem gerechten Zugang zur Versorgung gehöre auch, dass Medikamente bezahlbar blieben, sagte sie mit Blick auf die hohen Preise, die insbesondere für neue Krebsmedikamente gezahlt werden müssen. „Da brauchen wir eine neue Strategie“, forderte Kyriakides. Das gelte auch für das Problem der zunehmenden Lieferengpässe bei Arzneimitteln. „Als jemand der im Gesundheitswesen gearbeitet hat, weiß ich, was es bedeutet, wenn Medikamente fehlen oder unerschwinglich sind“, sagte sie. „Ich wünschte, ich hätte für diese Probleme eine einfache Lösung. Die gibt es aber nicht.“ Man müsse sich alle Bereiche anschauen, von der Preisbildung bis zur Erstattung.

Vorantreiben will die Zypriotin auch internationale Bemühungen, die zunehmenden Resistenzen bei Antibiotika einzudämmen. „Das ist eine Zeitbombe“, warnte sie. Dabei gelte es, auch die Welt­gesund­heits­organi­sation und die G 7 einzubinden. Sie wolle sich für ein völkerrechtliches Abkommen einsetzen, denn Antibiotikaresistenzen seien ein weltweites Problem. Angesichts von 30 000 Patienten, die jedes Jahr in Europa stürben, weil Antibiotika nicht mehr wirkten, müsse insbesondere die Forschung gefördert werden. „Wir wollen die Pharmaindustrie anregen, neue Wirkstoffe zu entwickeln. Europa sollte hier führend sein“, sagte Kyriakides.

Überzeugend: Stella Kyriakides am 1. Oktober vor Beginn ihrer Anhörung im Gesundheitsausschuss des Europaparlaments. Foto: picture alliance/Virginia Mayo/AP/dpa
Überzeugend: Stella Kyriakides am 1. Oktober vor Beginn ihrer Anhörung im Gesundheitsausschuss des Europaparlaments. Foto: picture alliance/Virginia Mayo/AP/dpa

Einheitliche Standards setzen

Um die Qualität der Versorgung innerhalb Europas auf einem einheitlichen Niveau zu gewährleiste, will die designierte Gesundheitskommissarin ein Projekt weiterverfolgen, das bereits die Vorgängerkommission angestoßen hat: die europaweit einheitliche Nutzenbewertung von Arzneimitteln und Medizinprodukten (Health Technology Assessment, HTA). Der Vorstoß war in Deutschland auf Kritik gestoßen. Sie sei sich bewusst, dass manche Mitgliedstaaten dem HTA-Projekt skeptisch gegenüber stünden, räumte Kyriakides vor dem Gesundheitsausschuss ein. „Aber wir brauchen gemeinsame Standards, um Patienten zu schützen.“ Die Vergangenheit habe gezeigt, dass die freiwillige Zusammenarbeit der Mitgliedstaaten nicht ausreiche.

Kyriakides betonte bei ihrer Befragung, dass sie eng mit dem Europaparlament und ihren Kolleginnen und Kollegen in der Kommission zusammenarbeiten wolle. Gesundheit sei ein Querschnittsthema für alle Politikbereiche. „Sie hängt auch ab von der Gesundheit unseres Planeten, von Lebensmittelsicherheit und Tiergesundheit“, betonte sie. Als Herausforderung sieht sie neben der demografischen Entwicklung und dem Klimawandel auch die Digitalisierung. Es gelte, die digitalen Technologien für die Gesundheitsversorgung zu nutzen, ohne den Datenschutz zu gefährden. Dazu gehöre auch der Austausch von Gesundheitsdaten, um insbesondere die Forschung und Entwicklung von Therapien gegen seltene Erkrankungen weiter voranzutreiben. „Das Problem ist, dass nicht alle EU-Mitgliedstaaten bei der Digitalisierung auf einer Stufe stehen“, erklärte Kyriakides. „Wir müssen die Staaten, die weniger fortschrittlich sind, ermutigen, mit E-Health voranzukommen.“

Ihr Auftritt vor dem Gesundheitsausschuss brachte Kyriakides viel Beifall ein. Sie habe ihre Anhörung ausgezeichnet gemeistert und durch Fachwissen und Empathie für die Anliegen der Patientinnen und Patienten überzeugt, erklärte der gesundheitspolitische Sprecher der größten Fraktion im Europäischen Parlament (EVP-Christdemokraten), der deutsche Abgeordnete Peter Liese, im Anschluss an die Anhörung. „Ich habe keinerlei Zweifel, dass Stella Kyriakides eine ausgezeichnete Gesundheitskommissarin wird.“ Heike Korzilius

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