ArchivDeutsches Ärzteblatt45/2019Amputationen: Wirksamer Widerstand
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Es werde zu viel und zu schnell amputiert, die Amputationsrate liege in einer nicht akzeptablen Größenordnung, so die Stellungnahme der zitierten Experten. Und weiter: Schuld sei das DRG-System, das falsche (finanzielle) Anreize biete und durch seine Vorgaben die Entscheidung zur Amputation fördere.

Im Klartext: Weil sich die Durchführung einer Amputation für ein Krankenhaus von der Erlössituation her profitabler darstellt als der – leitliniengerechte – Versuch einer extremitätenerhaltenden Therapie, wurden offenbar Amputationen deutlich häufiger als medizinisch indiziert vorgenommen. Klar ist auch: Jeder Eingriff, der aus wirtschaftlichen Gründen und nicht aus nachvollziehbarer medizinischer Indikation an Patienten vorgenommen wird, ist eine Körperverletzung, die sich gerade im Fall einer Amputation irreversibel manifestiert.

Auch im DRG-System gilt: Verantwortlich für die Indikationsstellung und die Durchführung von operativen Eingriffen sind und bleiben Ärzte; Ärzte, die zu allererst dem Patientenwohl verpflichtet sind.

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Das in puncto „Schuld“ adressierte Fallpauschalen-System ist bei den Rahmenbedingungen jedoch nicht das alleinige Problem. Ein zentraler Punkt ist, dass der Staat (Bundesländer) seinen Verpflichtungen zur Investitions-Finanzierung der Krankenhäuser nicht ausreichend nachkommt und diese daher gezwungen sind, Investitionen aus ihren DRG-Erlösen zu finanzieren. Als Konsequenz müssen selbst öffentlich-rechtliche und frei-gemeinnützige Krankenhäuser Profite anstreben, um zukunftsfähig zu bleiben. Dass diese Profitorientierung Behandlungspfade von Patienten zu deren Nachteil beeinflusst, ist absolut nicht hinnehmbar und implementiert jeweils einen Verstoß gegen das ärztliche Berufsethos.

Offenbar können im aktuellen Krankenhaus-Finanzierungssystem Ärzte unter dem Druck einer profitorientierten Krankenhaus-Ökonomie in einen Konflikt geraten, der das ethische Primat des Patientenwohls gefährdet. Einen Konflikt, den es in dieser Form nicht geben dürfte und der durch die genannten politischen Rahmenbedingungen erst generiert wird. 

Wo bleibt über die lobenswerte Protestaktion im Magazin „Stern“ hinaus der wirksame Widerstand der organisierten Ärzteschaft gegen diese von der Politik verantworteten – und somit auch politisch korrigierbaren – Fehlentwicklung mit bedeutender ethischer Dimension?

Dr. med. Hermann Schmitz, 53115 Bonn

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