ArchivDeutsches Ärzteblatt45/2019Versorgungsmangel: Perfektionssucht
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In einer Debatte ist manchmal am interessantesten, worüber gerade NICHT geredet wird. Scheinbar alle Akteure sind sich einig, dass wir unbedingt von allem mehr brauchen: Mehr Ärzte, mehr Pflegekräfte, mehr Geld sowieso. Mehr Qualität, mehr Empathie; mehr Kranke werdenʼs von alleine.

… Auch Ärzte tun sich schwer, sich für „weniger“ statt „immer mehr“ zu entscheiden. Man muss sich nur ansehen, was mit ältesten, gebrechlichen oder mit Palliativpatienten passiert. Es ließen sich Dutzende Beispiele für fragwürdige und unnötige, aber dennoch ressourcenfressende Medizin finden. …

Die Ursachen dafür sind sicherlich vielfältig und nur teilweise von Ärzten zu beeinflussen. Aber sind nicht wir es, die auch über unser Verhalten die Ansprüche und Vorstellungen der Gesellschaft mitbeinflussen? Ein Perfektionswahn, der keinen Raum lässt, Therapien bei fragwürdigem Nutzen zu unterlassen oder Fehler einzugestehen und daraus zu lernen, verstärkt durch die Angst, bei Fehlern oder bei Unterlassen maximaler Versorgung gleich vor Gericht zu stehen.

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Hier wäre dringend eine Priorisierungsdebatte notwendig und die Etablierung einer Kultur, die nicht nach maximaler Perfektion strebt, sondern Raum lässt für das Weg-, Offenlassen, für das Unperfekte, die Fehler nicht als Versagen wertet, sondern als Chance zu lernen. Eine Gesetzesänderung, die Fehler nicht mit finanziellem Ruin gleichstellt (siehe z. B. Hebammen). Eine Debatte darüber, was wir eigentlich tun, wenn wir irgendwann erkennen müssen, dass wir nicht jedem gerecht werden können.

Finanzielle Aspekte spielen überall eine Rolle, auch wenn wir ganz hochethisch Perfektion (maximale Versorgung für alle) fordern. Ich nenne hier mal die merkwürdige Angewohnheit, dass Kontrolluntersuchungen … häufig quartalsweise erfolgen, … wir im niedergelassenen Bereich grundsätzlich in Quartalen denken. … Hier wäre dringend eine Entkoppelung der Vergütung bei Betreuung chronisch Kranker von den Quartalen angezeigt. … Nicht um Geld, sondern um Ressourcen zu sparen. Stattdessen wird das Kontrollsystem über DMPs, Quartalspackungen und Ähnliches noch zementiert.

Vergleichbares übrigens bei … Digitalisierung und Datenschutz: Viele Vorteile, die die Digitalisierung bringen könnte, werden durch den Perfektionswahn beim Datenschutz wieder aufgefressen. Die Beispiele dafür sind kurios bis traurig, der Ressourceneinsatz gewaltig, der Benefit marginal. … All das führt am Ende gar nicht zu effezienten Ergebnissen, sondern vor allem zu immer mehr Frustration.

Dr. med. Gernot Steffen, 18581 Lauterbach

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