ArchivDeutsches Ärzteblatt PP11/2019Körperliche Erkrankungen: Mehr Psych für Diabetiker

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Körperliche Erkrankungen: Mehr Psych für Diabetiker

PP 18, Ausgabe November 2019, Seite 481

Bühring, Petra

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Menschen mit Diabetes mellitus brauchen mehr psychosoziale und mehr fachpsychotherapeutische Angebote. Darauf machte die Deutsche Diabetes Gesellschaft (DDG) bei einer Fachveranstaltung Mitte Oktober in Berlin aufmerksam. Zum einen ist einer großen Studie zufolge fast die Hälfte der Patienten mit Typ-1-Diabetes und etwa jeder vierte Patient mit Typ-2-Diabetes psychosozial stark belastet, was wiederum das Risiko für die Entstehung einer Depression um das 2,5-fache erhöht. Zum anderen treten psychische Störungen bei Diabetikern häufiger auf, insbesondere Depressionen, Angststörungen, Zwangsstörungen, aber auch bestimmte Essstörungen wie Bulimie und Binge Eating, als in der Allgemeinbevölkerung. Gleichzeitig stellen solch komorbide Störungen eine Behandlungsbarriere dar, sie verschlechtern die Prognose des Diabetes und führen zu einer erhöhten Mortalität. Trotzdem gibt es keine flächendeckenden psychodiabetologischen Angebote für die rund 7,5 Millionen Diabetespatienten in Deutschland. Und die Prävalenz steigt: Jedes Jahr kommen der DDG zufolge 500 000 Neuerkrankungen des Typ-2-Diabetes hinzu, der mit einem Anteil von 95 Prozent häufigsten Diabeteserkrankung. Für die Versorgung von Diabetespatienten stehen in Kliniken nur rund 250 Fachpsychologen mit diabetologischem Schwerpunkt zur Verfügung, die sich entsprechend fortgebildet haben.

Im ambulanten Bereich gibt es bislang nur wenige Psychologische Psychotherapeuten mit diabetologischer Spezialisierung, auch wenn sie für Diabetespatienten sehr wichtig wären. Nach Angaben von Dr. phil. Andrea Benecke, Vizepräsidentin der Bundes­psycho­therapeuten­kammer (BPtK), sind es genau 57. Die meisten sind in Rheinland-Pfalz tätig, weil die dortige Landespsychotherapeutenkammer bereits 2004 eine spezielle Zusatzweiterbildung ermöglicht hat. Die BPtK hat dann 2017 die „Spezielle Psychotherapie Diabetes“ in die Musterweiterbildungsordnung aufgenommen, sodass 2018 auch die Landeskammern von Baden-Württemberg und Bayern dem Beispiel der Rheinland-Pfälzer folgten. Warum das Interesse für diese Zusatzweiterbildung recht gering ist, mag an der hohen Auslastung der psychotherapeutischen Praxen liegen oder auch an einer gewissen Scheu gegenüber körperlichen Erkrankungen. Schließlich sind sie in der Psy­cho­thera­peuten­aus­bildung bislang kaum Thema. Das könnte sich mit der Reform der Ausbildung ändern, darauf hofft jedenfalls Andrea Benecke, die das Thema bei der Fachveranstaltung der DDG adressierte. In dem neuen Psychotherapiestudium werden den Studenten dann Kenntnisse zur psychosozialen und psychotherapeutischen Versorgung bei körperlichen Erkrankungen vermittelt, also zum Beispiel auch in den Bereichen Psychoonkologie oder Psychokardiologie. Zudem wird die Berufsbeschreibung auf Prävention und Rehabilitation ausgedehnt. Auch hier könnten dann Einsatzmöglichkeiten für diabetologisch weitergebildete Psychotherapeuten entstehen. Schließlich werden die Absolventen des Studiums auch in der neuen Weiterbildung mehr Erfahrung in der Versorgung von Diabetes-patienten durch eine umfassendere stationäre und ambulante Qualifizierung als bislang erwerben können. Die reformierte Ausbildung birgt also viele Chance für eine bessere Versorgung von Patienten mit körperlichen Erkrankungen.

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