ArchivDeutsches Ärzteblatt PP11/2019Adolf Josef Storfer: „Geist von der Eindringlichkeit eines Drillbohrers“

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Adolf Josef Storfer: „Geist von der Eindringlichkeit eines Drillbohrers“

PP 18, Ausgabe November 2019, Seite 510

Goddemeier, Christof

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Vor 75 Jahren starb der Rechts- und Literaturwissenschaftler, Sprachforscher, Journalist und Verleger aus dem Kreis um Sigmund Freud. Adolf Josef Storfer nimmt in der Geschichte der Psychoanalyse eine besondere Stellung ein.

Adolf Josef Storfer widmete sich sein Leben lang der Herausgabe und Verbreitung psychoanalytischer Schriften. Foto: picture alliance IMAGNO
Adolf Josef Storfer widmete sich sein Leben lang der Herausgabe und Verbreitung psychoanalytischer Schriften. Foto: picture alliance IMAGNO

Obwohl er nie als Psychoanalytiker tätig war, widmete Adolf Josef Storfer sich nahezu sein Leben lang der Herausgabe und Verbreitung psychoanalytischer Schriften. Von 1925 bis 1932 leitete er den Internationalen Psychoanalytischen Verlag. Zudem schrieb er zahlreiche Artikel und Buchrezensionen sowie zwei „Wortbiografien“ – „Wörter und ihre Schicksale“ (1935) und „Im Dickicht der Sprache“ (1937). Ein Manuskript über Vornamen, das er kurz vor seiner Emigration fertigstellte, wurde von den Nationalsozialisten konfisziert und durfte nicht erscheinen. Als einem der letzten Mitglieder der Psychoanalytischen Vereinigung gelang ihm 1938 die Flucht aus Österreich. Selbst im 10 000 Kilometer entfernten Exil in Shanghai wurde er von den Nationalsozialisten observiert und denunziert. Unter widrigen Bedingungen betätigte er sich erneut als Verleger: Ab 1939 erschien seine „Gelbe Post“, eine Emigrantenzeitschrift mit psychoanalytischem und kulturellem Schwerpunkt.

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Profunde und umfassende Bildung mit 22 Jahren

1888 wird Adolf Josef Storfer in Botosani (heute Rumänien) geboren. Der Vater handelt erfolgreich mit Holz, die Mutter Marie stammt aus einer jüdischen Bankiersfamilie in Czernowitz (heute Ukraine). Sie stirbt, als Adolf fünf Jahre alt ist. Er besucht das Gymnasium im siebenbürgischen Klausenburg (heute Cluj Napoca). Dort ist er mit dem ungarischen Revolutionär Bela Kun in einer Klasse, der 1938 im Rahmen der „Stalinschen Säuberungen“ in der Sowjetunion ermordet wird. Storfer studiert zunächst in Klausenburg, dann in Wien und Zürich Rechts- und Sprachwissenschaft, Philosophie und Psychologie. Er schreibt für das Feuilleton der „Frankfurter Zeitung“ und berichtet für die „Zürcher Post“ über den Stadtrat. 1910 nimmt er Kontakt mit Sigmund Freud auf und schickt ihm sein Manuskript „Zur Sonderstellung des Vatermordes“. Hier zeigt sich bereits die profunde und umfassende Bildung des 22-jährigen. Mit zahlreichen Bezügen zu Psychoanalyse, Mythologie, Geschichte und Literatur analysiert Storfer entwicklungsgeschichtliche Grundlagen des Mordverbotes, ökonomische und psychologische Wurzeln des Vatermordes sowie das römische Paricidium (lat.: Mord an nahen Verwandten) und seine Bestrafung. Freud schreibt dazu an Karl Abraham: „(...) als nächste habe ich eine (die erste) juridische Arbeit eines talentierten jungen Zürichers Storfer angenommen.“ Freud arbeitet damals gerade an „Totem und Tabu“ – möglicherweise ein Grund dafür, dass er eine psychoanalytische Studie Abrahams über den Maler Giovanni Segantini zunächst zurückstellt. Im selben Jahr erscheint Storfers Aufsatz in den „Schriften zur Angewandten Seelenkunde“.

Storfer absolviert bei Freud in Wien eine Analyse

Im November 1911 schreibt Freud an Carl Gustav Jung in Zürich: „Irgendein unbewußter Dämon hat mich bisher abgehalten, Sie zu fragen, ob Sie den Zürcher Storfer kennen (...)“ Jung antwortet: „Storfer ist mir bekannt. Er war seinerzeit wegen eines infantilen Selbstmordversuches (Diagnose: Schizophrenie) im Burghölzli interniert. Er hält sich deshalb von den hiesigen Vertretern der Psychoanalyse fern, vermute ich. Das ist natürlich großes Geheimnis.“ Zwei Jahre später zieht Storfer zurück nach Wien und nimmt an den Sitzungen der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung teil.

Im ersten Weltkrieg erleidet Storfer einen Durchschuss der rechten Hand. 1919 beteiligt er sich am Versuch, in Ungarn eine Räterepublik zu errichten. Nach deren gewaltsamer Beendigung zieht er endgültig zurück nach Wien, absolviert bei Freud eine Analyse und wird als ordentliches Mitglied in die Wiener Psychoanalytische Vereinigung aufgenommen.

Im gleichen Jahr wird der Internationale Psychoanalytische Verlag gegründet. Zunächst leiten ihn Freud, Sándor Ferenczi, Anton von Freund und Otto Rank. 1921 beginnt Storfer für den Verlag zu arbeiten, zunächst als Assistent Ranks, 1925 übernimmt er die Geschäftsführung. Aufgrund seiner umfassenden Bildung und seiner journalistischen Erfahrung ist er für diese Arbeit zweifellos geeignet. Storfer hat viele Ideen und gründet mehrere psychoanalytische Zeitschriften, etwa „Die psychoanalytische Bewegung“ und den „Almanach“. Damit entwickelt der Verlag sich positiv, doch Storfer mangelt es an kaufmännischem Geschick. Das führt bald zu Konflikten mit den Kollegen, auch Freud beklagt sich bei Max Eitingon über Storfer. Der Verlag liegt Freud am Herzen, denn er sichert die Unabhängigkeit der Psychoanalyse als Wissenschaft. 1924 geben Storfer, Rank und Anna Freud die „Gesammelten Schriften“ Freuds heraus. Dabei handelt es sich um eine zwölfbändige, aufwendig gestaltete Ausgabe, die finanziert werden muss. Im gleichen Jahr tritt der vermögende Max Eitingon als Gesellschafter in den Verlag ein und teilt sich fortan die Verantwortung mit Freud. Doch ab 1929 verschlechtert sich Eitingons finanzielle Situation, weil sein familiäres Unternehmen im Rahmen der Weltwirtschaftskrise deutliche Verluste verzeichnet.

Mehrmals droht Storfer zurückzutreten. 1932 legt er die Leitung nieder und beendet seine redaktionelle Tätigkeit. Editha Sterba, viele Jahre Storfers engste Mitarbeiterin, bezeichnet ihn als „Ungeschäftsmann“: „Leider waren seine Projekte zu groß und zu kostspielig für die relativ kleine Zahl der Abnehmer analytischen Schrifttums, sein Geist zu weit (...)“ Freud schreibt an die Psychoanalytikerin Jeanne Lampl-de Groot: „Seine Mißwirtschaft hat alles ruiniert. So wertvoll er als Redakteur und geistiger Leiter war, so unheimlich haben seine Narrheit, Unordentlichkeit und Großmannsucht geschäftlich gewirkt.“ Doch nach seinem Rücktritt äußert Freud Bedauern: „Wir kommen uns vor wie Untertanen, die ihren Duodezfürsten verjagt haben und dann erst gewahr werden, was alles sie ihm zu verdanken haben.“

Nach Storfers Ausscheiden hat der Verlag hohe Schulden, Freuds ältester Sohn Martin übernimmt die Leitung. Storfers Verhältnis mit Freud ist zerrüttet, doch mit Siegfried Bernfeld, Fritz Wittels und der Familie Federn ist er weiterhin befreundet. Storfer bleibt unverheiratet und verbringt viel Zeit im Wiener Café Herrenhof, wo er sich vor allem mit Schriftstellern trifft, etwa mit Friedrich Torberg, Alfred Polgar und Heimito von Doderer. Er lebt als freier Autor und beschäftigt sich mit Philosophie und Sprachwissenschaft. Neben der Volkssprachenforschung richtet er dabei seinen Blick immer auch auf die psychologischen Ursachen des „große[n] zeitgeschichtliche[n] Schauspiel[s] des Antisemitismus“. In einem Aufsatz in der „Gelben Post“ beschäftigt er sich mit den Bedeutungen des Wortes „Jud“ in der Umgangssprache. Eine beschreibt er so: „Nicht nur ein Fehler im Kleid, im Anzug, auch ein Riss, ein Loch heißt in der Volkssprache vielfach ein Jud. (…) Hier scheint nicht nur die Gedankenverknüpfung etwas Fehlerhaftes, Nichtdazugehöriges in einem Ensemble von Erscheinungen = Jud’ bestimmend zu wirken, sondern vielleicht auch die Beobachtung der jüdischen Sitte, beim Tode eines Angehörigen zum Zeichen der Trauer einen Schnitt in die Kleidung zu machen.“

Gründung einer Zeitschrift in Shanghai

Versuche, ein Visum für die Schweiz oder die USA zu bekommen, scheitern. 1938 reist Storfer mit dem Schiff von Bremen nach Shanghai. Etwa 20 000 deutschsprachige Juden finden dort während der Nazizeit Zuflucht. An den nach San Francisco emigrierten Bernfeld schreibt Storfer: „Wie Sie sehen, bin ich gleichsam – wenn auch in entgegengesetzter Richtung fahrend – in Ihre Nähe gerückt.“ Seine neue Zeitschrift gründet er „unter den tollsten redaktionellen, technischen und finanziellen Notverhältnissen“. Am 1. Mai 1939 erscheint die „Gelbe Post“ zum ersten Mal. Rasch findet sie international Anerkennung. Storfers Arbeit bleibt nicht unbemerkt, im Juli 1939 hetzt der nationalsozialistische „Stürmer“ unter dem Titel „Juden in China“: „Der einstige Leiter des Internationalen Psychoanalytischen Verlags in Wien, der Jude A. J. Storfer (...) arbeitet daran, sein jüdisches Gift in weite Kreise des chinesischen Volkes hineinzuspritzen.“

Gesundheitlich geht es Storfer nicht gut. Er arbeitet zu viel, und das warme Shanghaier Klima macht ihm zu schaffen. 1940 muss er die „Gelbe Post“ wegen finanzieller Schwierigkeiten verkaufen. Gerade noch vor dem Einmarsch der Japaner flüchtet Storfer Ende 1941 nach Australien. Hier kann er nicht mehr Fuß fassen, schlägt sich im Sägewerk und als Knopfdreher durch. Am 2. Dezember 1944 stirbt Storfer im Alfred Hospital in Melbourne. In seinem Nachruf schreibt Alfred Polgar: „Storfer, ein Mann großen, tiefen Wissens, Schriftsteller, Sprachenforscher und Sigmund Freuds getreuester Evangelist (…) Ihn beschäftigte es immerzu, den Dingen (…) auf den möglichst tiefen Grund zu kommen. Sein Geist funktionierte mit der Eindringlichkeit eines Drillbohrers.“ Christof Goddemeier

1.
Federn E, Wittenberger G (Hg.): Aus dem Kreis um Sigmund Freud. Frankfurt a. M.: Fischer Verlag GmbH, 1992.
2.
Gutknecht, C: Wörtlicher Fehltritt. In: Jüdische Allgemeine, online, 18. 7. 2011.
3.
Kaufhold R: Die gelbe Post – eine deutschsprachige Emigrantenzeitschrift aus Shanghai. In: haGalil.com. Jüdisches Leben online, 14. 6. 2018.
4.
Storfer A: Zur Sonderstellung des Vatermordes. Nendeln/Liechtenstein: Kraus Reprint 1970.
1. Federn E, Wittenberger G (Hg.): Aus dem Kreis um Sigmund Freud. Frankfurt a. M.: Fischer Verlag GmbH, 1992.
2. Gutknecht, C: Wörtlicher Fehltritt. In: Jüdische Allgemeine, online, 18. 7. 2011.
3. Kaufhold R: Die gelbe Post – eine deutschsprachige Emigrantenzeitschrift aus Shanghai. In: haGalil.com. Jüdisches Leben online, 14. 6. 2018.
4. Storfer A: Zur Sonderstellung des Vatermordes. Nendeln/Liechtenstein: Kraus Reprint 1970.

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