ArchivDeutsches Ärzteblatt PP11/2019Josef Rattner: Besinnliches Lebens- und Denkbuch

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Josef Rattner: Besinnliches Lebens- und Denkbuch

PP 18, Ausgabe November 2019, Seite 523

Mackenthun, Gerald

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Der Berliner Psychotherapeut Josef Rattner, Autor zahlreicher Bücher aus dem gesamten Gebiet der Tiefenpsychologie, ist kürzlich 91 Jahre alt geworden. Dass er sich geistige Frische und Präsenz erhalten hat, zeigen seine Tagebucheintragungen, die 2018 und 2019 in zwei Bänden erschienen sind. Sie sind eine eigentümliche Mischung aus Beobachtungen des täglichen politischen Lebens und rekapitulierende Hinweise auf seine Lieblingsautoren, die er oft schon an anderer Stelle in seinen vielen Büchern ausführlich behandelt hatte. Beides steht in einem inneren Zusammenhang: Wenn er wieder einmal an den Zeitläufen verzweifeln mag, wendet er sich zur Beruhigung an die großen Denker vergangener Epochen, aus denen er Weisheit und Zuversicht zieht. Dazwischen eingestreut sind Beobachtungen aus seinem Alltagsleben, vor allem Reflexionen über seinen Gesundheitszustand sowie kleine Geschichten zwischenmenschlicher Begegnungen.

Seine Darlegungen sind getragen von zwei unterschiedlichen inneren Stimmungen: Die Betrachtung der Weltlage ist durchweg allzu pessimistisch. Seine Sicht auf die Welt ist geprägt von der Erfahrung des Zweiten Weltkrieges, und seitdem scheint es für ihn wenig Fortschritt gegeben zu haben. Die Beschäftigung mit großen Denkern wie René Descartes, Wilhelm Dilthey, Arthur Schopenhauer, Sigmund Freud, Thomas Mann oder Charles Darwin wiederum zeugt von einer umsichtigen Durchdringung ihrer Lehren. Diese kurzen Stücke sind so geartet, dass sie sowohl Lust auf weitere Lektüre machen als auch die Autoren und ihre Hauptthesen in einen größeren Zusammenhang einordnen.

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Der Aufbau der beiden Bände unterscheidet sich kaum. Im ersten Band erzählt Rattner, wie er in seiner häuslichen Bibliothek durch Bilder von Goethe, Schiller, Spinoza, Hegel, Schopenhauer, Dilthey, Bergson, Hartmann, Lessing oder Sartre ständig an die Persönlichkeiten erinnert wird, die ihn geistig geformt haben. Die Kultur Europas ist ihm immer gegenwärtig. Natürlich sind auch Freud und Alfred Adler vertreten, aufgrund derer er seine Personale Psychologie und Verstehende Tiefenpsychologie entwickelte.

Der zweite Band ist noch weitläufiger als der erste. Wir lernen einen abgeklärten alten Mann kennen, der sich in zunehmendem Maß als Philosoph empfindet. Es scheint, dass Rattner den Lesern ein besinnliches Lebens- und Denkbuch liefern möchte, das zu einem seelischen Gesundheitsschutz und ebenso zu einer geistigen Horizonterweiterung beitragen kann. Gerald Mackenthun

Josef Rattner: Tagebuch im hohen Alter, Band I und II. Verlag für Tiefenpsychologie, Berlin 2018/2019, 160 und 192 Seiten, gebunden, 20,00 bzw. 30,00 Euro.

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