ArchivDeutsches Ärzteblatt PP11/2019Bildungssystem: Missachtung entwicklungspsychologischer Erfordernisse

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Bildungssystem: Missachtung entwicklungspsychologischer Erfordernisse

PP 18, Ausgabe November 2019, Seite 524

Kinze, Wolfram

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Der Autor, Kinderpsychiater und Psychotherapeut, schildert mit professioneller Besorgnis seine Erfahrungen mit dem Bildungssystem und dessen Folgen für die psychosoziale Entwicklung der Kinder, die Arbeitsbedingungen ihrer Lehrer und Erzieher sowie die Verunsicherungen ihrer Eltern. Wenn die entwicklungspsychologischen Erfordernisse der Kinder mit ideologisch begründeter Ignoranz missachtet werden, den Kindern nicht mehr Pädagogik als zielstrebige und systematische Bildung und Erziehung vermittelt wird, dann verbleiben die Kinder auf einer kleinkindhaften Entwicklungsstufe. Sie verhalten sich dauerhaft egozentrisch, nur von ihren aktuellen Wünschen und Bedürfnissen gesteuert, unfähig zum Einfühlen in die Situationen und das Erleben anderer Menschen und zum Erfassen von Grenzen der eigenen Handlungsmöglichkeiten.

Aktuelle Bildungspolitik sieht Winterhoff zufolge in den Kindern kleine Erwachsene, die selbstbestimmt und eigenverantwortlich ihre eigene autonome Entwicklung steuern, sich eigenständig an der „Lerntheke“ bedienen, dabei die Steigerungen und das Tempo selbst bestimmen sowie ihre Lernfortschritte beurteilen. Seitens der einschlägigen „Erziehungswissenschaften“ werden Lehrer zum Lernbegleiter oder Coach degradiert, bestehende Einschränkungen sind durch Inklusion auszugleichen, Lernen soll vor allem Spaß machen, Einhalten von Regeln gilt als Eingriff in die persönliche Freiheit. Hausaufgaben, stetiges Üben und Festigen der Grundlagen im Lesen, Schreiben und Rechnen sind überflüssig, stattdessen sind Kreativität und Forscherdrang zu fördern. Große Erwartungen sowie Finanzmittel werden in die Digitalisierung gesetzt, weil die Kinder dann eigenständig Lernprogramme absolvieren werden.

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„Doch Grundschulkinder können nicht selbstständig lernen, weil sie noch nicht selbstständig sind, und sie können auch nicht aus eigener Kraft selbstständig werden“, betont der Autor. Sie benötigen Orientierung und emotionale Bindung an Erwachsene. Komplementär ist es die Aufgabe der Erwachsenen, das Kind altersgerecht mit den täglichen Anforderungen vertraut zu machen, zu ermutigen, zu schützen – sowohl als Eltern wie auch als Lehrer oder Erzieher. Wenn dabei die Kommunikation „auf Augenhöhe“ erfolgt, wird dies wohl kaum gelingen.

Lehrer und Erzieher benötigen einen verlässlichen organisatorischen Rahmen für ihre Tätigkeit, Fortbildungen, (gegenseitige) Supervision, kollegiale Zusammenarbeit in der Betreuung ihrer jeweiligen Klassen, Möglichkeiten zur individuellen Unterrichtsgestaltung, geregelte Kooperation mit Schulleitung und behördlicher Schulaufsicht und Mitsprache bei bildungspolitischen Neuorientierungen. Auch die hohe psychische Belastung der Pädagogen mit resultierenden Krankschreibungen vorrangig wegen psychosomatischer Störungen, der zunehmende Mangel an Fachkräften und die entsprechende Zunahme von „Seiteneinsteigern“, die Schwierigkeiten bei der Besetzung von Schulleitungen und die gravierenden Unterschiede zwischen Beamten und Angestellten haben ungünstige Auswirkungen.

Winterhoff beschreibt mit großer Sachkenntnis die Probleme des Bildungssystems, gibt Anregungen sowie Hinweise und warnt: Wenn den Kindern nicht durch die Erwachsenen angemessen geholfen wird, verbleiben sie auf einer kleinkindhaften Entwicklungsstufe und sind weder ausbildungsreif noch altersgerecht psycho-sozial eigenständig. Das Buch ist eine gewichtige Argumentationshilfe für alle, die Verbesserungen im Bildungssystem ermöglichen wollen. Wolfram Kinze

Michael Winterhoff: Deutschland verdummt. Wie das Bildungssystem die Zukunft unserer Kinder verbaut. Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 2019, 221 Seiten, gebunden, 20,00 Euro

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