ArchivDeutsches Ärzteblatt PP11/2019Sarah Bernhardt (1844–1923): Die Kunst der Selbstinszenierung

KULTUR

Sarah Bernhardt (1844–1923): Die Kunst der Selbstinszenierung

PP 18, Ausgabe November 2019, Seite 526

Krämer, Sandra

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Ihre Zeitgenossen beschrieben sie als eine Erscheinung mit bewundernswerter Eignung zur Auffälligkeit. Bereits zu Lebzeiten wurde die französische Schauspielerin zur Legende.

Die Verstellung endet, und die Schauspielkunst beginnt: Sarah Bernhardt 1864 im Alter von 20J ahren. Foto: picturealliance/Heritage-Images
Die Verstellung endet, und die Schauspielkunst beginnt: Sarah Bernhardt 1864 im Alter von 20J ahren. Foto: picturealliance/Heritage-Images

Paris 1878: Auf einer insgesamt 77 Hektar großen Fläche zwischen Champ de Mars und Chaillot-Hügel bestaunen die Besucher der Exposition Universelle Internationale die Exponate der fast 53 000 Aussteller. Eine der faszinierendsten Attraktionen ist der Fesselballon Henri Giffards, der mehrmals täglich an einem 600 Meter langen Seil im Hof des Jardin des Tuileries aufgelassen wird.

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Nur wenige Hundert Meter entfernt, im Palais Royal, bewundern die Besucher der Comédie-Française derweil ein Schauspiel anderer Art: „die Göttliche“ in der Rolle der Dona Sol aus Victor Hugos Drama „Hernani oder die kastilische Ehre“. Weder das Publikum noch Sarah Bernhardt selbst ahnen zu diesem Zeitpunkt, dass auch sie schon bald zusammen mit dem Aeronauten Godard und dem Maler Clairin in einem eigens für sie konstruierten und auf „Dona Sol“ getauften Ballon über Paris schweben wird. Weil „mein träumerisches Wesen mich fortwährend in höhere Sphären entführt“ (1), erklärt die exzentrische Schauspielerin ihre Prädestination für das Ballonfahren und wirft „berauscht von dem plötzlichen Gefühl der Erhabenheit (…) fröhlich Ballast auf die Erdenwesen am Boden ab“ (2). Auch beruflich schwebt Bernhardt auf der Höhe ihres nationalen Erfolges.

Dass Marie Henriette Rosine van Hardt – so ihr bürgerlicher Name –, uneheliche Tochter einer niederländischen Kurtisane, 20 Jahre zuvor den Schauspielberuf ergriff, war eine Verlegenheitslösung und den aufgrund ihrer Herkunft wenig vielversprechenden Zukunftsaussichten geschuldet. In ihren Memoiren hingegen wird sie den Besuch einer Vorstellung von Racines „Britannicus“ im Alter von 15 Jahren zum „Anfang meiner künstlerischen Laufbahn“ erklären. Bereits „als sich der Vorhang langsam“ hebt, ist ihr, „als höbe sich der Vorhang zu meiner Zukunft. (3) Jene Begegnung mit dem Theater geschieht auf Einladung des mütterlichen Liebhabers Charles de Morny, Halbbruder Louis-Napoléons III. Neben vielen anderen einflussreichen Persönlichkeiten, wie dem Komponisten Gioachino Rossini, verkehrt er im Pariser Salon der van Hardt. Nur Dank de Mornys Beziehungen wird die Tochter seiner Mätresse im Conservatoire aufgenommen, erfolgreich examiniert und an der Comédie-Française engagiert. Am 11. August 1862 debütiert die 18-Jährige, die sich nun Sarah Bernhardt nennt, in der Titelrolle von Racines „Iphigénie”; es folgen weitere Auftritte, die jedoch zunächst wenig Beachtung finden.

Ein Stern geht auf

Paris 1863: Am Abend des 15. Januar feiert man in der Comédie-Française den 241. Geburtstag ihres Gründers. Während die Akteure auf ihren Auftritt warten, schallt plötzlich ein kindliches Weinen, danach das Klatschen zweier Ohrfeigen begleitet von dem Ausruf „Schlampe“ durch die Kulissen; kurz darauf der dumpfe Aufprall eines Körpers. Versehentlich war Sarah Bernhardts jüngere Halbschwester Régine, die heimlich mit hinter die Bühne gekommen war, einer Schauspielerin auf die Schleppe getreten, woraufhin diese das kleine Mädchen gegen eine Marmorsäule gestoßen hatte. Im nächsten Moment sah sich die Stoßende unerwartet ihrer erzürnten Kollegin gegenüber, bevor sie ohnmächtig zu Boden ging. Sarah Bernhardts schlagkräftiger und erster bühnenreifer Auftritt ist ihr (vorläufig) letzter an der Wirkungsstätte Molières; er verhilft ihr jedoch zu einer skandalösen Berühmtheit in der Pariser Theaterszene.

Perfekte Bühnenpräsenz

Der künstlerische Durchbruch gelingt ihr fünf Jahre später am Théatre de lʼOdéon, an das sie 1866 engagiert wird. Als Anna Damby in Dumasʼ „Kean“ besticht sie durch perfekte Intonation und Bühnenpräsenz; in Coppées Verskomödie „Le Passant“ überzeugt sie in der Hosenrolle des Troubadour Zanetto. Auch später wird das Cross-Dressing mit Maeterlincks „Pelleas“ (1898), Shakespeares „Hamlet“ (1899) oder Edmond Rostands „L’Aiglon“ (1901) zu ihrem Rollenrepertoire gehören.

Als das Theater nach dem deutsch-französischen Krieg wieder seine Pforten öffnet, beschert ihr die Uraufführung von Victor Hugos „Ruy Blas“ 1872 einen doppelten Triumph. Ihre beachtenswerte Verkörperung der spanischen Königin Dona Marie de Neubourg bringt sie – neun Jahre nach ihrem unrühmlichen Abgang – an die Comédie zurück. Wissend, dass „der Weg der Erfüllung all meiner Träume nun offen“ steht, aber auch „das Kämpfen beginnen würde“ (4), verlangt sie nach Rollen, in denen sie zur führenden Darstellerin des Ensembles aufsteigt.

Ankündigung der „Kameliendame“: Mit der Rolle schrieb Sarah Bernhardt Theatergeschichte. Foto: picturealliance/LisztCollection
Ankündigung der „Kameliendame“: Mit der Rolle schrieb Sarah Bernhardt Theatergeschichte. Foto: picturealliance/LisztCollection

USA 1880: Nachdem zahlreiche Auftritte in London, Brüssel und Kopenhagen ihr europäisches Renommee gesichert haben, bricht Sarah Bernhardt zu einer halbjährigen Amerika-Tournee auf. Es folgt eine Gastspielreise durch England, Südfrankreich, Russland, Italien, Griechenland, Ungarn, die Schweiz, Dänemark, Belgien und Holland, zwischen 1886 und 1889 erneut durch die USA, zu Beginn der 1890er-Jahre dann eine Welttournee. Mit Racines „Phèdre“, die ihr nicht nur außergewöhnliches Können, sondern auch immense stimmliche und körperliche Konstitution abverlangt, hat sie 1874 die größte Prüfung ihrer Schauspielkunst bestanden. „In dem Augenblick, in dem ich mich in die Schleier der Phèdre gehüllt habe, denke ich nur noch an Phèdre, ich bin Phèdre.“ (5) Jahrzehntelang wird sie an dieser Figur gemessen werden. Dumasʼ „Kameliendame“ ist ihre zweite Paraderolle, die sie bis ins hohe Alter spielen und mit der sie Theatergeschichte schreiben wird: „Und nun trat eine Frau auf, die nahe an 70 war (…). Man fühlte die widerliche Unnatur einer gewaltsamen Verstellung. Aber dann tat (sie) den Mund auf und begann sich zu bewegen, und da endete die Verstellung und die Schauspielkunst begann. (...) Die alte Frau war verschwunden, und da oben stand die junge Marguerite Gauthier.“ (6)

Im eigenen Pullmanwagen, Dutzende von Koffern, ihre Menagerie heimischer und exotischer Tiere und (angeblich) den eigenen Sarg stets mit sich führend, den Hut geschmückt mit einer ausgestopften Fledermaus, erobert Sarah Bernhardt die Welt. Überall trifft sie auf ein im Zuge der wachsenden Unterhaltungsindustrie der Jahrhundertwende sich neu etablierendes Publikum: schaulustig, auf der Suche nach einem Idol. „Sie war da, sie spielte, sie triumphierte, ergriff Besitz von uns allen und verschwand (…), aber wie ein großes Schiff hinterließ sie eine Woge (…)“ (7).

Rio de Janeiro 1905: Es ist die letzte Vorstellung von „La Tosca“. Schon über Hundert Mal hat sie die von Victorien Sardou für sie konzipierte Titelrolle gespielt. An diesem Abend jedoch, als Floria sich nach der Hinrichtung ihres Geliebten von der Brüstung der Engelsburg stürzt, liegt keine Matratze bereit, um ihren Sprung abzufedern. Bernhardt zieht sich eine Knieverletzung zu, die ihr in den kommenden Jahren unerträgliche Schmerzen bereitet. 1915 entschließt sie sich zu einer Amputation des rechten Beins unterhalb der Hüfte. Als man sie in den Operationssaal bringt, „ließ sie nach ihrem Sohn Maurice schicken, der hereinkam und sie in die Arme schloss. Während dieser rührenden Szene hörte man sie sagen: Au revoir, mein Liebster, mein Maurice, au revoir. Nun komm schon, ich bin doch bald wieder da. Es war dieselbe Stimme, die (man) aus La Tosca, aus der Dame aux Camélias, aus L‘Aiglon kannte. (…) (Man) kam (sich) vor wie im Theater.“ (8)

Schauspielerin bis zuletzt

Diesem bleibt sie auch nach ihrer Beinamputation treu. In einem von ihr selbst entworfenen weißen Tragsessel lässt sie sich auf die Bühne bringen, sodass sie sitzend noch bis wenige Monate vor ihrem Tod spielen kann. Und mit dem größten Trauerzug seit Victor Hugosʼ bescheren die Pariser im März 1923 ihrer „Göttlichen“ ein letztes fulminantes Schauspiel. Sandra Krämer, M. A.,

Sandra.Kraemer@studium.uni-hamburg.de

Literatur im Internet:
www.aerzteblatt.de/pp/lit1119

Ihre Zeitgenossen beschrieben sie als eine Erscheinung mit bewundernswerter Eignung zur Auffälligkeit. Bereits zu Lebzeiten wurde die französische Schauspielerin zur Legende.

1.
Bernhardt S: In den Wolken. Die Abenteuer eines Stuhls. Aus dem Französischen von Inken Henkel. Hamburg 2018.
2.
Barnes J: Lebensstufen. Aus dem Englischen von Gertraude Krueger. Köln 2015; 12.
3.
Bernhardt S: Mein doppeltes Leben. Übersetzt von Regine Halter. München 1983; 32.
4.
Ebd.; 90.
5.
Adophe B: Phèdre et Mme Sarah Bernhardt. In: Paris: Revuel Illustée, 1895. Zitiert nach Stokes J, Booth MR, Bassnett S: Sarah Bernhardt – Ellen Terry – Eleonora Duse. Ein Leben für das Theater. Aus dem Englischen von Christiane Reitter. Weinheim u. a. 1991; 36.
6.
Theaterkritik zur Berliner Aufführung von Alexandre Dumas’ „Kameliendame“ 1909. In: Bab J: Schauspieler und Schauspielkunst. Berlin 1926; 244.
7.
So schildert 1881 die junge Schauspielerin und spätere Konkurrentin Eleonora Duse die Atmosphäre bei einem Gastspiel der Bernhardt in Turin. Zitiert nach: Le Gallienne E: The Mystic in the Theatre: Eleonora Duse. o. O. 1966; 35.
8.
Bericht der bei der Amputation anwesenden Narkoseärztin. Zitiert nach: Gottlieb R: Die Göttliche. Sarah Bernhardt. Deutsch von Tanja Handels und Ursula Wulfekamp. Göttingen 2012; 212.
9.
Bab J: Die Frau als Schauspielerin. Tübingen 1937/Balk C: Theatergöttinnen. Inszenierte Weiblichkeit. Clara Ziegler – Sarah Bernhardt – Eleonora Duse. Schriften der Gesellschaft für Theatergeschichte. Berlin 1994/Gold A, Fizdale R: Der eigensinnige Engel – das leidenschaftliche Leben der Sarah Bernhardt. Aus dem Amerikanischen von Verena Koch und Cornelia Stoll. München 1994/Gottlieb R: Die Göttliche. Sarah Bernhardt. Deutsch von Tanja Handels und Ursula Wulfekamp. Göttingen 2012/Müller M: Sarah Bernhardt – Eleonore Duse. Die Virtuosinnen der Jahrhundertwende. In: Möhrmann R (Hg.): Die Schauspielerin. Zur Kulturgeschichte der weiblichen Bühnenkunst. Frankfurt a. M. 1989; 228–260/Otis-Skinner, C: Madame
Sarah. Das Leben der Schauspielerin Sarah Bernhardt. Frankfurt a. M. 1988/Stokes J, Booth MR, Bassnett S: Sarah Bernhardt – Ellen Terry – Eleonora Duse. Ein Leben für das Theater. Aus dem Englischen von Christiane Reitter. Weinheim u. a. 1991/Thorun C: Sarah Bernhardt. Inszenierungen von Weiblichkeit im Fin de siècle. Hildesheim u. a. 2006.
1. Bernhardt S: In den Wolken. Die Abenteuer eines Stuhls. Aus dem Französischen von Inken Henkel. Hamburg 2018.
2. Barnes J: Lebensstufen. Aus dem Englischen von Gertraude Krueger. Köln 2015; 12.
3. Bernhardt S: Mein doppeltes Leben. Übersetzt von Regine Halter. München 1983; 32.
4. Ebd.; 90.
5. Adophe B: Phèdre et Mme Sarah Bernhardt. In: Paris: Revuel Illustée, 1895. Zitiert nach Stokes J, Booth MR, Bassnett S: Sarah Bernhardt – Ellen Terry – Eleonora Duse. Ein Leben für das Theater. Aus dem Englischen von Christiane Reitter. Weinheim u. a. 1991; 36.
6. Theaterkritik zur Berliner Aufführung von Alexandre Dumas’ „Kameliendame“ 1909. In: Bab J: Schauspieler und Schauspielkunst. Berlin 1926; 244.
7. So schildert 1881 die junge Schauspielerin und spätere Konkurrentin Eleonora Duse die Atmosphäre bei einem Gastspiel der Bernhardt in Turin. Zitiert nach: Le Gallienne E: The Mystic in the Theatre: Eleonora Duse. o. O. 1966; 35.
8. Bericht der bei der Amputation anwesenden Narkoseärztin. Zitiert nach: Gottlieb R: Die Göttliche. Sarah Bernhardt. Deutsch von Tanja Handels und Ursula Wulfekamp. Göttingen 2012; 212.
9.Bab J: Die Frau als Schauspielerin. Tübingen 1937/Balk C: Theatergöttinnen. Inszenierte Weiblichkeit. Clara Ziegler – Sarah Bernhardt – Eleonora Duse. Schriften der Gesellschaft für Theatergeschichte. Berlin 1994/Gold A, Fizdale R: Der eigensinnige Engel – das leidenschaftliche Leben der Sarah Bernhardt. Aus dem Amerikanischen von Verena Koch und Cornelia Stoll. München 1994/Gottlieb R: Die Göttliche. Sarah Bernhardt. Deutsch von Tanja Handels und Ursula Wulfekamp. Göttingen 2012/Müller M: Sarah Bernhardt – Eleonore Duse. Die Virtuosinnen der Jahrhundertwende. In: Möhrmann R (Hg.): Die Schauspielerin. Zur Kulturgeschichte der weiblichen Bühnenkunst. Frankfurt a. M. 1989; 228–260/Otis-Skinner, C: Madame
Sarah. Das Leben der Schauspielerin Sarah Bernhardt. Frankfurt a. M. 1988/Stokes J, Booth MR, Bassnett S: Sarah Bernhardt – Ellen Terry – Eleonora Duse. Ein Leben für das Theater. Aus dem Englischen von Christiane Reitter. Weinheim u. a. 1991/Thorun C: Sarah Bernhardt. Inszenierungen von Weiblichkeit im Fin de siècle. Hildesheim u. a. 2006.

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