ArchivDeutsches Ärzteblatt5/2000Euro-Einführung: Viele Geschäfte mit der Angst

VARIA: Wirtschaft - Berichte

Euro-Einführung: Viele Geschäfte mit der Angst

Dtsch Arztebl 2000; 97(5): A-263 / B-234 / C-206

PJ

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LNSLNS Der Start der europäischen Gemeinschaftswährung war keinesfalls von Erfolg gekrönt. Doch selbst wenn sich die Notierung mittlerweile erholt hat, nutzen clevere Geschäftemacher die Angst der Bundesbürger vor einer "dritten Währungsreform".


Ein Blick in die Wochenendausgaben der Tagespresse sagt eigentlich schon alles. "Bringen Sie Ihr Geld in Sicherheit", ist da zu lesen, "Flucht vor dem Euro - bei uns können Sie verdienen", lautet es einige Zentimeter weiter unten. Solche oder ähnliche Schlagzeilen schüren unterschwellig die Sorgen der Bundesbürger, der Euro könne möglicherweise schwächer werden als die über lange Phasen stabile Mark.
Graue Angebote am grauen Markt
Die Palette der angebotenen "Lösungen" ist dabei groß. Auffällig ist, dass die meisten Produkte bereits einschlägig vom "grauen Kapitalmarkt" bekannt sind.
- Warentermingeschäfte: Angepriesen werden schnelle Gewinne mit Schweinebäuchen, Sojabohnen oder Kaffee-Kontrakten. Als Werbeargument dient dabei die Prognose einer Euro-Schwäche, verbunden mit Hinweisen auf die Stärke von Sachwertanlagen und Rohstoffen. Dies mag zwar grundsätzlich zutreffen, jedoch zehren bei den meisten Angeboten die Handelsprovisionen derart am Kapital, dass Gewinne nahezu unmöglich gemacht werden. Nicht selten verschwinden die Anbieter auch über Nacht von der Bildfläche - mit dem angelegten Kapital.
- Bankgarantiegeschäfte: Diese "Anlagemöglichkeiten" werden gerne unter dem Hinweis auf die notwendige absolute Vertraulichkeit offeriert. Angeblich hätten Banken und Sparkassen in einer Art Kartell einen ausgesprochen hohen Zinssatz für gegenseitige Euroanlagen vereinbart. Davon seien private Kunden jedoch ausgeschlossen. Dem Vermittler sei es gelungen, eine Tranche zu erwerben, so dass er dem Anleger die "einmalige Gelegenheit" bieten könne, sich daran zu beteiligen. Tatsächlich gibt es Bankgarantien jedoch lediglich im Bereich des Warenhandels - und dort haben sie mit einer Geldanlage nichts zu tun.
- Anlegervereine: Mit dem Hinweis, das Geld werde in Euro-Zeiten ohnehin wertlos, sollen Interessenten einen Betrag zwischen 1 000 und 3 000 DM investieren. Innerhalb weniger Monate, so wird versprochen, erhalte man dafür zwischen 30 000 und 100 000 DM. Möglich werde dies durch das Anwerben neuer "Mitglieder" für den Verein. Tatsächlich handelt es sich um nichts anderes als eine Art teurer "Kettenbriefe", die stets mit dem Verlust des eingesetzten Kapitals für die zuletzt Hinzugekommenen endet. - Penny stocks/Billigaktien: Nach wie vor werden amerikanische und kanadische Aktien für wenige Cent pro Stück offeriert, die entweder gar nicht oder an einer Nebenbörse gehandelt werden. Der Verkäufer schwärmt von den hohen Kurssteigerungen, die der Wert bereits erreicht habe - und von den enormen Chancen. Tatsächlich legen Penny stocks nur dann zu, wenn sie entsprechend beworben werden. Ist die Aktion ausgelaufen, hat sich der Anbieter längst von seinen billig erworbenen Stücken getrennt, der hochspekulierte Kurs fällt ins Bodenlose. Nicht selten handelt es sich auch um betrügerische Unternehmensgründungen, die eigens zu diesem Zweck erfolgt sind.
- Beteiligungssparpläne/ Sachwertanlagen: Dem Anleger werden als Schutz vor dem Euro Sparpläne für Sachwerte wie Immobilien, Edelmetalle oder Unternehmen angeboten. Tatsächlich existieren diese Sachwerte nur auf dem Papier. Die angeblich hohen Renditen sind frei erfunden. Daneben werden auch spezielle Sachwertanlagen, insbesondere Diamanten, unter dem Hinweis auf die - angebliche - Wertbeständigkeit dieser "härtesten Währung der Welt" offeriert - oft in Folie verpackt und mit Rückkaufsgarantie. In der Regel sind die angebotenen Steine jedoch minderwertig und/oder überteuert, die Rückkaufsgarantie ist praktisch wertlos. Denn die Anbieter verschanzen sich entweder hinter komplizierten Geschäftsbedingungen, oder sie verschwinden von der Bildfläche - um kurz darauf unter anderem Namen wieder aufzutauchen. - Time-share-Angebote: Auch das "gute alte Time-Sharing" - das vom Konzept her alles andere als unseriös ist - macht jetzt wieder die Runde. Zu völlig überhöhten Preisen werden Anteile an Ferienappartements angeboten, die dann für eine bestimmte Zeit des Jahres genutzt werden können. Auch werden Tauschmöglichkeiten mit anderen Anteilseignern offeriert. Viele derartige Angebote zielen jedoch allein auf das Geld des Anlegers, manchmal werden die Anlagen nicht einmal gebaut. Im Übrigen sollte sich jeder Anleger darüber im Klaren sein, dass ein Time-share-Urlaub selbst bei einem seriösen Anbieter selten billiger ist als eine entsprechende Pauschalreise. PJ

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