ArchivDeutsches Ärzteblatt46/2019PraxisBarometer Digitalisierung: Ausgebremst durch etliche Hürden

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PraxisBarometer Digitalisierung: Ausgebremst durch etliche Hürden

Dtsch Arztebl 2019; 116(46): A-2112 / B-1730 / C-1690

Krüger-Brand, Heike E.

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Der Digitalisierungsgrad der Praxen beim Praxismanagement und bei der Dokumentation ist hoch. Große ungenutzte Potenziale gibt es hingegen aufgrund fehlender Interoperabilität und wegen Sicherheitsbedenken der Ärzte vor allem in der Datenkommunikation mit externen Partnern.

Foto: picture alliance/JOKER
Foto: picture alliance/JOKER

Die Bereitschaft der Vertragsärzte und -psychotherapeuten zur weiteren Digitalisierung wächst, aber die Rahmenbedingungen, etwa für digitale Anwendungen, sind vielfach noch unzureichend und bremsen den Ausbau. Das geht aus dem vom IGES-Institut im Auftrag der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) durchgeführten PraxisBarometer Digitalisierung hervor. An der repräsentativen Erhebung, die 2018 erstmalig gestartet wurde, haben sich in diesem Jahr mehr als 2 000 Praxen beteiligt.

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Arbeit zunehmend digital

Vor allem im Praxismanagement und in der Patientendokumentation zeigen sich Fortschritte. Nach der Studie haben inzwischen 76 Prozent der Arztpraxen ihre Patientendokumentation mehrheitlich oder vollständig digitalisiert (2018: 73 Prozent). Etwa die Hälfte der Praxen organisiert Termine und Wartezeiten nahezu vollständig digital. Mehr als ein Fünftel der Praxen verfügt zudem über ein digitales Qualitätsmanagement – das ist eine Verdopplung gegenüber dem Vorjahr. „Tatsächlich sind das die Bereiche, in denen Ärzte die Digitalisierung am stärksten als Fortschritt wahrnehmen“, kommentierte der KBV-Vorstandsvorsitzende Dr. med. Andreas Gassen die Ergebnisse. Die Ärzte erhofften sich dabei vor allem Entlastung bei Verwaltungstätigkeiten.

Bei der Anbindung medizinischer Geräte sind insbesondere hausärztliche Praxen weit vorangeschritten. So haben fast 80 Prozent ihre Medizintechnik über digitale Schnittstellen angebunden. Zudem nutzen inzwischen rund zwei Drittel der Hausarztpraxen digitale Anwendungen zur Arznei­mittel­therapie­sicherheit. Zwei Drittel der Hausarztpraxen berichten zudem über eine geringe Anzahl von Patienten, die mit selbst erhobenen Gesundheitsdaten in die Praxen kommen. Immerhin 87 Prozent der Hausärzte hält diese Daten für zumindest teilweise hilfreich.

Große ungenutzte Potenziale gibt es unverändert in der externen Kommunikation. Obwohl sich Ärzte laut Gassen eine bessere Kommunikation mit Kollegen und Patienten wünschen, sieht der Alltag immer noch anders aus: So kommunizieren etwa 85 Prozent der Praxen mit anderen Ärzten und Psychotherapeuten fast ausschließlich papierbasiert, mit Krankenhäusern sind es sogar 93 Prozent der Praxen. Ausnahmen gibt es allenfalls unter den größeren Praxen. Bei behandlungsrelevanten Daten werden nur Labordaten digital übermittelt. Die KBV führt das darauf zurück, dass hierfür ein etabliertes interoperables Austauschformat verfügbar und zudem keine qualifizierte elektronische Signatur (QES) erforderlich ist.

KBV-Chef Gassen verwies in diesem Kontext darauf, dass etwa 60 Prozent der Praxen den elektronischen Arztbrief als sinnvolle Anwendung betrachten. „Dennoch wird er kaum genutzt. Warum? Weil die praktische Umsetzung zu kompliziert ist“, meinte er. Die QES für jedes einzelne Dokument zu generieren, sei umständlich und aufwendig. Ein ähnliches Problem bestehe mit der elektronischen Arbeits­unfähigkeits­bescheinigung (eAU). Vor diesem Hintergrund fordert die KBV, die QES nur dort verbindlich vorzusehen, wo dies unbedingt erforderlich ist, und das Prozedere als solches zu vereinfachen, etwa durch Nutzung einer Komfortsignatur.

Kritik an Hybridlösungen

Zudem kritisierte der KBV-Chef die häufig nur unvollständig umgesetzte Digitalisierung: „Im Moment haben wir leider Hybridlösungen für viele Prozesse – halb digital und halb analog“, monierte Gassen. Als Beispiele nannte er unter anderem die eAU. Hierbei müsse die Praxis die Bescheinigung elektronisch an die Krankenkasse übertragen, gleichzeitig solle der Patient aber nach wie vor einen Nachweis auf Papier erhalten. Mit einer solchen Lösung könne man niemanden begeistern und erzeuge Mehraufwand für die Praxen.

Praxistaugliche Anwendungen

Das Interesse der Ärzte an Digitalisierung sei groß, konstatierte auch das KBV-Vorstandsmitglied Dr. rer. soc. Thomas Kriedel. So habe laut PraxisBarometer fast die Hälfte der Praxen (46 Prozent) in den zurückliegenden drei Jahren an Fortbildungen mit einem Bezug zur Digitalisierung teilgenommen. Auch seien die Erwartungen an die Chancen der Digitalisierung im Hinblick auf konkrete Anwendungen hoch.

So wollen etwa der Umfrage zufolge 63 Prozent der Hausärzte ihren Patienten einen elektronischen Medikationsplan und 52 Prozent einen digitalen Not­fall­daten­satz anbieten (siehe Tabelle). Dies entspricht auch der Einschätzung des hohen Nutzens dieser Anwendungen (siehe Grafik). Die elektronische Gesundheitsakte als Vorläuferin der ab 2021 geplanten elektronischen Patientenakte (ePA) ist der Umfrage zufolge noch nicht weit verbreitet. 20 Prozent der Praxen haben aber vereinzelt Kontakt zu Patienten, die bereits eine solche Akte nutzen. Etwas mehr als die Hälfte der Arztpraxen erwartet von einer ePA einen sehr oder eher hohen Nutzen, allerdings nur, wenn diese von einem Arzt verwaltet wird. In einer vom Patienten geführten Akte sehen lediglich rund 20 Prozent der Ärzte einen Nutzen. „Digitale Anwendungen werden sich in den Praxen dann durchsetzen, wenn sie sinnvoll sind, praxistauglich und ohne zusätzlichen Aufwand“, erklärte Kriedel.

Ärzte und Psychotherapeuten sehen die großen Chancen der Digitalisierung in konkreten Anwendungen.
Ärzte und Psychotherapeuten sehen die großen Chancen der Digitalisierung in konkreten Anwendungen.
Grafik
Ärzte und Psychotherapeuten sehen die großen Chancen der Digitalisierung in konkreten Anwendungen.
Bereitschaft der Praxen zur Digitalisierung hat zugenommen
Bereitschaft der Praxen zur Digitalisierung hat zugenommen
Tabelle
Bereitschaft der Praxen zur Digitalisierung hat zugenommen

Eine ausschließliche Fernbehandlung lehnen die meisten Ärzte und Psychotherapeuten weiterhin ab: Zwei Drittel der Praxen halten einen vorangegangenen Patientenkontakt dabei stets für erforderlich. Nur jeweils rund 20 Prozent der Praxen halten Videosprechstunden sowie Onlinediagnosen und -therapien für sehr oder eher nützlich für die Patientenversorgung. Bei den psychotherapeutischen Praxen sind das immerhin 27 Prozent.

Im Hinblick auf die Arzt-Patienten-Beziehung erwarten 43 Prozent der Praxen eine Verschlechterung durch die fortschreitende Digitalisierung, 14 Prozent rechnen mit Verbesserungen. Größere und stärker spezialisierte oder interdisziplinär ausgerichtete Praxen bewerten die Digitalisierung dabei generell positiver, Psychotherapeuten haben die meisten Vorbehalte.

Bei der sektorenübergreifenden Vernetzung der Praxen setzt die KBV auf die Tele­ma­tik­infra­struk­tur (TI) und auf offene und einheitliche Schnittstellen für einen nahtlosen Datenaustausch. „Unerlässlich ist dabei die Interoperabilität, und zwar technisch, organisatorisch, syntaktisch und semantisch“, betonte Kriedel. Die KBV verantworte im gesetzlichen Auftrag die Standardisierung der medizinischen Informationsobjekte. Dass mehr und mehr Ärzte eine Standardisierung in der Arztdokumentation befürworteten, zeige, „dass die KBV hier auf dem richtigen Weg ist“. So wären nach der Studie 59 Prozent der Vertragsärzte bereit, ihre Dokumentation auf einheitliche Standards umzustellen, um etwa Daten mit weiteren Partnern auszutauschen (Vorjahr: 47 Prozent).

Sorge wegen IT-Sicherheit

Dass die Digitalisierung in einigen Bereichen nicht vorankommt, liegt aus Sicht der KBV unter anderem in Befürchtungen vieler Ärzte und Psychotherapeuten hinsichtlich mangelnder IT-Sicherheit begründet (siehe Grafik). So gaben mehr als 60 Prozent der Praxen Sicherheitslücken in den EDV-Systemen als Grund für Hemmnisse beim Digitalisierungsfortschritt an (2018: 54 Prozent). „Die Zahlen zeigen, dass viele Ärzte und Psychotherapeuten unsicher sind“, meinte Kriedel. Nicht zuletzt die jüngsten Diskussionen um die Sicherheit der TI und die IT-Sicherheit in den Praxen dürften zu dem Anstieg beigetragen haben, so der KBV-Vorstand. Hier bedürfe es sinnvoller politischer Regelungen. Kriedel verwies auf das Digitale-Versorgung-Gesetz, das die KBV mit der Erstellung einer Richtlinie zur IT-Sicherheit beauftragt hat. „Diese soll Praxen dann unterstützen und Sicherheit geben“, erklärte er.

Weitere Hürden sind der Umfrage zufolge insbesondere der mit der Digitalisierung verbundene Umstellungsaufwand, ein ungünstiges Kosten-Nutzen-Verhältnis und die Fehleranfälligkeit der Praxis-IT. Heike E. Krüger-Brand

Ärzte und Psychotherapeuten sehen die großen Chancen der Digitalisierung in konkreten Anwendungen.
Ärzte und Psychotherapeuten sehen die großen Chancen der Digitalisierung in konkreten Anwendungen.
Grafik
Ärzte und Psychotherapeuten sehen die großen Chancen der Digitalisierung in konkreten Anwendungen.
Bereitschaft der Praxen zur Digitalisierung hat zugenommen
Bereitschaft der Praxen zur Digitalisierung hat zugenommen
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Bereitschaft der Praxen zur Digitalisierung hat zugenommen

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