ArchivDeutsches Ärzteblatt46/2019Intensive Blutdrucksenkung bei Schlaganfall-Lysetherapie: Weniger intrakranielle Blutungen, aber insgesamt keine Überlegenheit

MEDIZINREPORT: Studien im Fokus

Intensive Blutdrucksenkung bei Schlaganfall-Lysetherapie: Weniger intrakranielle Blutungen, aber insgesamt keine Überlegenheit

Dtsch Arztebl 2019; 116(46): A-2142 / B-1752 / C-1712

Vetter, Christine

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Foto: Sebastian Kaulitzki/stock.adobe.com
Foto: Sebastian Kaulitzki/stock.adobe.com

Ein Blutdruck von systolisch > 185 mmHg gilt als Kontraindikation für eine Lysetherapie beim akuten ischämischen Schlaganfall. Der optimale Zielblutdruck ist jedoch bislang unklar. In der ENCHANTED-Studie wurde daher untersucht, ob eine aggressive Blutdrucksenkung das klinische Ergebnis verbessert.

In der internationalen Studie wurden 2 227 Patienten mit ischämischem Schlaganfall und einer Lysetherapie (Alteplase) randomisiert leitliniengerecht behandelt mit einem Zielblutdruck < 180 mmHg systolisch oder sie erhielten eine intensivierte blutdrucksenkende Therapie, mit der innerhalb 1 Stunde ein Zielblutdruck von < 130–140
mmHg erreicht werden sollte. Der durchschnittliche systolische Blutdruck betrug nach 24 Stunden einer intensivierten antihypertensiven Therapie 144,3 mmHg und in der Kontrollgruppe 149,8 mmHg. Der Unterschied war mit einem p-Wert < 0,0001 statistisch signifikant.

Beim primären Endpunkt allerdings, dem Funktionsstatus nach 90 Tagen, ergab sich kein relevanter Unterschied: Die Odds Ratio (OR) lag bei 1,01 (95-%-Konfidenzintervall [95-%-KI] [0,87; 1,17]; p = 0,870).

Allerdings kam es bei Patienten unter intensivierter Therapie mit 14,8 % vs. 18,7 % in der Kontrollgruppe insgesamt seltener zu einer intrakraniellen Blutung (OR: 0,75 [0,60; 0,94]; p = 0,0137). Vor allem die Rate schwerer intrakranieller Blutungen war geringer: Sie betrug 5,5 % unter aggressiver Blutdrucksenkung und 9,0 % unter leitliniengerechtem RR-Management (OR: 0,59 [0,42; 0.82]; p = 0,0017). Die Rate allgemein schwerer Blutungen unterschied sich mit 19,4 % (intensivierte RR-Senkung) gegenüber 22,0 % (leitliniengerechte RR-Senkung) jedoch nicht signifikant (OR: 0,86 [0,70; 1,05]; p = 0,1412).

Fazit: Eine aggressive Blutdrucksenkung ist bei Patienten mit ischämischem Schlaganfall, die zur Lysetherapie anstehen, sicher, folgert das internationale Team. Die intensive Therapie verbessert aber das Gesamtergebnis nicht gegenüber dem bisher in den Leitlinien empfohlenen Vorgehen. Eine allgemeine Empfehlung für niedrigere Zielwerte sei derzeit nicht gerechtfertigt. Warum sich trotz seltenerer intrakranieller Blutungen keine Überlegenheit der intensivierten Blutdrucksenkung ergeben habe, sei unklar und sollte in weiteren Studien analysiert werden. Christine Vetter

Anderson CS, Huang J, Lindley R, et al: Intensive blood pressure reduction with intravenous thrombolysis therapy for acute ischaemic stroke (ENCHANTED): an international, randomised, open-label, blinded-endpoint, phase 3 trial. Lancet 2019; 393: 877–88.

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