ArchivDeutsches Ärzteblatt46/2019Berühmte Entdecker von Krankheiten: Joseph Baron Lister, der Herr der Keime

SCHLUSSPUNKT

Berühmte Entdecker von Krankheiten: Joseph Baron Lister, der Herr der Keime

Dtsch Arztebl 2019; 116(46): [60]

Schuchart, Sabine

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Der Pionier der Antisepsis im OP-Saal kämpfte im 19. Jahrhundert darum, Mikroorganismen gezielt von chirurgischen Wunden fernzuhalten, auch gegen den Widerstand von Arztkollegen. Doch die sinkenden Sterberaten gaben ihm recht. Es kam zu einem Paradigmenwechsel in der Medizin.

Für Schlagzeilen sorgte das Lebensmittelbakterium Listeria monocytogenes diesen Herbst gleich zweimal: durch Krankheits- und Todesfälle im Zusammenhang mit dem Listerienfund in einer hessischen Wurstfabrik und durch die Entdeckung einer neuen hypervirulenten Listeria-Spezies. Den aggressiven Erreger fand eine internationale Forschergruppe unter Leitung des Instituts für medizinische Mikrobiologie der Universität Gießen in China bei schwer erkrankten Schafen. Die alarmierenden Vorkommnisse verweisen auf den großen Arzt und Naturwissenschaftler Joseph Lister, nach dem der Keim und die dadurch ausgelöste Zoonose posthum benannt wurden.

Gegen Listerien wirken Antibiotika, aber zu Listers Zeit waren diese Medikamente noch nicht erfunden. 1846, als der Medizinstudent in London im University College Hospital eine der ersten Äthernarkosen bei einer Beinamputation erlebte, waren Operationen eine schmutzige, extrem gefährliche Angelegenheit. Die Chirurgen arbeiteten in Kitteln, die steif von Blut und Eiter vorangegangener Eingriffe waren, Tische und Instrumente wurden selten gereinigt und im OP-Saal drängelte sich ein bunt gemischtes Publikum in Straßenkleidung. Die meisten Patienten starben an postoperativen Infektionen. Bereits im Studium veröffentlichte Lister einen Text zum CKrankenhausgangrän“, Entzündungsprozesse wurden zu seiner lebenslangen Beschäftigung. Den entscheidenden Impuls erhielt er 1865 – er war damals Chirurg in Edinburgh – durch die Arbeiten von Pasteur. Lister kam schlagartig die Idee, dass winzige Mikroorganismen und nicht wie bis dahin vermutet etwa giftige Ausdünstungen oder verseuchte Importgüter eine Wundinfektion verursachen könnten. Er erinnerte sich, dass Karbolsäure zur chemischen Reinigung von Abwässern dient, und experimentierte mit der Lösung zwei Jahre lang im OP-Saal. Seine Erfolge mit der Raum- und der Wunddesinfektion („Listerscher Verband“) stellte er 1867 in der Zeitschrift Lancet und auf der Jahresversammlung der Britischen Ärzteschaft vor, erntete aber vor allem Unglauben und Spott.

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Lister wurde am 5. April 1827 als viertes von sieben Kindern in eine wohlhabende Quäkerfamilie in Upton bei London geboren. Der Vater Joseph Jackson Lister war ein erfolgreicher Weinhändler und begabter Erfinder. Er optimierte die optische Mikroskopie. Von ihm übernahm der Sohn die Leidenschaft für wissenschaftliche Exaktheit und das Mikroskopieren. Während seiner Karriere als Professor für klinische Chirurgie in Glasgow, später in Edinburgh und London baute er seinen zunächst punktuellen Einsatz von Karbol zur systematischen Krankenhaushygiene aus und senkte damit die Patientenletalität rapide. Obwohl introvertiert veranlagt, setzte er mit eiserner Entschlossenheit gegen alle Widerstände das Prinzip der Antisepsis durch. Dabei griff er auch die revolutionären Erkenntnisse von Semmelweis in Wien zur Prävention des Kindbettfiebers auf, die er anfangs nicht kannte.

Lister starb 1912 hochbetagt, für seine Verdienste geadelt und weltweit mit Ehrungen überhäuft – bis auf den Nobelpreis. Seit 1871 hatte er mit Penicilliumpilzen experimentiert und diese 1884 erfolgreich bei einer Abszess-OP eingesetzt, aber dies nicht publiziert. So galt Alexander Fleming seit 1928 als Entdecker des Penicillins, 1945 erhielt er dafür den Nobelpreis. Sabine Schuchart

1926 erfolgte eine der ersten Dokumentationen einer Listeriose, einer Infektion mit dem Bakterium monocytogenes, die vom Tier auf den Menschen übertragen werden kann. Im Jahr darauf nannte der britische Arzt und Bakteriologe James H. H. Pirie den Keim zu Ehren und aus Anlass des 100. Geburtstags von Sir Joseph Lister (1827–1912) Listerella, eine Bezeichnung, von der er damals

noch nicht wusste, dass sie bereits anderweitig verwandt wurde. Deshalb etablierte Pirie 1940 schließlich den Begriff Listeria monocytogenes als Verursacher der Listeriose. Diese tritt seit den 1980er-Jahren verstärkt beim Menschen auf, weltweit gab es seitdem mehrere hochletale Epidemien. Die Erreger werden in der Regel oral über kontaminierte Lebensmittel aufgenommen. Immunsupprimierte, Neugeborene und Schwangere sind besonders gefährdet. Bei transplazentarer Übertragung auf das Kind kommt es häufig zur Früh- oder Totgeburt.

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