ArchivDeutsches Ärzteblatt47/2019Das Interview mit Dr. med. Stephan Hofmeister, stellvertretender Vorsitzender der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), und Johannes-Wilhelm Rörig, Unabhängiger Beauftragter der Bundesregierung für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs (UBSKM): „Viele kleine Schritte, damit die Praxis ein Schutzort wird“

POLITIK: Das Interview

Das Interview mit Dr. med. Stephan Hofmeister, stellvertretender Vorsitzender der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), und Johannes-Wilhelm Rörig, Unabhängiger Beauftragter der Bundesregierung für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs (UBSKM): „Viele kleine Schritte, damit die Praxis ein Schutzort wird“

Dtsch Arztebl 2019; 116(47): A-2178 / B-1782 / C-1741

Bühring, Petra; Beerheide, und Rebecca

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Der KBV-Vize-Vorsitzende und der Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung über Kooperationen zur Prävention von sexuellem Kindesmissbrauch und wie Ärzte und Psychotherapeuten dabei unterstützt werden können, mit Kinderschutzfällen richtig umzugehen.

Waren sich einig darin, dass Ärzte und Psychotherapeuten eine wichtige Rolle dabei spielen, sexuellem Kindesmissbrauch vorzubeugen und einzugreifen: Johannes-Wilhelm Rörig (links) und Stephan Hofmeister Fotos: Georg J. Lopata
Waren sich einig darin, dass Ärzte und Psychotherapeuten eine wichtige Rolle dabei spielen, sexuellem Kindesmissbrauch vorzubeugen und einzugreifen: Johannes-Wilhelm Rörig (links) und Stephan Hofmeister Fotos: Georg J. Lopata

Die KBV hat sich 2016 in einer Vereinbarung mit dem UBSKM verpflichtet, alle Möglichkeiten zu nutzen, um Kindern und Jugendlichen größtmöglichen Schutz gegen sexuelle Gewalt in der ambulanten Versorgung zu bieten. Was hat sich seitdem verbessert?

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Johannes-Wilhelm Rörig: Seit 2016 habe ich mit der KBV und auch mit der Deutschen Krankenhausgesellschaft Kooperationspartner gewonnen. Wir wollten den Gesundheitsbereich so gut aufstellen, dass Ärztinnen und Ärzte die vielen Zehntausend Kinder, die jedes Jahr sexuelle Gewalt erleiden, sensibel und professionell erkennen und angemessen auf sie reagieren. Ärzte haben ein großes Ansehen und einen großen Vertrauensvorschuss. Es gibt zwei Bereiche, in denen alle Mädchen und Jungen erreicht werden können: in der Schule und in der gesundheitlichen Versorgung. Denn jeder Missbrauch muss so schnell wie möglich beendet und den Betroffenen müssen Wege zur Hilfe aufgezeigt werden.

Stephan Hofmeister: Betroffene Kinder müssen aber auch tatsächlich in einer Arztpraxis ankommen, häufig werden sie ja bewusst von den Eltern ferngehalten. Wichtig ist, dass die Zeichen für Kindesmissbrauch erkannt werden. Kein Elternteil spricht offen darüber. Es gibt dann ein schwieriges Spannungsfeld, einerseits das Vertrauen zu der Familie nicht zu verlieren und andererseits das Kind zu schützen. Eine falsche Unterstellung löst unter Umständen eine Katastrophe in der Familie und im Umfeld der Arztpraxis aus. Ärzte und Psychotherapeuten müssen dahingehend geschult werden, um Signale zu erkennen und richtig zu reagieren, gleichzeitig aber nicht übervorsichtig zu sein. Wir wollen den Kollegen Mut machen, die Dinge zu adressieren und ihnen Handwerkszeug an die Hand geben.

Häufig beklagen Ärzte Handlungsunsicherheit an den Schnittstellen Kinderschutzrecht, Patientenrecht und Arzthaftungsrecht. Müsste man diese Themen noch mehr in der Fortbildung verankern?

Rörig: Handlungsunsicherheit auf dem Gebiet der sexuellen Gewalt ist allgemein weit verbreitet. Das ist ein Phänomen. Je kinderschutzferner die Professionen sind, umso größer ist die Unsicherheit. Deshalb ist es wichtig, dass in Fort- und Weiterbildung investiert wird, um alle Ärzte und Psychotherapeuten anzusprechen, die mit Kindern in Kontakt sind. Die Signale, die Mädchen und Jungen aussenden, müssen wahrgenommen und es muss professionell darauf reagiert werden.

Hofmeister: Mehr als 60 Prozent der Ärzte und Psychotherapeuten wissen ganz sicher, wer Ansprechpartner ist und haben einen reglementierten Umgang mit Kinderschutzfällen. Es gibt aber bei vielen auch noch Unsicherheiten. Wir haben deshalb Lernmodule zum Kinderschutz für die Qualitätszirkelarbeit und ein E-Learning-Programm für die Fortbildung entwickelt, um das Wissen zu festigen und die Schnittstellen zu optimieren.

Bei Verdacht oder Zweifelsfällen können sich Ärzte und Psychotherapeuten an eine „insofern erfahrene Fachkraft“ beim Jugendamt wenden. Diese Kooperationsmöglichkeit funktioniert aber noch nicht optimal. Wie ließe sich das verbessern?

Hofmeister: Die Kooperation mit dem Jugendamt ist sehr stark von lokalen Umständen abhängig. Das lässt sich sehr schwer steuern. Das kann man nur zu einem gewissen Grad standardisieren. Aber wir sind mit den Fortbildungsangeboten auf einem guten Weg.

Johannes-Wilhelm Rörig: „Die Signale, die Mädchen und Jungen aussenden, müssen wahrgenommen und es muss professionell darauf reagiert werden.“
Johannes-Wilhelm Rörig: „Die Signale, die Mädchen und Jungen aussenden, müssen wahrgenommen und es muss professionell darauf reagiert werden.“

Rörig: In Bezug auf Kooperation haben wir in den letzten Jahren viel erreicht. Es ist sehr intensiv an der S3-Kinderschutzleitlinie gearbeitet worden und am Gesetz zur Kooperation und Information im Kinderschutz, der sich mit Beratung und Übermittlung von Informationen durch Geheimnisträger bei Kindeswohlgefährdung befasst. In der Leitlinie ist sehr genau beschrieben, wie der Arzt sensibel und richtig mit Verdachtsfällen umgehen sollte. Weitere Unterstützung bieten die bundesweite Medizinische Kinderschutzhotline und das Hilfetelefon Missbrauch (Kasten). Darüber hinaus wird gerade an einer Reform des Sozialgesetzbuches VIII gearbeitet. Es geht um eine bessere Unterstützung von Ärzten in der Kooperation mit Jugendämtern. Sie sollten eine Rückmeldung bekommen, wenn sie selbst einen Fall an das Jugendamt weitergeleitet haben. Oft hören sie davon nichts mehr, was das Patientenverhältnis belasten kann.

Hofmeister: Wir als KBV verweisen auch auf diese Hotlines. Die Notwendigkeit zum Kinderschutz ist ähnlich wie ein Giftnotfall: Es kommt zum Glück nicht so häufig vor. Wir sagen den Kollegen: „Ihr müsst bei Verdachtsfällen nicht erschrecken, ihr müsst auch nicht alles können, aber wissen, an wen ihr euch wenden könnt.“

Wie gehen sie, Herr Rörig, damit um, dass betroffene Kinder zum Teil nur in der Schule gesehen werden und vielleicht nie einem Arzt vorgestellt werden, der intervenieren könnte?

Rörig: Niemand kann allein Kinder und Jugendliche vor sexueller Gewalt schützen. Es ist ein Netzwerk erforderlich und das muss so eng wie möglich geknüpft werden. Das Gesundheitswesen spielt eine sehr wichtige und zentrale Rolle, aber in Kitas, Schulen, Heimen, Kirchengemeinden und Sportvereinen sollten Kinder auch Ansprechpersonen haben. Wir arbeiten daran, dass das ausgebaut wird.

Im Hilfeportal des UBSKM gibt es eine Datenbank, die über Therapie- und Beratungsangebote für Betroffene vor Ort informiert. Ein Suchtest 20 km rund um Berlin-Mitte zeigt ein ausgezeichnetes Angebot traumatherapeutisch erfahrener Ärzte und Therapeuten. Finden Betroffene auch woanders genügend Angebote?

Rörig: Im ländlichen Raum gibt es nicht so viele Psychotherapeuten, die traumatherapeutisch spezialisiert sind oder bereit sind, Betroffenen von sexueller Gewalt zu helfen und sich deswegen für die Aufnahme in der Datenbank gemeldet haben. Es sollten sich grundsätzlich mehr Therapeuten bereit finden, mit Betroffenen von sexueller Gewalt zu arbeiten, was ja auch eine fachliche Herausforderung ist. Die Fachberatungsstellen sollten als erste Anlaufstellen zudem für ihre wichtige Arbeit eine stärkere finanzielle Unterstützung von den Kommunen erhalten.

Grundsätzlich müsste das Therapieangebot für die Betroffenen, das von den gesetzlichen Krankenkassen bezahlt wird, erweitert werden. Gestalttherapie oder künstlerische Therapien werden beispielsweise nicht übernommen. Wir setzen uns dafür ein, dass das Angebotsspektrum erweitert wird.

Hofmeister: Es ist natürlich so, dass in Ballungsräumen die Dichte derer, die entsprechende Fortbildung und Kompetenz für Betroffene von sexueller Gewalt haben, größer ist als in dünn besiedelten Regionen. Deshalb arbeiten wir sehr stark an entfernungsunabhängigen Instrumenten, an Online-Interventionen, die angewendet werden können bis zu einer speziellen Behandlung. In Bezug auf die langen Wartezeiten bei Psychotherapeuten müssten Betroffene von erlebter sexueller Gewalt unserer Ansicht nach priorisiert werden.

Ärzte und Psychotherapeuten können auch selbst Täter sein. Im Sommer wurde beispielsweise bekannt, dass ein Assistenzarzt am Universitätsklinikum des Saarlandes über Jahre Kinder sexuell missbraucht hat. Was denken Sie, wenn sie so etwas hören?

Rörig: Der Fall ist unerträglich, er erschüttert mich zutiefst. Es war zudem eine Konstellation, die besonders betroffen macht: Der Arzt arbeitete an der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie in einer Ausscheidungsambulanz. Und auch die haarsträubenden Fehlentscheidungen, die von der Klinikleitung getroffen wurden, wie die Eltern der betroffenen Kinder nicht zu informieren, sind unfassbar. Ich finde sehr gut, dass das Saarland auf die Fehlentscheidungen zum einen mit der Einrichtung einer Kinderschutzkommission reagiert und zum anderen auch einen Untersuchungsausschuss eingerichtet hat.

Stephan Hofmeister: „Wir wollen den Kollegen Mut machen, die Dinge zu adressieren und ihnen Handwerkszeug an die Hand geben.“
Stephan Hofmeister: „Wir wollen den Kollegen Mut machen, die Dinge zu adressieren und ihnen Handwerkszeug an die Hand geben.“

Hofmeister: Das ist ein entsetzlicher Fall. Verschärft dadurch, dass Patienten ja Schutzbefohlene sind. Man muss in besonderer Weise davon ausgehen, dass der Arzt oder Therapeut hilft und nicht schadet. Für Praxen gibt es ein Gerüst an etablierten Maßnahmen, um solchen Taten vorzubeugen: So muss jeder Vertragsarzt ein erweitertes Führungszeugnis vorlegen. In den Qualitätssicherungsleitlinien gibt es Vorgaben zum Beschwerdemanagement. Praxen sollten die Chaper-one-Technik anwenden, also mit dem Prinzip der offenen Tür oder der zweiten Person im Raum arbeiten, um mit Kindern und Frauen nicht allein zu sein.

Schutzkonzepte gegen sexuelle Gewalt in Kitas, Schulen, Heimen, Sportvereinen aber auch eben in Krankenhäusern und Praxen gibt es bundesweit noch viel zu selten. Sollte es hierzu eine gesetzliche Verpflichtung geben?

Rörig: Ich bin nach acht Jahren im Amt, in denen ich sehr stark auf Freiwilligkeit gesetzt habe, inzwischen auch für eine gesetzliche Verpflichtung. Die DKG hat unsere Initiative zu Schutzkonzepten im Krankenhaus aufgenommen, und will auf eine entsprechende Verankerung über eine G-BA-Richtlinie hinwirken. Es ist sehr wichtig, in Kliniken und in Praxen Elemente von Schutzkonzepten und Maßnahmen zu etablieren. Das wichtigste ist aber zunächst, dass in einer Struktur oder in einem Team über das Thema gesprochen wird. Bei der Personalauswahl muss darauf geachtet werden, dass erweiterte Führungszeugnisse vorgelegt werden. Wichtig sind auch Beschwerdeverfahren und Ansprechpersonen für Verdachtsfälle. In Praxen sollte das Thema offen kommuniziert werden. In die Schulgesetze der Länder sollte unbedingt eine Verpflichtung zur Einführung von Schutzkonzepten aufgenommen werden. Ich bin sehr gespannt, wie sich dieser Prozess fortsetzt.

Hofmeister: Man muss immer unterscheiden zwischen Kindesmissbrauch im Einzelfall und dem systemischen Kindesmissbrauch. Solche Täter suchen potenzielle Opfer ja ganz gezielt in Institutionen wie Sportvereinen, Wohngruppen für Menschen mit Behinderung, im Gesundheitswesen oder kirchlichen Einrichtungen. Hier ist eine ganz andere Herangehensweise notwendig als in Bezug auf Einzeltäter. Wir brauchen Strukturen, um solche Täter zu identifizieren.

Was wollen Sie beide weiter gemeinsam unternehmen, um zu verhindern, dass Kinder sexuellen Übergriffen ausgesetzt sind?

Rörig: Wir haben gerade gemeinsam einen Flyer entwickelt, der gute Vorschläge für den ambulanten Bereich formuliert. Er zeigt viele kleine Schritte auf, damit die Arztpraxis ein Schutzort wird, an dem Kinder, die sexuelle Gewalt in der Familie, durch Gleichaltrige, im Sport, durch das Internet oder im kirchlichen Bereich erlebt haben, Hilfe bekommen.

Hofmeister: Wir wollen Ideen geben, wie das Thema Kinderschutz in den Praxen adressiert werden kann. Dies kann mithilfe der Flyer, Broschüren und Plakate erfolgen, die über die Homepage des Missbrauchsbeauftragten kostenlos bestellt werden können (Info-Kasten).

Die zweite Komponente ist die Fortbildung von Ärzten und Psychotherapeuten, die wir weiter unterstützen.

Das Interview führten Petra Bühring
und Rebecca Beerheide

Infos für Heilberufe und Hilfen für Betroffene von sexueller Gewalt

  • Die Medizinische Kinderschutzhotline 0800 19 21 000 berät rund um die Uhr Ärzte und Psychotherapeuten bei Verdachtsfällen von Kindesmisshandlung und sexuellem -missbrauch.
  • Das Hilfeportal Missbrauch des UBSKM informiert Betroffene und Angehörige über Beratungs- und Therapieangebote sowie ihre Rechte. Eine bundesweite Datenbank zeigt, wo es in der eigenen Region Hilfsangebote gibt: www.hilfeportal-missbrauch.de und Telefon: 0800 22 55 530
  • Der Info-Flyer „Wie praktizieren wir Kinderschutz in der Praxis?“ zeigt auf, was in Praxen getan werden kann, um Kinder und Jugendliche vor sexualisierter Gewalt zu schützen. Auch ein Plakat für das Wartezimmer weist auf das Thema Kinderschutz hin. Beides kann kostenlos beim UBSKM bestellt werden: https://store.kein-raum-fuer-missbrauch.de/ubk/UserContentStart.aspx. Der Flyer liegt zudem einer Teilauflage dieser Ausgabe bei.
  • Die KBV hat ein auf den ambulanten Gesundheitsbereich zugeschnittenes zertifiziertes E-Learning-Angebot zum Thema Kinderschutz entwickelt. Das erste Modul mit dem Schwerpunkt Schutzkonzepte steht im Online-Fortbildungsportal der KBV zur Verfügung: https://fortbildungsportal.kv-safenet.de
  • Zudem bietet die KBV eine Themenseite „Interventionen bei Gewalt“: https://www.kbv.de/html/interventionen_bei_gewalt.php
  • Die Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie/Psychotherapie am Universitätsklinikum Ulm bietet einen Online-Grundkurs „Kinderschutz in der Medizin“ für alle Gesundheitsberufe sowie einen Online-Kurs zur „Prävention von sexuellem Missbrauch“: https://elearning-Kinderschutz.de

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