ArchivDeutsches Ärzteblatt47/2019Digitalisierung: Verteufeln hilft nicht

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Digitalisierung: Verteufeln hilft nicht

Dtsch Arztebl 2019; 116(47): A-2159

Schmedt, Michael

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Michael Schmedt, Stellv. Chefredakteur
Michael Schmedt, Stellv. Chefredakteur

Der Datenschutz bleibt die Achillesferse der Digitalisierung im Gesundheitswesen. Erst vier Tage vor der Bundestagsdebatte zum Digitalen Versorgungs-Gesetz fiel auf, dass Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Jens Spahn (CDU) mit dem Gesetz die Abrechnungsdaten der Patienten zentral zu Forschungszwecken speichern wollte. Dafür gibt es zwar schon seit 2004 eine sozialrechtliche Grundlage, aber nicht in diesem Umfang. Die Aufregung und die Schlagzeilen waren groß, das Ministerium handelte. Die Abrechnungsdaten wie Alter, Geschlecht, Wohnort und Diagnosecodes werden nur noch pseudonymisiert weitergegeben.

Weil sich Opposition, Digitalisierungsgegner und auch viele Medien auf den vermeintlichen Datenschutzskandal einschossen, kam es aber nicht zu einer notwendigen Diskussion um das eigentliche Thema: Wie gehe ich mit Abrechnungs- und Forschungsdaten um, die der medizinischen Versorgung und damit den Patienten zugutekommen? Selbst die Sprecherin der Datenethikkommission der Bundesregierung, Prof. Dr. med. Christiane Woopen, sagte, dass es prinzipiell möglich sein müsste, mit den Abrechnungsdaten zu forschen. Doch bedürfe es strenger Regeln, wie etwa eines strafbewährten Verbotes, sollte jemand versuchen, den Klarnamen eines Patienten aufzudecken. Zudem weist die Datenethikkommission in ihrem aktuellen Gutachten darauf hin, dass auch die Nichtnutzung von Daten in ethischer Hinsicht zu verantworten ist, da so möglicher Fortschritt verhindert werde.

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Jens Spahn kann man vorwerfen, erneut vorgeprescht zu sein. Datenauswertungen sind dennoch sinnvoll. Schließlich hat der Minister keine Kooperation mit Google eingefädelt. Denn was nicht passieren darf, sieht man in den USA: Der katholische US-Gesundheitsversorger Ascension ermöglicht Google den Zugriff auf Gesundheitsdaten von Millionen US-Bürgern für Anwendungen der künstlichen Intelligenz, um die klinische Wirksamkeit sowie die Patientensicherheit zu verbessern, wie Ascension mitteilte. Das ist für die USA nicht ungewöhnlich, nur waren die Patienten nicht informiert. Zudem ist bei Google klar: Man will mit den Daten Geld verdienen. Für Deutschland bedeutet dies, schnellstmöglich und transparent diskutiert gesetzliche Regelungen für die Verarbeitung von Patientendaten festzulegen.

Zu allem Überfluss gerieten jetzt auch Ärzte in die negativen Schlagzeilen. Ein Großteil der Arztpraxen soll über ihre Praxis-IT angreifbar sein, weil der Konnektor für die Tele­ma­tik­infra­struk­tur (TI) parallel angeschlossen wurde, was zusätzliche Schutzmaßnahmen erfordert (Seite 2167). Dass der serielle Anschluss aber aufwendiger zu installieren ist – ergo die Techniker den einfacheren parallelen Weg gehen – und den Zugang zu notwendigen Internetanwendungen einschränken kann, damit wurden die Ärzte alleingelassen. Die Schnelligkeit, mit der Spahn den Anschluss an die TI durchprügeln wollte, hat Qualitätsmängel möglich gemacht. Da hilft es wenig, wenn die Gematik lapidar erklärt, der Arzt sei für die Datensicherheit verantwortlich. Denn dieser ist schließlich Arzt und nicht Netzwerk-Experte. Nicht vor der Digitalisierung selbst muss man Sorge haben, sondern vor schlecht vorbereiteten Rahmenbedigungen. Datenauswertung und Anwendungszenarien müssen mit Bedacht und praxisorientiert organisiert werden. Dann kann die Digitalisierung ihr großes Potenzial für eine bessere medizinische Versorgung entfalten. Generelles Verteufeln hilft nicht.

Michael Schmedt
Stellv. Chefredakteur

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