ArchivDeutsches Ärzteblatt47/2019Von schräg unten: Urlaub

SCHLUSSPUNKT

Von schräg unten: Urlaub

Dtsch Arztebl 2019; 116(47): [48]

Böhmeke, Thomas

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS

Sind es nicht die schönsten Wochen im Jahr, während derer wir uns restaurieren und regenerieren, reanimieren und rehabilitieren dürfen? Eine Auszeit nehmen, die signifikant länger ist als ein schrittmacherbedürftiger AV-Block dritten Grades? Hedonismus statt Hektik, Phlegma statt Überarbeitung? Da ich schon abgerieben bin wie ein arthrotischer Hüftkopf, sehe ich die dringliche Indikation zur ärztlichen Absence und fliehe mit der besten aller Ehefrauen in den sonnigen Süden.

Abends sitzen wir fröhlich auf der Hotelterrasse, nippen köstlichen Wein und freuen uns auf das, was uns kulinarisch erwartet. Plötzlich fragt mich meine Frau ganz besorgt: „Was machst Du denn mit Deinen Fingern?“ Völlig irritiert schaue ich auf meine rechte Hand, tatsächlich, die Finger nesteln, zwirbeln und drehen sich. Erklären kann ich mir das nicht, daher hebe ich zu einem Vortrag über Nesteln auf Intensivstationen als Hinweis für drohende Verwirrtheit an, derartiges kann aber hier keinesfalls vorliegen, da mir nicht bekannt ist, dass Intensivstationen ausgezeichneten Wein und leckeres Essen vor bezaubernder mediterraner Kulisse aufbieten würden.

Anzeige

Die Sorge weicht nicht aus den Augen meiner Frau. Dabei fällt mir auf, dass ein solcher Blick eigentlich ökologisch äußerst wertvoll ist, sie hätte ja auch sagen können: “Das kommt mir unheimlich vor, ich würde wirklich gerne wissen, was mit Deinen Fingern los ist, ob es Dir wirklich gut geht!“ Für eine solche Aussage verbraucht man bestimmt viel O2 und produziert jede Menge schädliches CO2. Ein guter Grund, nicht weitschweifig zu diskutieren, sondern mittels Körpersprache auf den Punkt zu kommen. Die Miene meiner Frau hellt sich auf: „Ich weiß, was das ist! Deine Finger sind noch im Katheterlabor, drehen an Drähten und schieben Stents vor!“ Tatsächlich! Ich sage meinen hyperaktiven desorientierten Fingern, dass die Stenose dilatiert und die Vorspeise an der Reihe ist.

Aber anstelle die Aromen zu loben, meint meine Frau: „Was ist denn jetzt mit Deiner Hand los?“ Ich schaue hin, in der Tat macht meine rechte Hand eine grapschende Bewegung. Du lieber Himmel, ich bin doch kein Grapscher! „Kann es sein, dass Deine rechte Hand noch in der Praxis ist und nach dem Ultraschallkopf greift?“ Das könnte durchaus sein! In der Tat, dies ist meine eingravierte Bewegung beim Ultraschall! Ich teile meiner etwas außer Kontrolle geratenen Hand mit, dass die Untersuchung fertig und mittlerweile der Hauptgang aufgetischt ist. Danach schließe ich die Augen und träume völlig entspannt der gerade absolvierten olfaktorischen Reise hinterher.

„Warum legst Du Deine Stirn in Falten? Stört Dich etwas?“ Stören? Dafür besteht doch keinerlei Grund! Ich kontrolliere die Stirn im spiegelnden Fenster, in der Tat, ich runzele vor mich hin. Das verunsichert mich wie einen Colonpolypen in der Polypektomieschlinge. „Ich nehme mal an, dass Teile Deines Gehirns noch bei der Arbeit sind und Laborwerte studieren, die Dir nicht gefallen.“ Meine Güte. Jetzt muss ich mir statt Rosmarin und Thymian, statt Kardamom und Koriander ein paar völlig normale Laborwerte vorstellen. „Es klappt! Die Falten sind weg, das steht Dir auch viel besser!“

Am nächsten Tag ist alles wie weggefegt, kein Nesteln und Zwirbeln, kein Grapschen und Runzeln. Liebe Kolleginnen und Kollegen, falls Sie genau wie ich am Urlaubsanfang mit Verdachtsdiagnosen wie Automatismen, Tics oder Durchgangssyndromen konfrontiert sind: Das geht vorbei und danach kommt ganz sicher die Erholung.

Dr. med. Thomas Böhmeke
ist niedergelassener Kardiologe in Gladbeck.

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema